24. Mai 2016
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„Für die Schulmediziner gelte ich als austherapiert“

Thorsten Hetfeld ist endlich schmerzfrei – dank medizinischem Cannabis. Doch die Kasse will die alternative Behandlung nicht zahlen

Thorsten Hetfeld aus Forstinning war lange auf hochdosierte Schmerzmittel wie Opiate angewiesen. Doch gewirkt haben sie kaum und hatten obendrein starke Nebenwirkungen. Sein Leben änderte sich schlagartig, als er vor einem Dreivierteljahr eine alternative Therapie startete: mit medizinischem Cannabis. Finanzieren muss sich der chronisch Kranke die teure Arznei, die endlich hilft, allerdings aus eigener Tasche. Gemeinsam mit dem VdK kämpft er für eine Kostenübernahme.

VdK-Mitglied Thorsten Hetfeld (rechts) hat gut lachen. Denn im Moment ist er schmerzfrei. Doch die immensen Kosten für sein Cannabis-Schmerzmedikament muss er sich privat leisten. Immer an seiner Seite: seine Frau Alexandra. | © Elisabeth Antritter


Zwischendurch ein kerniges, lautes Lachen, das ansteckt. VdK-Mitglied Thorsten Hetfeld sitzt lässig auf seinem Wohnzimmersofa und grinst übers ganze Gesicht. Ja, im Moment gehe es ihm ziemlich gut, bestätigt der Forstinninger. Der Grund: Er ist so gut wie schmerzfrei. Endlich. Nach 35 Jahren. Auf den Rollstuhl, in dem er zehn Jahre lang saß, kann er zurzeit verzichten. Die Krücken lässt er ebenfalls in der Ecke stehen.

Körper als Ersatzteillager


Der Schmerzpatient aus dem Landkreis Ebersberg bekommt fast täglich Anrufe, seit er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen ist. So haben Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“, der „Bild“-Zeitung sowie Reporter des Bayerischen Rundfunks über seine Geschichte berichtet. Er beugt sich vor und zeigt ein Röntgenbild, das auf dem Laptop schimmert. „So schaut mein rechter Oberschenkel von innen aus“, sagt er. Die Aufnahme zeigt einen Knochen, der von einer langen Metallplatte und zwölf Schrauben zusammengehalten wird. Das Resultat einer Reihe von Knochentransplantationen. Mehrere davon hat der gebürtige Allgäuer schon als Jugendlicher hinter sich gebracht. „Mein eigener Körper diente als Ersatzteil­lager“, erzählt der 47-Jährige. So wurden Teile des Becken­knochens und das linke Wadenbein in den rechten Oberschenkel transplantiert. Grund für die schweren Eingriffe ist ein seltener Gen­defekt, Fibröse Dysplasie genannt, wodurch sich bei ihm mehrere Knochen schmerzhaft verformten.

Dass er die Schmerzen losgeworden ist, hat er einer alternativen Therapie zu verdanken. Thorsten Hetfeld gehört zu den deutschlandweit 650 Schmerzpatienten, die ihre Beschwerden mit Cannabis behandeln dürfen. Diese chronisch Kranken haben eine Ausnahme­erlaubnis erhalten und können die Medizin legal aus der Apotheke beziehen – bezahlen müssen sie die Therapie bislang selbst. Und die Kosten sind immens. Manche Betroffene bauen deshalb Marihuana-Pflanzen selbst an. Bis vor kurzem machten sie sich damit noch strafbar.

Für den Oberbayer kommt ein Eigenanbau nicht in Frage: „Bei meinem Bedarf müsste ich mich um eine ganze Plantage kümmern und wäre den ganzen Tag mit Gärtnern beschäftigt.“ Ohnehin ein Irrsinn, so eine anstrengende Arbeit schwerkranken Menschen zuzumuten. Hetfeld gibt monatlich etwa 4500 Euro für die Behandlung aus. Mittlerweile ist der IT-Spezialist pleite. Gemeinsam mit dem VdK-Kreisverband Ebersberg kämpft er für die Kostenübernahme seiner Arznei. Wenn die Krankenkasse nicht einlenkt, droht ihm die Rolle rückwärts – Wiederkehr der Schmerzen, zurück in den Rollstuhl.

Noch vor einem Jahr sah der Alltag des 47-Jährigen hoffnungslos aus. „Ich schluckte 80 Opiat-Tabletten täglich.“ Trotz der massiven Behandlung saß er immer wieder schmerzgekrümmt im Rollstuhl und litt obendrein unter starken Nebenwirkungen. Woher er die Löwenkräfte nahm, jeden Tag zu arbeiten, kann sich der Freiberufler auch nicht erklären. „Für die Schulmediziner galt ich als austherapiert, weil alle klassischen Methoden in meinem Fall versagt haben.“ Im August 2015 dann die Kehrtwende: Betreut durch Spezialisten einer Schmerzklinik, stieg er auf die Cannabis-Therapie um. Mit durchschlagendem Erfolg. Nebenwirkungsfrei.

Forscherwille: Fehlanzeige


Gebetsmühlenartig muss Thorsten Hetfeld betonen, dass es ihm nicht um den Genuss geht, er kein „Kiffer“ ist. Er bedauert, dass der Forscherwille in Deutschland über Cannabis in der Schmerztherapie bislang gleich Null ist. „Andere Länder sind da viel weiter, Israel zum Beispiel“, weiß Hetfeld.
Doch endlich tut sich hierzulande etwas. So hat sich Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml dafür ausgesprochen, dass Betroffenen der legale Zugang zur Cannabis-Arznei erleichtert wird und die Kosten dafür erstattet werden. Und auf Bundesebene wurde Anfang Mai nach jahrelangen Diskussionen ein Gesetz auf den Weg gebracht, wonach Cannabis für Schwerkranke künftig eine Kassenleistung sein soll – begleitet von Studien. Bis die Neuregelung im Frühjahr 2017 in Kraft tritt, müssen die Betroffenen allerdings noch viel Geduld und Geld haben. Hetfeld engagiert sich derzeit auf allen Kanälen, denn „aufgeben gilt nicht“. Als Mitglied im Cannabis Verband Bayern (www.cannabis-verband.de) etwa setzt er sich dafür ein, dass im Freistaat das erste Cannabis-Therapiezen­trum Deutschlands entsteht.

Elisabeth Antritter

Schlagworte Schmerztherapie | chronische Schmerzen | Cannabis | Kassenleistung | Gesetzliche Krankenversicherung | Eigenanbau

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