24. Mai 2016
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„Dann müssen Sie zu einem anderen Arzt gehen“

Stufen, Treppen, kein Aufzug und Kommunikationsprobleme: Sozialverband VdK fordert Beseitigung von Barrieren in Arztpraxen

Der Gang zum Arzt endet für viele Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind oder im Rollstuhl sitzen, oftmals vor einer Treppe. Lediglich jede fünfte Hausarzt-Praxis ist ebenerdig zugänglich, bei den Zahnärzten ist es nur etwa jede siebte. Im Rahmen der VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ schildern Betroffene ihre Erfahrungen.

© imago/blickwinkel


Karl Ritterbex und seine Frau Marlene wissen nicht, wie lange sie noch zu ihrem Augenarzt gehen können. Beide haben Hüftprobleme und können nur mit Mühe die Treppe in den ersten Stock steigen. Einen Aufzug gibt es nicht. „Einer Bekannten im Rollstuhl wurde gesagt, sie solle sich einen anderen Arzt suchen“, erzählt der Vorsitzende des VdK-Ortsverbands Waldfeucht in Nordrhein-Westfalen. Für Menschen in Gebieten mit einer dünnen Facharztdichte ist dieser Tipp ein schlecht gemeinter Rat. Sie müssen ohnehin schon weite Wege zurücklegen. Die Suche nach einer barrierearmen Praxis dürfte sich also sehr schwierig gestalten.

Orthopäde ohne Aufzug


Sogar Fachärzte, bei denen eigentlich vorausgesetzt werden müsste, dass ihre Praxen für mobilitätseingeschränkte Personen zugänglich sind, haben, was Barrierefreiheit angeht, deutliche Defizite. Auf der VdK-„Landkarte der Barrieren“ finden sich einige Einträge, die Orthopäden betreffen. So schreibt Ina Kerstin Augst aus Altenkirchen in Rheinland-Pfalz: „Patienten im Rollstuhl haben keine Möglichkeit, zum Orthopäden und zur Physiotherapie zu gelangen, weil es keinen Aufzug gibt.“ Gleiche Situation, anderer Ort: In Nürnberg müssen Patienten eines Zahnarztes und eines Allgemeinmediziners 25 Stufen bewältigen. „Es ist nicht mit anzuschauen, wie sich manche Menschen mit Gehhilfen die Treppe hoch quälen“, sagt Siegfried Engel. Der 78-Jährige, der im VdK-Kreisverband Nürnberg als Revisor aktiv ist, ärgert sich über diese Situation und hat sich deswegen auch schon an die Stadt gewandt. „Der Kommune gehört das Gebäude, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass Barrierefreiheit ganz oben auf der Aufgabenliste steht“, schildert der VdK-Ehrenamtliche. Dabei seien doch nicht wenige Menschen betroffen.

