7. Mai 2015
VdK-Zeitung Archiv

„Unsere Hände sind unsere Sprache“

Delil Yilmaz ist geprüfter Gebärdensprachdolmetscher und Teamleader des ORF-Events „Eurovision Sign“, eine Präsentation des gesamten Eurovision Song Contest in Internationaler Gebärde. Er ist verantwortlich für die Interpretation der musikalischen Länderbeiträge zum Eurovision Song Contest in International Sign sowie für die Choreographie der einzelnen Songs. Unterstützt wird er dabei von der gehörlosen Gebärdensprachdolmetscherin Sandra Schügerl, die zugleich, gemeinsam mit einem zweiten gehörlosen Gebärdensprachdolmetscher, die Live-Moderationen der beiden Halbfinale und des Finales des Eurovision Song Contest im ORF präsentieren wird.

Sandra Schügerl (rechts) und Delil Yilmaz | © Eva-Maria Hinterwirth/ORF

Die Gebärdensprachdolmetscher von Musikvideos und Konzertauftritten leisten ja selbst eine enorme Kunst. Ihre Arbeit ist mehr als nur das Übersetzen der Texte. Was ist der Unterschied zwischen dem Gebärdendolmetschen von Nachrichten oder Reden und dem von Musik?

Delil Yilmaz: Einfach ausgedrückt: News oder Live-Diskussionen werden so nahe wie möglich am Text übersetzt. Dies bedeutet, dass der Gebärdensprachdolmetscher das gesprochene Wort in eine Gebärde überträgt und – auf Basis der Gebärdengrammatik – den Satz, den Inhalt des Satzes wiedergibt.

Musikvideos oder Liveauftritte von KünstlerInnen erfordern ein gänzlich anderes Herangehen, meinen wir. Hier gibt es zunächst einmal zwei unterschiedliche Ausgangsfragen: Soll man einerseits – wie beim Übersetzen von Nachrichten oder Debatten – so nahe wie möglich am Text bleiben und eine (fast) wortgetreue Wiedergabe anstreben. Oder soll man auch – und diesen Weg beschreiten wir beim Eurovision Sign 2015 im ORF – den Sinn, das Gefühl, die Geschichte hinter einem Song ans Licht holen.

Sandra Schügerl: Sicherlich ist zusätzlich noch eine andere Überlegung einzubeziehen: Wer sind die „Hauptakteure“: die Künstler, die auf der Bühne stehen, oder die Performer, die den Song in Gebärde präsentieren? Man erkennt, dass noch bevor man mit der eigentlichen Arbeit des „Übersetzens“ beginnt, schon einige grundsätzliche Fragen entschieden müssen sein.

Für welche Herangehensweise haben Sie sich entschieden?

Sandra Schügerl: Die ORF-Projektleitung unter Eva-Maria Hinterwirth und wir Gebärdensprachdolmetscher haben, bevor wir das Projekt gestartet haben, ein Konzept entwickelt und einige „Vorgaben“ definiert. Dazu gehört etwa, dass das Zielpublikum gehörlose Menschen sind und nicht hörende Menschen. Oder dass wir von Anfang an entschieden haben, dass Eurovision Sign inklusiv sein muss. Die Performer und Dolmetscher sind gehörlos, so wie ich. Nur Delil, der Teamleiter, ist hörend.
Delil Yilmaz: Der Eurovision Song Contest ist ein europäisches Großereignis, das die Länder Europas verbinden soll. Diesem Fakt wollten wir Rechnung tragen und haben uns entschieden, den Eurovision Sign in International Sign (internationaler Gebärde) zu präsentieren. Immerhin kommunizieren in Europa rund 750.000 Menschen ausschließlich in Gebärde! Wir haben den zentralen Claim des Eurovision Song Contest – „Building Bridges“ – aufgegriffen. Dementsprechend wählten wir eine Sprache, die von den gehörlosen Menschen Europas verstanden werden kann. Wir haben uns auch entschieden, auf eine wortwörtliche Übersetzung der Songs zu verzichten und stattdessen die zum Großteil sehr emotionalen Themen, die in den Beiträgen der teilnehmenden Länder aufgegriffen werden, in einer eigens choreographierten Geschichte zu vermitteln. Wir bleiben zwar ganz nahe an der Grundaussage des Songs, interpretieren ihn jedoch auf eine für gehörlose Menschen verständlichere Art und Weise.

