30. Juni 2015
VdK-Zeitung Archiv

Wer gibt, was er kann, bekommt, was er braucht

Generationenhilfe: Die Seniorengenossenschaft Riedlingen bietet bezahlbare Betreuung und Unterstützung im Alter

100 Stunden Gartenarbeit gegen 40 Stunden Bügeln, zehn Stunden Schneeräumen, 20 Stunden Einkaufen und 30 Stunden Fahrdienste: Wer im schwäbischen Riedlingen hilft, so lange er fit ist, bekommt im Alter Hilfe im gleichen Maße zurück. Seit 1991 ist das so, als Josef Martin die gemeinnützige Seniorengenossenschaft gründete. Die Idee: das Potenzial engagierter Bürger nutzen und bezahlbare Unterstützung und Betreuung im Alter bieten. Ein vorbildliches Projekt, noch heute, 24 Jahre später.

Jule Schirmer fühlt sich in der Tagespflegegruppe der Seniorengenossenschaft Riedlingen, Baden-Württemberg, gut aufgehoben. Mit ihrem Lieblingspfleger Jürgen Tauber (Mitte) verbringt sie besonders gerne Zeit. Josef Martin (rechts) hat die Seniorengenossenschaft 1991 als gemeinnützigen Verein gegründet. Das Konzept, bezahlbare Hilfe im Alter zu bieten, ist voll aufgegangen. | © Caroline Faltus

Lautes Lachen erfüllt den Raum. Aufschauen, Stirnrunzeln, Gleichgültigkeit: Die Reaktionen darauf sind so unterschiedlich wie die Tagesgäste der Demenzgruppe selbst. Jule Schirmer lacht gerne und viel. Dieses Mal amüsiert sie sich über einen Artikel in einer Frauenzeitschrift. „Honigmassage“, liest die 86-Jährige vor und schüttelt den Kopf. „Honig kommt aufs Brot, nicht auf den Rücken.“ Pfleger Jürgen Tauber grinst. „Sie wissen ja gar nicht, wie gut das tut.“ Jule Schirmer winkt ab. Was ihr guttut, weiß sie genau: frotzeln mit ihrem Lieblingspfleger zum Beispiel. „Wir zwei verstehen uns“, sagt sie und knufft Jürgen Tauber in die Seite.

Er ist einer von fünf angestellten Pflegefachkräften bei der Seniorengenossenschaft Riedlingen. Mit vier anderen teilt er sich zweieinhalb Stellen. Die weiteren rund 130 Mitarbeiter arbeiten freiwillig mit. Als Betreuer in der Demenzgruppe, in der Tagespflege oder zu Hause, als Fahrer, Gärtner, Haushaltshilfen oder Zeitvertreiber. Sie können sich die geleisteten Stunden gutschreiben lassen und später gegen Hilfe im gleichen Maße einlösen oder direkt gegen Dienste für sich selbst oder für die eigenen Eltern tauschen.

Betreuung für alle

Die meisten Helfer lassen sich allerdings lieber eine Aufwandsentschädigung zahlen. Ist also die Idee von einst gescheitert? „Nein“, sagt Josef Martin, Leiter der Seniorengenossenschaft. „Wir bieten Menschen, die das Geld nicht sofort, sondern später brauchen, eine gute Möglichkeit, sich zu engagieren. Aber auch Menschen, die sich jetzt etwas dazuverdienen wollen.“ Unterm Strich erhalte jeder Mitarbeiter ein Entgelt, entweder sofort oder als Zeitgutschrift, die mit Geld hinterlegt ist. Das Ziel der Seniorengenossenschaft werde so oder so erreicht: bezahlbare Unterstützung und Betreuung im Alter anzubieten. Denn dies gebe es viel zu selten.

„Viele Pflegebedürftige und deren Angehörige haben wenig Geld zur Verfügung und brauchen trotzdem Hilfe.“ Einzige Voraussetzung, um die Angebote in Anspruch nehmen zu können, ist eine Mitgliedschaft. Zur Verfügung stehen dann die Tages- und die Demenzpflege, Telefonbereitschaft, Fahrdienste, Essen auf Rädern, Betreuung zu Hause, Arbeiten in Haus und Garten, Beratungen sowie zwei betreute Seniorenwohnanlagen. Diese sind sehr gefragt. 68 Eigentumswohnungen hat die Genossenschaft 1996 mithilfe von Investoren gebaut, als Alternative zum Pflegeheim, „wenn ältere Menschen gerne zu Hause bleiben möchten, aber keine barrierefreien Wohnungen haben“, erklärt Josef Martin. In Absprache mit den Eigentümern vermietet die Seniorengenossenschaft die Wohnungen an Mitglieder über 60.

Jule Schirmer lebt in einer der Wohnungen, mitten im Zentrum, zwischen hübschen Fachwerkhäuschen. Genau das Richtige für sie. „Wenn’s mir in der Gruppe zu viel wird, verzieh’ ich mich in mein Reich“, sagt sie. „Und wenn mir langweilig ist, komm ich wieder.“ Pfleger Jürgen Tauber hält viel von dem Wohnkonzept. „So können die Bewohner selbstständig und selbstbestimmt leben, bekommen aber nötige Unterstützung und Ablenkung.“ Ganz individuell, versteht sich. Manche sind bis nachmittags in einer der Tagespflegegruppen, andere kommen nur zum Mittagessen dazu, wieder andere bleiben für sich, sparen sich aber mit dem Essen auf Rädern das Kochen.

Warmes Essen frei Haus

Die Mahlzeit in der Wärmebox kommt auch außerhalb der zwei Seniorenwohnanlagen gut an. Jeden Tag sind fünf Fahrer für die Seniorengenossenschaft unterwegs, montags wird gewechselt. Mitglied Astrid Mayer fährt schon die zweite Woche, hat aber dafür drei Wochen Pause. Seit zehn Jahren holt sie morgens das Essen beim Riedlinger Konrad-Manopp-Stift ab und liefert es aus. Dafür bekommt sie nicht nur einen kleinen Lohn, sondern vor allem große Dankbarkeit von „ihren Leutchen“. Die warten schon auf sie. Manchmal stehen sie am Fenster, dann surrt der Türöffner, bevor sie klingelt.

Hilde Baumann war eine der ersten, die das Angebot der Seniorengenossenschaft nutzte. Sie wohnt im ersten Stock eines Stadthauses. Eine helle Wohnung, die Wände voller Erinnerungen an ein langes Leben. Inzwischen ist sie 91 Jahre alt und findet es „super, dass jeden Tag warmes Essen frei Haus kommt“. Außerdem sei es schön, „ein bisschen mit den Fahrern zu schwätzen“, sagt das VdK-Mitglied und lächelt. Das ist es, was Astrid Mayer so viel Freude bereitet: Die Wertschätzung für das, was sie tut.

Kontakt

Weitere Infos zur Seniorengenossenschaft gibt es im Internet unter www.seniorengenossenschaft-riedlingen.de oder unter der Nummer
(0 73 71) 83 94.



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30.07.2015 | csf

Caroline Faltus

Schlagworte Seniorengenossenschaft | Wohnen im Alter | Betreutes Wohnen | Pflege | Seniorenwohnanlagen

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