29. März 2016
VdK-Zeitung Archiv

Ausgeschlossen, abgehängt und ausgebremst

Menschen mit Behinderung haben es schwer, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen – Vor allem die Bahn macht Probleme

Mit seiner bundesweiten Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ kämpft der Sozialverband VdK dafür, dass auch Menschen mit Behinderung uneingeschränkt öffentliche Verkehrsmittel nutzen können. Noch sieht die Realität anders aus. Das können viele VdK-Mitglieder bestätigen. Über 650 Barrieren wurden seit dem Kampagnenstart im Januar auf der Webseite www.weg-mit-den-barrieren.de gemeldet, darunter mehr als 80 Straßenbahn-, S-Bahn-, U-Bahn- und Bushaltestellen und über 220 Bahnhöfe.

Der Bahnhof Münchweiler/Alsenz in Rheinland-Pfalz wurde zwar modernisiert, aber nicht barrierefrei gestaltet. | © Klaus Lincker

Am häufigsten bemängelt werden nicht barrierefreie Zustiege zu Bus, Tram und Bahn sowie fehlende oder defekte Aufzüge zu den Bahnsteigen. Fast jede zweite gemeldete Barriere hat mit dem öffentlichen Nahverkehr zu tun, etwa jede dritte betrifft die Deutsche Bahn (DB). Annerose Hintzke vom Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität, dessen Träger der VdK Deutschland ist, wundert das nicht: „Derzeit sind etwas mehr als die Hälfte der deutschen Bahnhöfe barrierefrei umgebaut. Die großen Bahnhöfe sind oft bereits fertiggestellt oder der Umbau ist in Planung, während die Reisenden bei kleinen Stationen auf massive Probleme stoßen.“

Die DB hat sich zum Ziel gesetzt, jedes Jahr 100 Bahnhöfe umzubauen. Dem VdK dauert das zu lange: „Bei diesem Tempo müssen wir noch 25 Jahre warten, bis endlich alle Bahnhöfe von Menschen mit Behinderung genutzt werden können.“ Hintzke fordert eine deutliche Erhöhung der Schlagzahl: „Wir wollen eine Verdoppelung der Neu- und Umbauten auf jährlich 200 und höhere Zuschüsse vom Bund“, bekräftigt sie. Barrierefreie Bahnhöfe nützten nicht nur mobilitätseingeschränkten Menschen, sondern allen Fahrgästen – auch Eltern mit kleinen Kindern und Reisenden mit viel Gepäck. Bis Menschen mit Behinderung problemlos von A nach B fahren können, müssen noch viele Barrieren beseitigt werden. Hier schildern einige VdK-Mitglieder exemplarisch, auf welche Barrieren sie gestoßen sind:

Neu, aber nicht barrierefrei

Der Bahnhof in Münchweiler/ Alsenz in Rheinland-Pfalz ist zwar neu, aber Menschen mit Gehbehinderung wurden beim Umbau einfach vergessen. Um auf das gegenüberliegende Gleis zu kommen, müssen Fahrgäste nun eine Fußgängerbrücke überqueren. „Auf der linken Seite fehlen am Handlauf des Geländers Schrauben, auf der rechten Seite weist ein verbeultes Blechschild darauf hin, dass die Benutzung auf eigene Gefahr erfolgt“, schildert Klaus Lincker, Vorsitzender des VdK-Kreisverbands Donnersberg. Für Menschen mit einer Gehbehinderung ist es fast unmöglich, das Gleis zu wechseln. Sie können einen Umweg über Kaiserslautern fahren, um von dort aus den Bahnsteig zu wechseln und in den richtigen Zug zu steigen. Oder sie können eine stark befahrene, einen Kilometer lange Straße ohne Gehsteig bergauf nehmen, um dann bergab zum Bahnsteig zu gelangen. Die DB hat den Bahnhof als „barrierefrei“ ausgewiesen.