Sandra Schügerl: Ich möchte noch einmal einen Punkt aufgreifen, der mir wichtig ist und den wir in der Projektgruppe intensiv diskutiert haben: Viele hörende Menschen sind beeindruckt von der Performance eines „Song-Signers“. Und das ist gut so, denn damit hinterlassen wir im Bewusstsein der hörenden Menschen Spuren – wir zeigen, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist, die über alle Merkmale der gesprochenen Sprache verfügt. Und dass wir über die Gebärdensprache nicht nur Worte wiedergeben, sondern auch Emotionen, Stimmungen, Bedeutungen. Was ich in der gesprochenen Sprache mit der Stimmlage oder dem Tempo vermittle, drücken wir gehörlose Menschen mit unseren Händen aus. Unsere Hände sind unsere Sprache. Das ist schon beeindruckend, wenn hörende Menschen unsere Sprache sehen; aber man darf nicht vergessen, dass es beim Eurovision Sign doch darum geht darzustellen, was auf der Song-Contest-Bühne in der Wiener Stadthalle stattfindet. Der Performer, die Performerin darf also keinesfalls die Bühnen-Präsentation überlagern oder in den Hintergrund drängen.

Delil Yilmaz: Das ist oft eine schwierige Gratwanderung – wir entwickeln mit unserem Konzept des „Story-tellings“ eine eigene, vielleicht in dieser Intensität sogar neue Kunstform, die aber nicht zuallererst hörende Menschen als Zielpublikum hat, sondern gehörlose Menschen.

Wie sehen Sie die Entwicklung bei der Gebärdensprache in Österreich und Deutschland? Nimmt das Interesse zu?

Delil Yilmaz: In Österreich nimmt das Interesse an der Gebärdensprache zu. Die angebotenen Kurse sind überfüllt. Aber: Es fehlt noch an der Verankerung der Österreichischen Gebärdensprache im Sektor Bildung und Ausbildung. Die ÖGS (Österreichische Gebärdensprache) ist leider immer noch nicht als Unterrichtssprache verankert. Weder in Österreich noch in Deutschland gibt es die ÖGS bzw. die DGS als Unterrichtsfach.

Sandra Schügerl: In den USA gibt es in Washington eine Universität ausschließlich für gehörlose Menschen! An der Gallaudet University ist das gesamte Unterrichtsprogramm speziell auf gehörlose und schwerhörige Menschen ausgerichtet. Dahin ist es noch ein weiter Weg in Europa!

Delil Yilmaz: Wir hoffen sehr, dass unsere Arbeit am Eurovision Sign zum Nachdenken anregt und dass nach diesem Event eine verstärkte Diskussion über Gebärdensprache beginnt. Das würden wir uns wünschen.

Was muss Ihrer Meinung nach im Bereich Gebärdensprache noch getan werden?

Sandra Schügerl: Man muss gehörlosen Menschen einen inklusiven Unterricht anbieten, damit sie die gleichen Chancen haben wie hörende Menschen, sich eine berufliche Karriere aufzubauen. In Österreich hat nur ein Prozent der Gehörlosen Matura (Anm. d. Red.: Hochschulreife), nur 0,1 Prozent von ihnen können einen Studienabschluss vorweisen.

Delil Yilmaz: Auch der Freizeitbereich muss erschlossen werden – gehörlose Menschen haben praktisch keinen oder nur wenig Zugang etwa zu Kino, Theater, Musicals … Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bauen – in den letzten Jahren in sehr raschem Tempo – die Untertitelung aus; die ARD hat mittlerweile bereits 100 Prozent ihrer Sendungen untertitelt, durchschnittlich stehen wir im deutschsprachigen Raum bei etwa 70 Prozent. Auch der ORF zeigt rund 70 Prozent seiner Programme mit Untertiteln, einige Sendungen, wie etwa die tägliche Zeit-im-Bild-Nachrichtensendung oder das Konsumentenmagazin „heute konkret“ werden auf der ORF TVthek in Gebärdensprache gezeigt. Es hat sich viel getan – aber die Sprache der Gehörlosen ist die Gebärdensprache, und diese ist in der Gesellschaft noch viel zu wenig präsent.

Sandra Schügerl: Mit dem Eurovision Sign des ORF hoffen wir, mehr Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen. Wir hoffen auch, dass unsere Performance und unser Konzept so überzeugend ist, dass eine breitere Diskussion ansetzen kann. Wir denken, dass der ORF hier den richtigen Schritt in die richtige Richtung getan hat.



Das könnte Sie auch interessieren:

VdK-Zeitung Archiv
Pertti Kurikan Nimipäivät
Die Vorfreude der Musikfans steigt immer mehr: Am 23. Mai findet in Wien das Finale des Eurovision Song Contests (ESC) statt – und dieser ist so inklusiv wie noch nie. „Aina mun pitää“, auf deutsch: „Ich muss immer“, heißt das Lied, mit dem die finnische Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät am 19. Mai in Wien um den Einzug ins Finale des ESC kämpft. | weiter
28.04.2015 | Sebastian Heise

Interview: Sebastian Heise

Schlagworte ESC | Eurovison Song Contest | ORF | Wien | Gebärde | Eurovision Sign | gehörlos | Gebärdensprachdolmetscher

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv


Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.