15. April 2015
VdK-Zeitung Archiv

Jedes Wort wirkt: „Wer spricht, pflegt bereits“

Pflegebedürftige Menschen brauchen eine besondere Ansprache – Tipps von Gesprächstherapeutin Sandra Mantz

Menschen, die krank sind und Hilfe brauchen, können sich oft nicht mehr so äußern wie Gesunde. Deshalb ist es besonders wichtig, sie zu verstehen und verstanden zu werden. Sandra Mantz, Gesprächstherapeutin und Sprachkompetenztrainerin, weiß, welche Sprache Pflegebedürftigen gut tut.

Warum ist die Sprache beim Pflegen so wichtig? Sandra Mantz: Pflegen, ohne zu sprechen, ist kaum möglich. Reden ist also bereits Pflegen, und Sprache ist wie Medizin. Jedes Wort des Pflegenden wirkt. Einmal ausgesprochen, holt er es nie wieder zurück. Mit Worten und Gesten kann ich in nur einer Sekunde einen anderen Menschen trösten, aufrichten, ermutigen oder zum Lachen bringen. Natürlich kann ich auch genau das Gegenteil bewirken.

In Pflegeheimen hat das Personal oft wenig Zeit. Bleibt hier die Kommunikation auf der Strecke? Mantz: Ja, die Anforderungen an das Pflegepersonal sind enorm hoch. Je größer der äußere Druck ist, umso wesentlicher ist die innere Sammlung und Konzentration. In der Gesprächskultur zählt dann nicht die Quantität, sondern die Qualität eines Gesprächskontakts. Dafür sind Sprachsensibilität und Kompetenztraining sehr hilfreich.

Warum ist es so wichtig, während der Pflegetätigkeit zu sprechen? Mantz: Kommunikation belebt den Geist und das Herz des Gesprächspartners. Die Pflegekraft gestaltet mit ihrer Kommunikation die Beziehung zum Patienten, Bewohner und Angehörigen. Sie organisiert, informiert, berät, gibt Orientierung, baut Vertrauen auf. Ganz einfach: Wer spricht, pflegt bereits – auch sich selbst. Zudem sind kranke und hilfebedürftige Menschen deutlich empfindsamer im Gemüt als andere. Da landen unbedachte Äußerungen immer wieder auf der berühmten „Goldwaage“ und kosten alle Beteiligten Zeit und Kraft.

Worauf sollte bei der Kommunikation mit pflegebedürftigen Menschen geachtet werden? Mantz: Deutlich und verständlich sprechen, Blickkontakt aufnehmen gehört zu den Grundregeln. Der Pflegende sollte sich vergewissern, dass er verstanden wird. Das kann auch durch Gesten wie Nicken oder ein Drücken der Hand geschehen. Grundsätzlich sollte der Kontakt von menschlicher Wertschätzung und Geduld geprägt sein. Insgesamt ist es hilfreich, genau hinzuhören und dann die Worte angemessen zu wählen. Pflegende brauchen also einen reichen Wortschatz, da die Gesprächspartner aus sehr unterschiedlichen Berufen, Gedankenwelten und individuellen Lebenserfahrungen kommen.

Wer Demenzkranke pflegt, steht sicher vor einer großen Herausforderung, was die Kommunikation angeht? Mantz: Der Pflegende baut eine Brücke in die Welt der demenziell erkrankten Menschen. Stellen Sie sich das vor wie eine Einbahnstraße. Ich kann in die Welt des alten Menschen verbal und emotional privat gehen. Er kann jedoch nicht mehr in meine Welt kommen. Er nimmt absolut wörtlich wahr, was ich sage. Er ist jedoch nicht mehr in der Lage, zu übersetzen, was ich möglicherweise meine. Ich aktiviere mit meinen Worten in ihm Erinnerungen und Bilder seiner Lebensgeschichte. Echtheit in der Kommunikation ist sehr wichtig, denn die an Demenz erkrankten Menschen sind sehr feinfühlig. Sie merken sofort, wenn der Pflegende sie nicht ernst nimmt. Es bedarf viel Fingerspitzengefühl und Geduld und die Fähigkeit, mit Gefühlen gut umgehen zu können.

In ihrer Hilflosigkeit benutzen viele im Umgang mit Pflegebedürftigen die Baby-Sprache. Warum? Mantz: In vielen Fällen fehlt hier das Bewusstsein und eine Sensibilität für eigene Sprachmuster. Oft werden Formulierungen wie „füttern“, „Lätzchen“ oder auch ein gedankenloses „Du“ verwendet. Ein Grund dafür mag sein, dass Pflegende noch keinen professionellen Umgang mit Nähe und Distanz in der Kommunikation gefunden oder gelernt haben. Das Verhalten hochbetagter Menschen erinnert manchmal an die Bedürftigkeit von Kindern. Diese Menschen sind aber keine Kinder, sondern Erwachsene, die auch in ihrem hohen Alter und Dasein als erwachsene Menschen mit reichlich Lebenserfahrung behandelt werden wollen. Und das mit Respekt und Achtung, wie alle anderen Menschen auch.

Interview: Ines Klut

Schlagworte Pflege | Gesprächstherapie | Kommunikation | Demenzkranke | Sprechen | Sprachkompetenztraining

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