1. Juli 2013
VdK-Zeitung Archiv

Rein in die Laufschuhe, raus aus der Depression

Gemeinsam bewegen: In München trifft sich montags eine Laufgruppe für Menschen mit seelischer Erkrankung

Wenn Heidi Hecht läuft, ist sie der Depression einen Schritt voraus. Diese Erfahrung wollte sie mit anderen Erkrankten teilen und gründete mit Unterstützung des Münchner Bündnisses gegen Depression eine Laufgruppe. Mit von der Partie ist auch die deutsche Halbmarathon-Meisterin Ingalena Heuck.

Gemeinsam laufen, gemeinsam dehnen: Nach jedem Training im Englischen Garten macht die Laufgruppe für Menschen mit Depressionen vor der Münchner Ludwig- Maximilians-Universität eine Schlussrunde. Lauftrainer Norbert Manhardt (vorne) gibt Tipps, Initiatorin Heidi Hecht (Zweite von links) hält die Truppe zusammen. | © Faltus

Aufstehen kostete unglaublich viel Überwindung, an Sport war überhaupt nicht zu denken. Als Heidi Hecht in einer psychosomatischen Klinik dann trotz ihrer schweren Depressionen Frühsport machen sollte, war sie entsetzt. Wussten die Ärzte und Therapeuten nicht, wie schlecht es ihr ging? Widerwillig ließ sie sich doch darauf ein – und ging am selben Abend gleich noch einmal laufen. Das war vor 35 Jahren. Damals machte Heidi Hecht ihre ersten Schritte aus der Depression. Es folgten Bergtouren, Marathonund 100-Kilometer-Läufe. Auch nach einem heftigen Rückschlag Jahre später war es das Laufen, das ihr half, wieder aufzustehen.

Der Regen stört hier keinen


An einem Montag im Mai, der grauer und nasser nicht sein könnte, steht Heidi Hecht inmitten einer bunten Gruppe vor der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Es ist kalt, sie zittert ein bisschen, aber lacht übers ganze Gesicht. Die 68-Jährige begrüßt Junge und Ältere, Männer und Frauen, die sich nach und nach dazu gesellen. Ein paar Mal haben sie sich schon hier getroffen, um je nach Kondition und Erfahrung in drei Gruppen eine Stunde lang zu laufen. Um Punkt 18.30 Uhr traben etwa 20 Teilnehmer und acht Trainer los Richtung Englischer Garten. Der Regen scheint niemanden zu stören.

Vor wenigen Monaten hätte Heidi Hecht ihre Idee, eine Laufgruppe für Menschen mit Depressionen zu gründen, fast wieder verworfen. „Ich bin einfach nicht weitergekommen“, sagt sie. Vor allem die Suche nach Trainern gestaltete sich schwierig. Bis sie über die Laufgruppe der Stadtwerke München an Ingalena Heuck geriet. Die deutsche Meisterin im Halbmarathon war sofort Feuer und Flamme für das Projekt. „Als passionierte Läuferin und Sportwissenschaftlerin weiß ich, welch positive Auswirkungen regelmäßiges Laufen auf die Psyche hat“, erklärt sie. „Es macht mir unglaublich viel Freude, mich dafür ehrenamtlich zu engagieren.“

Nicht nur, dass sie selbst zusagte, die 26-Jährige hatte auch den richtigen Tipp, andere Ehrenamtliche zu finden. Über das Netzwerk des Münchner Lauftrainers Klaus Ruscher fanden sich schließlich viele geübte Läufer – viel mehr als erwartet. Auch einen Facharzt konnte Heidi Hecht rekrutieren: Dr. Berend Malchow, Oberarzt in der Nussbaumklinik. Im Englischen Garten sucht sich die Anfänger-Gruppe einen großen Baum. Es tropft von den Kastanienblättern, doch halten sie den Regen während der Dehnungsübungen ein wenig ab. Norbert Manhardt erklärt, wie Arme, Beine und Füße richtig gelockert und gedehnt werden. Beim Hopser-Lauf spritzt das Wasser aus den Pfützen an Hosen, Shirts und Jacken. „Wozu gibt’s Waschmaschinen?“, sagt eine Teilnehmerin und lacht.

Um wieder warm zu werden, treibt der Trainer seine Schützlinge zweimal zum Monopteros hinauf. Wer nicht will oder kann, darf natürlich unten bleiben. Gezwungen wird hier keiner, zu nichts. Dann geht’s gemütlich zurück zur Universität, wo nach und nach auch die anderen zwei Gruppen ankommen. Alle haben ein Lächeln auf den Lippen. „Ich wusste, dass Laufen bei Depressionen hilft, aber ich wusste auch, dass es eine Herausforderung ist, Menschen mit dieser Krankheit dafür zu begeistern.“ Rita Wüst, Geschäftsführerin des Münchner Bündnisses gegen Depression, freut sich deshalb umso mehr, dass das Angebot so gut angenommen wird und sich Heidi Hecht mit ihrer Idee an das Bündnis wandte. Es ist noch genug Platz für interessierte Mitläufer.

„Wer mitmachen will, muss sich nicht anmelden oder irgendwelche Voraussetzungen erfüllen, sondern kann einfach zum Treffpunkt vor der LMU kommen“, betont Rita Wüst. Auch Freunde und Angehörige von Menschen mit Depressionen sind willkommen, genauso wie diejenigen, die einfach nur einen Ausgleich zum stressigen Alltag suchen. Wer sich keine Laufschuhe leisten kann, wird auch nicht ausgeschlossen. Das macht die Adventskalender-Aktion der Süddeutschen Zeitung möglich. „Es wäre doch traurig, wenn eine Teilnahme am Geld scheitert“, sagt Heidi Hecht.

Kontinuität ist wichtig


Bevor es nach Hause geht, stellen sich die Läufer im Kreis auf. Während sie sich dehnen, recken und strecken, wird gekichert, gequatscht und sich fürs nächste Mal verabredet. Denn eines ist für Menschen mit Depressionen besonders wichtig: Kontinuität. Deshalb trifft sich die Gruppe jeden Montag. Egal ob Werk- oder Feiertag, egal ob Regen oder Sonne. „Das Laufen ist eine Möglichkeit, sich selbst zu helfen“, weiß Heidi Hecht aus Erfahrung. „Man kann der Depression zwar nicht davonlaufen, aber durch die Auszeit in der Natur stärker werden.“

Info

Wer selbst mitmachen möchte: Die Laufgruppe trifft sich immer montags kurz vor 18.30 Uhr am Brunnen vor der Ludwig-Maximilians-Universität, Geschwister-Scholl-Platz 1. Rückkehr ist gegen 19.30 Uhr. Bitte Sportkleidung und -schuhe mitbringen. Schließfächer gibt es in der Universität. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Informationen gibt’s beim Münchner Bündnis gegen Depression unter der Nummer (089) 54 04 51-20 und per Mail unter info@muenchendepression.de

Caroline Faltus

Schlagworte Depression | Laufen | Laufgruppe | Sport

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