Umwege und Irrfahrten

In Schandelah in Niedersachsen hat die DB einen einst barrierefreien Bahnhof so umgebaut, dass ihn Menschen mit Behinderung nicht mehr nutzen können. „Der Aufzugsschacht war schon eingebaut“, berichtet Thomas Hornig, Vorsitzender des VdK-Ortsverbands Wolfenbüttel, „doch dann hat die DB plötzlich argumentiert, es sei kein Bedarf vorhanden“. Und dabei gibt es in dem Ort nicht einmal eine Busverbindung zum nahegelegenen Braunschweig. Als Alternative schlägt die DB vor, einen Umweg über Helmstedt zu nehmen. „Welche Diskriminierung“, empört sich Hornig. „Diese Fahrt dauert fast drei Stunden.“

Mehrstündige Umwege musste kürzlich auch Bernd Kittendorf aus Ludwigshafen hinnehmen. Der Rollstuhlfahrer wollte mit seiner Frau spontan einen Ausflug machen. „Wir wollten von Ludwigshafen aus nach Worms fahren, etwas durch die Stadt bummeln und ein schönes Essen genießen“, berichtet das VdK-Mitglied. Den Hauptbahnhof Worms erreichte er zwar, doch auf dem Bahnsteig war der Aufzug außer Betrieb, und er konnte den Bahnhof nicht verlassen. Es folgte eine stundenlange Irrfahrt: Kittendorf und seine Frau fuhren weiter nach Monsheim, doch dort gibt es nur Treppen. Also weiter nach Grünstadt. Auch dort war der Aufzug kaputt, obwohl die Zugbegleiterin sich zuvor telefonisch erkundigt hatte. Die Reise ging weiter nach Ramsen, zurück nach Grünstadt an einen anderen Bahnsteig, nach Frankenthal und von dort aus schließlich zurück nach Ludwigshafen. Viereinhalb Stunden war das Paar unterwegs und hatte statt Sehenswürdigkeiten nur Bahnhöfe gesehen.

„Es ist schon viel erreicht worden, um das Reisen für mobilitätseingeschränkte Menschen zu erleichtern“, zieht Kittendorf Bilanz. Er würde sich aber eine Fahrplanauskunft für barrierefreie Verbindungen wünschen, die online aktuell über den Zustand von Stationen, Wegstrecken beim Umsteigen, eingesetzten Fahrzeugen und Aufzügen informiert.

Hilfe erst ab dem Bahnsteig

VdK-Mitglied Renate Bartl aus München hat erhebliche Gleichgewichtsstörungen und braucht Hilfe beim Reisen mit dem Zug. Diese Hilfe fängt aber erst am Bahnsteig an. „Mein Problem ist, dass die Mitarbeiter des Mobilitätsservice nicht in den Zug kommen und mir beim Aussteigen und mit dem Gepäck helfen dürfen. Das ist aber einer der schwierigsten Teile der Zugfahrt für mich“, schildert sie in einem Brief an die Deutsche Bahn. Ihrem Vorschlag, ob man den Mitarbeitern erlauben könnte, sie an ihrem Sitzplatz abzuholen, erteilte die DB eine Absage. „Die Haltezeiten der jeweiligen Züge sind oftmals zu kurz, um zum Sitzplatz zu begleiten beziehungsweise vom Sitzplatz abzuholen“, begründet die Deutsche Bahn in ihrem Antwortschreiben. Einmal, so Bartl, habe sie in einem Zug im Hauptbahnhof München so lange auf die Unterstützung des Schaffners gewartet, bis das Licht ausgeschaltet wurde. Jemand vom Reinigungspersonal habe ihr schließlich geholfen, auszusteigen.

