14. März 2016
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„Ich packe meine Mitarbeiter nicht in Watte“

Firma Frankenraster mit dem JobErfolg geehrt – Geschäftsführer Meinert ist selbst schwerbehindert

Die Firma Frankenraster scannt, lagert und archiviert Dokumente. Sieben der insgesamt 53 Beschäftigten sind schwerbehindert. Dafür wurde das Unternehmen aus dem schwäbischen Buchdorf bei Donauwörth mit dem Integrationspreis JobErfolg ausgezeichnet.

Carina Schneider freut sich sehr, dass sie einen Job bei Frankenraster gefunden hat. Es ist ihre erste Festanstellung. | © Gregor Eisele

„Ich packe meine Angestellten nicht in Watte“, sagt Hans-Joachim Meinert. Der 40-jährige Geschäftsführer von Frankenraster ist überzeugt, dass Menschen mit Behinderung genauso gute Arbeit leisten können wie Menschen ohne Behinderung. Sieben Beschäftigte mit Schwerbehinderung hat er eingestellt, Berührungsängste hat er keine. Das hat seinen Grund: Auch Meinert ist schwerbehindert, in seinem Ausweis ist ein Grad der Behinderung (GdB) von 80 eingetragen.

Trainiert wie ein Ochse

Mit 26 Jahren hatte Meinert einen schweren Motorradunfall, bei dem er fast beide Beine verloren hätte. Die Ärzte prophezeiten ihm, er werde nie mehr laufen können. Doch Meinert kämpfte sich zurück, ein Dreivierteljahr später stand er wieder auf seinen Füßen, wenn auch anfangs noch sehr wackelig. „Ich habe trainiert wie ein Ochse“, sagt der EDV-Kaufmann. Nach einem Jahr kehrte er über die Wiedereingliederung an seinen Arbeitsplatz zurück – als Geschäftsführer der Firma Frankenraster, in die er kurz vor dem Unfall eingestiegen war.

Meinert weiß, dass er eines Tages vielleicht im Rollstuhl sitzen wird. Sein rechtes Knie wurde schon viele Male operiert, ein künstliches Gelenk ermöglicht es ihm, dass er normal laufen kann, aber es muss alle paar Jahre ersetzt werden, bis es irgendwann nicht mehr geht. Als das Unternehmen 2007 ein neues Gebäude bauen ließ, achtete er darauf, dass es barrierefrei ist. „Wer weiß, vielleicht stelle ich mal einen Rollstuhlfahrer ein“, dachte er sich. Einen Rollstuhlfahrer beschäftigt das Unternehmen zwar derzeit nicht, aber sieben Menschen mit anderen Behinderungen.

Carina Schneider ist mehrfach körperbehindert, was auf den ersten Blick kaum auffällt. Nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau hat die 29-Jährige lange vergeblich eine Festanstellung gesucht. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie bei Frankenraster, sie sitzt am Computer und erfasst Daten. „Wenn Arbeitgeber in den Bewerbungsunterlagen lesen, dass jemand 100 GdB hat, schreckt sie das ab“, ist ihre Erfahrung. Bei Frankenraster hat sie sich gut eingelebt, fühlt sich wohl und verstanden. „Wenn man niemanden mit einer Behinderung in seinem Umfeld hat, ist es meist schwierig, damit umzugehen“, weiß sie.

„Mir ist egal, welcher GdB im Behindertenausweis steht, solange sich jemand engagieren will“, betont Meinert. „Die Zahl auf dem Lappen gibt uns aber die Möglichkeit, mehr für ihn zu tun.“ Meinert bezeichnet das als Win-Win-Win-Situation“, denn es würden nicht nur Arbeitnehmer und Arbeitgeber davon profitieren, sondern auch die Gesellschaft. Seit vielen Jahren arbeitet er eng mit dem Integrationsfachdienst in Donauwörth zusammen. Jedes Jahr absolvieren bis zu acht Menschen mit Behinderung ein Praktikum in der Firma, oft auch nur, um zu beurteilen, ob eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt möglich ist.

Mehrere dieser Praktikanten sind bei dem schwäbischen Unternehmen geblieben. So auch ein 36-Jähriger mit einer psychischen Behinderung, der einen Lkw-Führerschein hat. Meinert hat für ihn eine neue Stelle im Bereich Logistik geschaffen und sich mit Hilfe von Fördergeldern einen Lkw angeschafft. „Als der Lastwagen ankam, hat sich unser Mitarbeiter so gefreut, dass er seine gesamte Mittagspause darin verbracht hat“, erinnert er sich. Für einen anderen Beschäftigten hat die Firma einen Arbeitsplatz zu Hause eingerichtet, damit er von dort aus arbeiten kann, wenn er mal Ruhe braucht.

„Bei Menschen mit psychischer Behinderung müssen wir sensibel sein“, so Meinert. „Wir müssen merken, wenn die Stimmung kippt, weil ihnen die Arbeit über den Kopf wächst.“ Meinert hat sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen mit Beschäftigten mit Behinderung gesammelt. Dennoch appelliert er an andere Arbeitgeber, Menschen mit Behinderung einzustellen. Denn für ihn ist es nicht die Behinderung, die entscheidet, ob sich jemand bewährt oder nicht.

Annette Liebmann

Schlagworte Frankenraster | Menschen mit Behinderung | Inklusion

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