27. April 2016
VdK-Zeitung Archiv

Das „Prinzip Freiwilligkeit“ funktioniert nicht

Noch immer ist es dem Zufall überlassen, ob Menschen mit Behinderung eine Arztpraxis oder eine Internetseite besuchen können

Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Deutschland verpflichtet, Menschen mit Behinderung nicht zu benachteiligen. Doch bis zu einer gleichberechtigten und selbstbestimmten Teilhabe ist es noch ein langer Weg. Vor allem im Alltag, etwa bei Arztbesuchen oder beim Einkaufen, stoßen Menschen mit Behinderung auf viele Barrieren.

© VdK

Bisher ist die Privatwirtschaft nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet. Stattdessen verlässt sich der Gesetzgeber darauf, dass Unternehmen von sich aus Barrieren abbauen und keine neuen schaffen. Doch das „Prinzip Freiwilligkeit“ funktioniert nicht: Sehbehinderte Menschen können bis heute viele Online-Dienste nicht nutzen, private Fernsehsender untertiteln nur etwa jede 20. Sendung, und es bleibt dem Zufall überlassen, ob Menschen mit Mobilitätseinschränkung ein Geschäft aufsuchen können oder nicht. Bedenklich wird die Situation, wenn es um die gesundheitliche Versorgung geht. So ist lediglich jede fünfte Hausarzt-Praxis ebenerdig zugänglich, bei den Zahnärzten ist es sogar nur etwa jede siebte.

Es mangelt am Druck

Seit dem Start der VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ im Januar haben mehr als 30.000 Menschen die Forderungen des VdK für ein barrierefreies Deutschland unterstützt. Auf der Webseite www.weg-mit-den-barrieren.de wurden über 1200 Barrieren gemeldet. Dazu zählen Hindernisse in Handels- und Dienstleistungsunternehmen, in Gastronomiebetrieben und bei Freizeitangeboten. Oft würden kleine und kostengünstige Änderungen reichen, um eine Barriere zu beseitigen, wie zum Beispiel eine Rampe oder die kontrastreiche Markierung einer Treppe.

Es mangelt nicht nur an der nötigen Sensibilität für Menschen mit Behinderung, sondern auch an Beratung und Aufklärung. Und am Druck, damit endlich etwas passiert. Dass ausgerechnet ein Orthopäde für mobilitätseingeschränkte Menschen schwer zu erreichen ist, bringt Anya Rohe-Schroth aus Pforzheim auf die Palme. „Wär’s ein Schönheitschirurg, würde ich nichts sagen“, empört sie sich. Einen Aufzug gibt es zwar, aber die Praxis liegt eine halbe Etage höher. Rohe-Schroth, die kürzlich dem VdK beigetreten ist, ist gehbehindert und Rollstuhlfahrerin. Das Treppensteigen fällt ihr schwer, aber es geht noch. Sie fragt sich: „Was macht jemand, der seine Füße gar nicht mehr bewegen kann?“

Auch Fitnessstudios mit einer Kassenzulassung für Rehasport werden von Menschen mit Bewegungseinschränkungen besucht. Christina Täuber, Vorsitzende des VdK-Ortsverbands Schnaittach im Nürnberger Land, wundert sich über die Lage eines solchen Studios in Lauf: „Es liegt im zweiten Stock oberhalb eines Baumarkts und ist nur über eine sehr steile Treppe zu erreichen.“ Einen Aufzug gibt es nicht. Ältere und kranke Menschen tun sich schwer, in die Räume zu gelangen. „Rehasport sollte eigentlich keine Fitness voraussetzen und gut erreichbar sein“, sagt Täuber. Sie bedauert, dass das Fitnessstudio so ungünstig gelegen ist, denn das Training sei hervorragend.