Beschwerlicher Arbeitsweg

Wie beschwerlich es sein kann, mit öffentlichen Verkehrsmitteln täglich zur Arbeit zu fahren, berichtet Petra Rubow. Das VdK-Mitglied aus Hamburg-Harburg ist von Geburt an schwerbehindert und seit einiger Zeit auf den Rollator angewiesen. Täglich nutzt die Finanzangestellte Bus und S-Bahn, um zur Arbeit zu kommen. Schon das Einsteigen ist schwierig: „Manche Fahrer senken den Bus nicht ab oder fahren nicht richtig ran, so dass zwischen Gehsteig und Bus eine große Lücke ist“, erzählt sie. Oft fehle ihr die Kraft, den etwa neun Kilogramm schweren Rollator in den Bus zu hieven, und sie muss jemanden um Hilfe bitten. Doch das klappt nicht immer: „Die Verkehrsgesellschaft wirbt zwar damit, dass sie behindertenfreundlich sei, die Hilfe ist aber auf Rollstuhlfahrer begrenzt. Und dabei hält meine Buslinie ausgerechnet auch beim Krankenhaus Harburg und bei zwei Seniorenwohnanlagen.“

Genau das ist es, was sie so empört: „Da werden ganze Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen.“ Auch die Fahrt mit der S-Bahn verläuft nicht ohne Probleme: „Die Aufzüge sind oft kaputt. Dann muss ich jemanden bitten, den schweren Rollator die Treppen hinunterzutragen und mir anschließend über die Stufen zu helfen.“ Rubow wäre froh, wenn sie Bus und Bahn nutzen könnte, ohne auf andere angewiesen zu sein: „Wir Menschen mit Behinderung haben zwar das Gesetz auf unserer Seite, bekommen aber kein Recht. Ich wünsche mir, frei von allen Hindernissen zur Arbeit zu kommen und meine Freizeit ohne Probleme gestalten zu können.“

Fragwürdiges E-Scooter-Verbot

Laut eines Gutachtens von 2014 könnten E-Scooter in Bussen kippen oder rutschen. Zahlreiche Verkehrsbetriebe hatten daraufhin beschlossen, diese Fahrzeuge nicht mehr zu transportieren. Volker Decker-Herrig, stellvertretender Vorsitzender des VdK-Ortsverbands Solingen-Remscheid in Nordrhein-Westfalen und selbst E-Scooter-Fahrer, ist empört: „Das diskriminiert Menschen mit Behinderung, die auf E-Scooter angewiesen sind. Sie werden von der Beförderung ausgeschlossen. Es gibt ja immer wieder Situationen, in denen Betroffene den Bus nehmen müssen, bei starkem Regen zum Beispiel.“

Es geht auch anders: Auf Initiative des VdK-Kreisverbands Bergisch-Land haben die Solinger Stadtwerke ein Sicherheitstraining für Elektromobile, Rollstühle und Rollatoren organisiert. „Der Bus ist mit mehreren E-Scootern mit 50 Stundenkilometern über den Betriebshof gefahren – immer im Kreis herum. Keiner der Scooter hat sich bewegt“, berichtet Decker-Herrig. Mittlerweile gibt es ein neueres Gutachten, das fordert, die Elektromobile vom Transport nicht auszuschließen.

Barrieren melden


Defekte Aufzüge, Treppen und fehlende Orientierungshilfen in Bürgerämtern, Banken oder Supermärkten, eingeschränkte Servicezeiten am Bahnhof, aber auch nicht barrierefreie Onlineportale, Fernsehsendungen und Hotlines oder der nicht vorhandene Behindertenparkplatz: Wenn Ihnen täglich Hindernisse im Weg stehen, melden Sie diese auf unserer Internetseite www.weg-mit-den-barrieren.de. Auch in der VdK-Zeitung werden wir regelmäßig über Barrieren berichten.


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24.02.2016 | Dr. Bettina Schubarth

Annette Liebmann

Schlagworte Barrierefreiheit | VdK-Kampagne zur Barrierefreiheit | Menschen mit Behinderung | Inklsion | öffentliche Verkehrsmittel | Barrieren melden

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