28. Januar 2016
VdK-Zeitung Archiv

Mit dem Glücksspiel sein Glück verspielen

Hunderttausende Menschen in Deutschland leiden unter krankhafter Spielsucht – Fachstellen und Kliniken bieten Hilfe an

Zahlreiche Menschen in der Bundesrepublik sind süchtig nach Glücksspielen. Sie verspielen ihr Einkommen, ihre Gesundheit, verlieren Freunde und Partner. Fachstellen und Kliniken bieten Betroffenen und ihren Angehörigen Hilfe. Ein ehemaliger Spielsüchtiger berichtet.

Die meisten Glücksspielsüchtigen spielen an solchen Automaten, wie sie in Gaststätten und Spielhallen stehen. | © Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern

Wenn Matthias Schmitz* an seine Zeit als Glücksspieler zurückdenkt, fällt die Bilanz verheerend aus: „Es war eine schrecklichen Zeit.“ Zehn Jahre befand sich der 36-Jährige in einem Teufelskreis, der ihn immer tiefer ins Verderben gezogen hat. Dank professioneller Hilfe fand er einen Ausweg. Inzwischen berichtet er immer wieder von seiner früheren Sucht, um andere vor diesem Unglück zu bewahren.

Durch Zufall ist er süchtig geworden. Er war abends mit Freunden etwas trinken. Es war spät geworden, und er hatte die Straßenbahn verpasst. Statt in der Kälte so lange zu warten, ging er in eine Spielhalle. Dieses „schummerige Ambiente mit Sesseln und Separees“ gefiel ihm. Mit einem kostenlosen Kaffee wurde er begrüßt. Er warf fünf D-Mark in einen Spielautomaten und ging an dem Abend mit einem Gewinn von 200 D-Mark nach Hause.

Nach einer Woche besuchte er die Spielhalle wieder, setzte 50 D-Mark ein und gewann 400 D-Mark. Einen anderen Abend verspielte er 100 D-Mark. Schmitz setzte einige Monate aus, bevor er mit einem Kumpel wieder anfing zu spielen – inzwischen mit Euro und immer öfter. „Ich kam mir erwachsener vor“, sagt er im Rückblick. Die Gewinne blieben jedoch aus. Einmal verspielte er die Hälfte seines Monatsgehalts. „An dem Abend war ich fix und fertig. Ich wollte unbedingt die Verluste wieder hereinholen.“

Doch anschließend ging er nur noch mit Verlusten nach Hause. Erst reizte er den Dispokredit auf seinem Girokonto aus, dann nahm er Ratenkredite auf. Nach zehn Jahren hatte er rund 300.000 Euro verspielt. Die Miete konnte er nicht mehr bezahlen, er verlor seine Wohnung, und seine Freundin trennte sich von ihm, nachdem sie ihm immer wieder Geld geliehen hatte. „Ich hatte keine Lebensqualität mehr“, erzählt er. Er konnte kaum noch schlafen. Morgens schleppte er sich zur Arbeit, abends jobbte er zusätzlich in der Gastronomie, um die Kredite bedienen zu können, und in der Nacht ging er spielen. Bevor die Freundin ihn verlassen hatte, gab sie ihm noch den Rat: „Du musst was dagegen tun!“ Das nahm er sich schließlich zu Herzen. Er ging zur Suchthilfe der Caritas.

Hoher Schuldenberg

Leider finden viele andere keinen Ausweg. „Nur jeder Fünfte der pathologischen Glücksspielsüchtigen sucht im Lauf seines Lebens professionelle Hilfe“, sagt Diplom-Psychologin Eva Korell. Häufig ist es auch viel zu spät: wenn der Schuldenberg oder die anderen Probleme zu groß geworden sind. 95,5 Prozent der krankhaften Spielsüchtigen haben auch andere psychische Störungen. „Jeder Fünfte versucht, sich mindestens einmal das Leben zu nehmen“, erläutert Korell, die Betroffene betreut.

Verschuldung ist nicht das einzige Problem, weiß auch Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern: „So häufen Menschen mit glücksspielbezogenen Problemen im Durchschnitt rund 24.000 Euro Schulden an, und sie verlieren dabei oftmals nicht nur ihr Geld, sondern häufig auch ihre Familie, ihre Freunde, ihren Arbeitsplatz und somit ihr soziales Umfeld.“ Die Zahl der betroffenen Menschen ist besorgniserregend, wie Landgraf weiter ausführt. Nach Schätzungen haben bundesweit 238.000 Menschen bereits ein problematisches Spielverhalten. Bei 185.000 ist es sogar pathologisch, also krankhaft.

Landgraf empfiehlt jedem, frühzeitig Hilfe zu suchen. Die Schwellen für Unterstützung sind auch extra niedrig gehalten. Betroffene oder deren Angehörige können – auch anonym – kostenlose Hotlines der staatlichen Beratungsstellen anrufen (siehe Infokasten unten). Dort arbeiten entsprechend geschulte Experten und Psychologen, die weitere Hilfe vermitteln können. Neben ambulanter psychologischer Beratung gibt es bundesweit zahlreiche Spezialkliniken, die Therapien gegen Spielsucht anbieten. So konnte bereits vielen Menschen geholfen werden, wie zum Beispiel Matthias Schmitz.

Über Einzel- und Gruppengespräche in der Suchthilfe kam er schließlich in eine Rehaklinik. Der dreimonatige Aufenthalt brachte die Wende. Er konnte seine Sucht überwinden. Auch die finanziellen Probleme ging er an: Zwei seiner drei Kredite konnte er inzwischen abbezahlen. Der letzte läuft bald aus. Außerdem fand er eine neue Lebensgefährtin und ist vor Kurzem Vater geworden.

* Name von der Redaktion geändert

Info

Betroffene und Angehörige können sich an die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), kostenlose Hotline: (08 00) 1 37 27 00, oder an die örtlichen Suchtberatungsstellen wenden. Außerdem bietet die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW eine kostenlose Hotline: (08 00) 0 77 66 11. Internetadressen: www.verspielnicht-dein-leben.de, www.gluecksspielsucht.de

Sebastian Heise

Schlagworte Glücksspiel | Glücksspielsucht | Suchthilfe | Spielsüchtige | Spielsucht

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