Türöffner seit Jahren kaputt

Wie einfach es wäre, das Leben von Menschen mit Behinderung zu erleichtern, zeigt das Erlebnis, das Waltraud Koch aus Köln schildert. Drei- bis viermal im Jahr muss sie mit ihrem Mann, einem Rollstuhlfahrer, die Krankenkasse aufsuchen. Die Filiale hat zwar einen automatischen Türöffner, aber der ist seit zwei Jahren defekt. „Ich reklamiere das jedes Mal, aber es wird nicht ernst genommen“, berichtet das VdK-Mitglied. „Man müsste kein Vermögen investieren – es wäre doch nur eine Reparatur.“

Geldautomat zu hoch

Wenn sie Geld abheben will, muss Liane Blabl einen Bankangestellten zu Hilfe holen. | © VdK-Kreisverband Offenburg

Die Geldautomaten ihrer Bank sind zwar neu, aber Liane Blabl kann sie nicht nutzen. Die Vertrauensperson schwerbehinderter Menschen im Landratsamt Offenburg ist kleinwüchsig und kann die Eingabe-Aufforderungen auf dem Bildschirm nicht sehen. Sie kann lediglich die Karte einführen, bekommt sie aber nicht mehr raus. Als ihr das zum ersten Mal passierte, geriet sie in Panik. Seither holt sie immer einen Bankangestellten zu Hilfe, um Geld abzuheben. „Das geht aber nur während der Arbeitszeit“, bedauert sie. „Bei solchen Hindernissen frage ich mich, wie Deutschland barrierefrei werden soll.“

Über Probleme beim Einkaufen berichtet Manuela Scholz aus Bochum. Das VdK-Mitglied ist aufgrund einer MS-Erkrankung öfter mit Krücken unterwegs. Im Einkaufszentrum „Drehscheibe“ in der Innenstadt lassen sich die Türen nur schwer öffnen. „Wenn man eine Einkaufstasche dabei hat oder mit Rollator oder Kinderwagen unterwegs ist, ist das kaum machbar“, sagt sie. Im benachbarten „City Point“ wurden erst kürzlich elektrische Schiebetüren eingesetzt. Allerdings ist hier der Aufzug häufig defekt, und die Rolltreppen sind erst ab 10 Uhr in Betrieb, während die Geschäfte bereits ab 9 Uhr öffnen.

In ihrer Freizeit begegnen Menschen mit Behinderung unzähligen Barrieren – sei es beim Surfen im Internet, bei Führungen oder Konzerten, im Kino oder einfach nur beim Essengehen oder einem Kneipenbesuch. Während bei Neubauten Barrierefreiheit mittlerweile verpflichtend ist, gelten die Regelungen nicht für den Gebäudebestand. Oft spielt der Denkmalschutz eine Rolle. Das Schloss Sanssouci in Potsdam beispielsweise darf von Menschen mit Elektrorollstuhl nicht besichtigt werden, weil der Boden beschädigt werden könnte.

Auch bei der Sanierung der „Flora“ in Köln, einem historischen Veranstaltungsgebäude im gleichnamigen Botanischen Garten, wurden Menschen mit Mobilitätseinschränkungen vergessen. Rund 20 Stufen führen zur Terrasse des Gartenrestaurants. VdK-Mitglied Wolfgang Saenger ärgert sich: „Wir waren mit dem Kinderwagen unterwegs. Um ins Restaurant zu kommen, mussten wir einmal ums Gebäude herumlaufen und durften ausnahmsweise und nur in Begleitung des Sicherheitspersonals den Aufzug benutzen. Dann mussten wir das komplette Gebäude nochmals durchqueren.“ Beschwert hatten sich schon mehrere Bürger. Jetzt soll im Sommer eine Rampe gebaut werden.

Barrieren Melden

Defekte Aufzüge, Treppen und fehlende Orientierungshilfen in Bürgerämtern, Banken oder Supermärkten, eingeschränkte Servicezeiten am Bahnhof, aber auch nicht barrierefreie Onlineportale, Fernsehsendungen und Hotlines oder der nicht vorhandene Behindertenparkplatz:

Wenn Ihnen täglich Hindernisse im Weg stehen, melden Sie diese auf unserer Internetseite www.weg-mit-den-barrieren.de.

Auch in der VdK-Zeitung werden wir weiterhin regelmäßig über Barrieren berichten.


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12.01.2016

Annette Liebmann

Schlagworte VdK-Kampagne | Barrieren melden | UN-Behindertenrechtskonvention | Teilhabe | Inklusion

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