Das zeigt auch die Resonanz auf die VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ Seit ihrem Start im Januar haben mehr als 30.000 Menschen die Forderungen des VdK für ein barrierefreies Deutschland unterstützt. Auf der Webseite www.weg-­mit-den-barrieren.de wurden über 1400 Barrieren gemeldet. Im Bereich „Arztpraxen“ wird am häufigsten von Stufen und Treppen sowie fehlenden Aufzügen berichtet. Behindertentoiletten oder spezielle Untersuchungsmöbel sind überall die Ausnahme. Desweiteren können sich Blinde und Sehbehinderte schlecht zurechtfinden, und Gehörlose sowie Hörgeschädigte haben Kommunikationsschwierigkeiten. Oft wird die Verständigung selbst zur Barriere.
Sogar in Radiologischen Praxen kommt es offenbar vor, dass Patienten, die es nicht ohne fremde Hilfe auf die Untersuchungsliege schaffen, abgewiesen werden. Andrea Schatz aus Berlin hat diese Erfahrung gleich in drei Radiologischen Praxen machen müssen. Die 58-Jährige sitzt im Rollstuhl und kann ihre Beine nicht bewegen. Das heißt, sie schafft es nicht alleine auf die Liege zur Magnetresonanz-Tomografie (MRT). „Von den Schwestern bekam ich die Antwort, dann müsse ich jemanden mitbringen, der mich trägt“, sagt Andrea Schatz. Generell sei es nicht möglich, mit dem Rollstuhl in den Untersuchungsraum zu fahren, da Metallteile nicht in die Nähe des MRT gelangen dürfen. „Das kann doch nicht sein, dass ich eine Überweisung zum MRT bekomme und nicht untersucht werde, nur weil ich im Rollstuhl sitze“, ärgert sie sich. Sabine Lingelbach von der Pressestelle des Berufsverbands Deutscher Radiologen e. V. kennt die Problematik und versucht, Betroffenen Mut zu machen: „Die Praxis darf Patienten im Rollstuhl nicht abweisen“, sagt sie und rät, schon vorab auf die Mobilitätseinschränkung aufmerksam zu machen. Auch der Hausarzt, der die Überweisung ausstellt, könne unterstützen. Falls man abgewiesen werde, müsse man auf seinem Recht bestehen, denn die Praxis müsse die Untersuchung durchführen. Andrea Schatz fand in Berlin allerdings keine Praxis, die dazu bereit war.
Doch nicht nur in Arztpraxen, sondern auch bei anderen medizinischen Dienstleistern gibt es in punkto Barrierefreiheit noch jede Menge nachzuholen. Manchmal ist der erste Schritt schon getan, wie bei einer Apotheke in Freigericht-Somborn in Hessen. „Dort gibt es bereits eine Rampe. Nur ist die so steil, dass sie ohne fremde Hilfe nicht benutzt werden kann“, berichtet Eric Ehlert.

Umbau kostet viel Geld


Fazit: Noch ist Barrierefreiheit in den bundesdeutschen Arztpraxen nicht die Regel, so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention verbindlich festschreibt. Laut nationalem Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention sollen Arztpraxen zunehmend barrierefrei zugänglich werden. Beim Neubau von Praxen scheint dies auch machbar, weil bei der Zulassung durch die Kassen­ärztlichen Vereinigungen Barrierefreiheit eine wichtige Komponente ist. Schwieriger stellt sich die Lage bei den Bestandspraxen dar. Der Sozialverband VdK fordert, für den barrierefreien Umbau 80 Millionen Euro im Jahr bereitzustellen. Das sieht die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) genauso, hält diese Investitionen ohne ein Förderprogramm jedoch nicht für machbar. Ein Gutachten des Architektur- und Ingenieurbüros Opper untermauert diese Aufassung. Anhand von drei Musterpraxen wird gezeigt, was ein barrierefreier Umbau kosten würde.
„Die Investitionen liegen häufig im sechsstelligen Bereich“, so Architekt Frank Opper. Der Gutachter hat den nicht barrierefreien Zugang der Praxen als größtes Problem herausgearbeitet. Er selbst ist querschnittsgelähmt und weiß, dass schon eine Stufe eine unüberwindbare Barriere sein kann. „Da mein Zahnarzt seine Praxis im ersten Stock hat und kein Aufzug vorhanden ist, werde ich regelmäßig von ihm und seiner Assistentin hochgetragen“, sagt er. Das sei natürlich nicht die Regel, sondern ein besonderes Entgegenkommen. „Kein Arzt kommt heute und in Zukunft mehr an den Bedürfnissen mobilitätseingeschränkter und älterer Patienten vorbei“, sagt der Architekt. Dafür sorge schon der demografische Wandel.

Defekte Aufzüge, Treppen und fehlende Orientierungshilfen in Bürgerämtern, Banken oder ­Supermärkten, eingeschränkte Servicezeiten am Bahnhof, aber auch nicht barrierefreie Onlineportale, Fernsehsendungen und Hotlines oder der nicht vorhandene Behindertenparkplatz: Wenn Ihnen täglich Hindernisse im Weg stehen, melden Sie diese auf unserer Internetseitewww.weg-mit-den-barrieren.de. Auch in der VdK-Zeitung werden wir weiterhin regelmäßig über Barrieren berichten.

Ines Klut

Schlagworte Barrieren | Arztpraxis | mobilitätseingeschränkt | VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ | UN-Behindertenrechtskonvention

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