27. September 2013
VdK-Zeitung Archiv

Diabetes: Anja Neumanns Schritt in die Freiheit

Mutig, glücklich und zufrieden: Wie eine junge Münchnerin ihre Krankheit in den Griff bekam und wie ihr eine Insulin-Pumpe dabei half

Anja Neumann war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als ihre Eltern mit einer Diagnose konfrontiert wurden, die das Leben ihres Kindes verändern würde: Typ-1-Diabetes. Und doch schafften es die Neumanns, ihrer Tochter den Weg in ein ganz normales Leben zu ebnen. Heute ist die Münchnerin 21 Jahre alt, steckt mitten in einem dualen Studium und ist Jugendleiterin bei den Pfadfindern.

Anja Neumann aus München hat Typ-1-Diabetes, lässt sich davon aber nicht beirren. Ihr Vater hat im Wohnhaus der Familie ein kleines Diabetes-Museum eröffnet. Hier gibt’s nicht nur ausgefallene Diät-Lebensmittel, sondern auch Spritzen und Zubehör aus vergangenen Jahrzehnten. | © Faltus

Sie ist nicht blass, sie ist eben ein heller Typ. Helle Haut, blondes Haar. Nein, krank und unglücklich sieht sie wirklich nicht aus. Obwohl sie auf all die leckeren Dinge, die das Leben schöner machen, verzichten muss. Schokolade, Ketchup, Weißbrot. Ist doch so, oder? Anja Neumann lacht und winkt ab. Sie nimmt einen Schluck Limonade und sagt: „Ich darf alles essen und trinken. Alles, auf was ich Lust habe.“ Ein Blick auf das Etikett der Limo-Flasche bestätigt das. Da steht nirgends „Diät“ oder „ohne Zucker“.

Klar, ein bisschen müsse sie schon auf den Zuckergehalt achten, sagt sie. „Aber das ist längst kein Problem mehr.“ Was gut für sie ist, hat die 21-Jährige im Gefühl. Sie weiß inzwischen auswendig, wie viel BE pro Mahlzeit und über den Tag verteilt in Ordnung sind. Mit der Broteinheit (BE) lässt sich der Gehalt bestimmter Kohlenhydrate in Speisen berechnen. So einfach, wie es heute für Anja Neumann ist, war es nicht immer. Sie kann sich gut an die Waage auf dem Esstisch erinnern. Jede Mahlzeit musste gewogen werden, da gab es keine Ausnahmen. Weder zu viel, noch zu wenig war gut für das zuckerkranke Kind.

„Das war schon manchmal nervig“, sagt sie heute. Auch für ihre fünf Jahre ältere Schwester Carina. Denn als sich herausstellte, dass Anja an der Autoimmunkrankheit Diabetes mellitus Typ 1 leidet, verbannte ihr Vater in blindem Aktionismus erst einmal alle zuckerhaltigen Speisen aus dem Kühlschrank. Heute kann die junge Frau darüber lachen.

Diagnose war ein Schock

Zum Lachen war ihren Eltern damals nicht, als ihre 20 Monate alte Tochter innerhalb einer Woche ein Drittel ihres Körpergewichts verlor. Sie wollte nichts mehr essen, nur trinken. Die Neumanns waren ratlos, der Kinderarzt ebenfalls. Als es der Kleinen immer schlechter ging, fuhren die Eltern mit ihr ins Krankenhaus. Sie fielen aus allen Wolken, als sie die Diagnose erfuhren: Typ-1-Diabetes. Was würde das für ihre Tochter bedeuten? Würde die Krankheit immer den Ton angeben und ihr Leben bestimmen?

Anfangs bedeutete die Diagnose in der Tat eine Umstellung für die ganze Familie. Essen und Insulin-Gaben mussten aufeinander abgestimmt werden, in der Nacht standen zur Vorsicht die Schlafzimmertüren offen, selbst im Urlaub ging es nicht ohne festen Tagesablauf. Als Anja Neumann neun Jahre alt war, bekam sie eine Insulinpumpe. Eine große Erleichterung – für sie und ihre Familie. „Die Pumpe war mein Schritt in die Freiheit“, sagt sie. Seither muss sie es nicht mehr so genau nehmen mit dem Essen. „Wenn ich nichts essen will, muss ich nichts essen, und wenn ich mal mehr Hunger habe, ist das auch in Ordnung.“ Bei der Pumpentherapie muss das Insulinpräparat nicht mehr mittels Spritze mehrmals am Tag injiziert werden, sondern wird von einer kleinen, programmierbaren Pumpe über einen Katheter, der mit einer sehr feinen Kanüle in der Unterhaut des Oberbauchs steckt, in den Körper geleitet.

Die Pumpe wird dauerhaft am Körper getragen, kann aber für mehrere Stunden abgelegt werden. „Wenn ich Schwimmen gehe zum Beispiel“, erklärt das VdK-Mitglied. Wie viel Insulin sie braucht, sagt ihr ein Glukose-Messgerät, das sie ebenfalls fest am Körper trägt. Ein Sensor, der im Unterhautfettgewebe liegt, misst die Werte. Diese werden dann drahtlos auf einen kleinen Monitor übertragen. So kann Anja Neumann die Insulinpumpe auf ihre Bedürfnisse einstellen und wenn nötig eine zusätzliche Dosis abgeben.

Kuriositäten im Museum

Ein Leben ohne ihre zwei elektrischen Hilfen kann sich die Münchnerin heute gar nicht mehr vorstellen. Schon gar nicht, wie es für Diabetiker gewesen sein muss, als sie für einen einzigen Blutzuckerabgleich einen viertel Liter Blut geben mussten. In den 20er-Jahren war das. Das weiß Anja Neumann, weil sich ihr Vater Werner sehr dafür interessiert, wie sich die Therapie und die Produkte für Diabetiker im Lauf der Zeit verändert haben. Er hat ein kleines Museum im Wohnhaus der Familie eingerichtet. Von Diät-Gewürzgurken aus der ehemaligen DDR über Autogramme von diabeteskranken Stars bis hin zu Spritzen aus den 60er-Jahren findet in dem Zimmer alles Platz, was mit der Zuckerkrankheit zu tun hat. Wer sich dafür interessiert, darf sich die Sammlung umsonst anschauen (www.diabetesmuseum.de, Familie Neumann, Veldenerstraße 136, 81241 München).

Anja Neumann steht zu ihrer Krankheit. Die „Warum-ich-Phase“ hat sie mit der Pubertät hinter sich gelassen. Die hübsche junge Frau hat nicht nur ihre Krankheit, sondern auch ihr Leben bestens im Griff. Zurzeit macht sie ein duales Studium zum Handelsfachwirt. Das bedeutet eine 40-Stunden-Arbeitswoche plus Lernen. Und trotzdem findet die 21-Jährige Zeit für zehn bis 15 junge Pfadfinder. Als Jugendleiterin betreut sie die Kinder einmal in der Woche und nimmt ihren Jahresurlaub fürs Sommerzeltlager. Dort darf’s auch mal ein Schokoriegel mehr sein.

Info

Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunkrankheit, bei der Zellen des körpereigenen Immunsystems die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstören. Innerhalb weniger Tage bis Wochen bleibt die Insulinproduktion aus. Die Autoimmunreaktion beginnt meist in den ersten Kindheitsjahren, verläuft aber einige Zeit ohne Symptome.

Caroline Faltus

Schlagworte Diabetes mellitus Typ 1

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