1. April 2015
VdK-Zeitung Archiv

Wer nicht mehr funktioniert, fällt durchs Netz

Leistungsdruck am Arbeitsplatz: Psychische Erkrankungen sind immer häufiger der Grund für Fehltage

Die „Studie zur Stresslage der Nation“ der Techniker Krankenkasse (TK) hat Ende Januar alarmierende Zahlen geliefert: Seit 2006 ist die Anzahl der psychischen Erkrankungen unter den 4,1 Millionen Erwerbstätigen, die bei der TK versichert sind, um 86 Prozent gestiegen. Immer mehr Menschen werden wegen Depressionen krank geschrieben. Für manche Arbeitnehmer wird der Druck so hoch, dass sie dauerhaft arbeitsunfähig sind. Auch Führungskräfte sind betroffen.

© Techniker Krankenkasse

Fast 40 Jahre ging es VdK-Mitglied Norbert Hofer* in seinem Unternehmen gut. Sein Job als leitender Angestellter in der Metallindustrie mit Personalverantwortung und einem hohen Arbeitspensum hat ihm Spaß gemacht – und wurde auch entsprechend anerkannt und entlohnt. Dass aber auch Manager ein „Verfallsdatum“ haben und ältere Mitarbeiter nicht mehr geachtet werden, erfuhr er schmerzlich: Wegen Depressionen und eines Burnouts (Englisch für ausbrennen) ist er heute Erwerbsminderungsrentner – mit gerade einmal 55 Jahren.

Höher, schneller, weiter

Die Stress-Studie der Techniker Krankenkasse widmet sich auch den Führungskräften. „Keine andere Berufsgruppe hat insgesamt so hohe Stresswerte wie die leitenden Angestellten“, ist dort nachzulesen. „Fast vier von zehn Managern geben an, dass sie häufiger oder sogar dauerhaft erschöpft und ausgebrannt sind.“ Auch Norbert Hofer arbeitete lange nach dem Prinzip „immer höher, schneller, weiter“. Doch die Luft, die er oben schnupperte, war dünn. Bis ihm die Puste ausging, vergingen viele erfolgreiche, aber auch einsame Jahre. „Ich hatte keine privaten Kontakte zu Kollegen oder Vorgesetzten“, erzählt der zweifache Vater. Hinzu kam, dass sich der Manager mit steigendem Alter immer weniger wertgeschätzt fühlte.

Das Signal vom Unternehmen: Ab 50 sind Mitarbeiter zu teuer und zu alt. „Immer noch prägen Vorurteile den Umgang mit älteren Beschäftigten“, kritisiert Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. „40 Prozent aller Betriebe beschäftigen keinen über 50-Jährigen. Dabei nehmen Ältere weder Jüngeren die Arbeitsplätze weg, noch verlieren sie im Laufe ihres Erwerbslebens an Produktivität“, betont Mascher. Norbert Hofer musste auch Mobbing verkraften. „Durch meinen Vertrag mit hohem Status war ich vielen Vorgesetzten und Kollegen ein Dorn im Auge.“

Weshalb er trotzdem im Unternehmen bleiben wollte? Eingestiegen ist er bereits 1974 als Werkzeugmacher-Lehrling. So eine lange Betriebszugehörigkeit bindet. „Und mit 50 noch einmal woanders einen Neuanfang zu wagen, war für mich undenkbar“, sagt Hofer. Lieber biss er die Zähne zusammen. Irgendwann konnte er den Repressalien nicht mehr standhalten und erlitt einen psychischen Zusammenbruch. Der Arzt stellte im Oktober 2010 ein Burnout mit Depression fest. Norbert Hofers Arbeitgeber hat sich mit seiner Erkrankung schwer getan. Schlimmer noch: Sie wurde ihm als Schwäche ausgelegt. „Ich fühlte mich als Versager abgestempelt, der es eh nicht mehr packt. Wer nicht mehr funktioniert, fällt durchs Netz“, war Hofers bittere Erfahrung. Der Versuch, sich nach zwei Reha-Aufenthalten wieder im Betrieb zu integrieren, scheiterte. Unter diesen Umständen sah er keinen Weg, noch weiter am Berufsleben teilzuhaben.

Depressionen sind ein Tabu

Viele Menschen machen die Erfahrung, dass Depressionen bei Arbeitgebern ein Tabu sind. Christoph Ehlscheid, Leiter der Fachbereiche Sozialpolitik, Arbeitsgestaltung und Qualifizierungspolitik bei der IG Metall, fordert deshalb eine gesetzliche Anti-Stress-Verordnung. „Während es Arbeitsschutzregeln in Bezug auf körperliche Belastungen – etwa durch Lärm, Licht und Temperatur – gibt, fehlen Vorsorgemaßnahmen für psychischen Stress“, so der Gewerkschafter. Norbert Hofer holte sich Unterstützung beim VdK, der ihm dabei half, für sein Recht auf Erwerbsminderungsrente zu kämpfen – mit Erfolg.

Am Ende des Verfahrens, das sich über zwei Jahre hinzog, wurde das VdK-Mitglied rückwirkend ab Juli 2012 bis Oktober 2014 als erwerbsgemindert anerkannt. „Danach wurde die Erwerbsminderung entfristet“, erzählt Hofer. Zudem bekam er einen Grad der Behinderung von 70 zuerkannt. „Ohne den VdK und den Rückhalt durch meine Frau hätte ich das nicht durchgestanden“, sagt er dankbar. Jetzt hat er viel Zeit. Und die möchte er sinnvoll verbringen. „Ich kann mir gut vorstellen, als Betroffener in Unternehmen zu gehen, um für einen sensibleren Umgang mit psychisch Erkrankten zu werben.“

* Name von der Redaktion geändert

Elisabeth Antritter

Schlagworte Burnout | Depressionen | psychische Erkrankungen | Stress | Arbeitsbelastung | Arbeitsunfähigkeit | Leistungsdruck

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