23. November 2021
VdK-Zeitung

Wahlkampf mit Dolmetscher

Heike Heubach war die erste gehörlose Bundestagskandidatin – In vier Jahren will sie wieder antreten

Heike Heubach war die SPD-Bundestagskandidatin im Wahlkreis Augsburg-Land. Nur ganz knapp hat die 42-Jährige den Einzug ins Parlament verfehlt. Sie wäre die erste gehörlose Abgeordnete gewesen.

Heike Heubach
Heike Heubach im Wahlkampf: Auf dem Marktplatz in Friedberg bei Augsburg „spricht“ sie mit Passanten – während sie gebärdet, übersetzt eine Dolmetscherin simultan. | © Süddeutsche Zeitung/Viktoria Spinra

Als sich Heubach im Frühjahr 2021 aufstellen ließ, dümpelten die Umfragewerte der SPD im niedrigen zweistelligen Bereich. An einen Wahlsieg glaubte niemand. Heubach war die 24. auf der Liste der Bayern-SPD und damit quasi chancenlos. Im Sommer hatten sich die Werte plötzlich verdoppelt, und am Wahlabend sah es für ein paar Stunden so aus, als würden tatsächlich 24 bayerische Abgeordnete in den Bundestag einziehen.

Schlaflose Nacht

„Für den nächsten Tag hatte die SPD schon einen Gebärdensprachdolmetscher in Berlin bestellt“, erzählt sie. In dieser Nacht konnte sie kaum schlafen. Stündlich stand sie auf, um die aktualisierten Wahlergebnisse abzurufen. Um 5 Uhr morgens war dann klar: Die Bayern-SPD stellt nur 23 Abgeordnete, Heubach gehört nicht dazu. „Ich war sehr enttäuscht, denn ich wollte unbedingt mit dabei sein und meine Themen voranbringen“, sagt die Industriekauffrau. Besonders am Herzen liegt ihr der Klima- und Umweltschutz. Weitere Bereiche, in denen sie sich engagieren möchte, sind bezahlbarer Wohnraum sowie Bildungschancen für Kinder aus benachteiligten Familien.

Inklusion und Barrierefreiheit spielen für sie nur eine Nebenrolle. Allerdings hätte sie das deutsche Parlament mit ihrem Einzug gründlich auf die Probe gestellt: Bislang gab es keine gehörlose Bundestags­abgeordnete und keinen gehörlosen Bundestagsabgeordneten. Man hätte alles komplett neu organisieren müssen: Gebärdensprachdolmetscher, die Finanzierung, technische Hilfsmittel und vieles mehr. Auch das ist für Heubach ein Beitrag zur Inklusion: „Wenn die Menschen sehen, dass ich mit Dolmetscher ganz normal an den Sitzungen teilnehmen kann.“

Zur Politik kam die zweifache Mutter, die in Stadtbergen bei Augsburg wohnt, eher aus Zufall. Über Elternabende und Schulveranstaltungen kannte sie den Stadtberger SPD-Fraktionsvorsitzenden Roland Mair. Dieser fragte sie eines Tages, ob sie nicht Lust hätte, für den Stadtrat zu kandidieren. Das war 2019. Heubach überlegte kurz und sagte ja, „zur Partei und aus Solidarität“.

Im Kommunalwahlkampf zog sie mit Mair von Tür zu Tür – ohne Dolmetscher, denn die Bearbeitung ihres Antrags auf ihr Persönliches Budget ließ auf sich warten. „Ich hatte ein Tablet dabei, auf dem ein Video von mir in Gebärdensprache abgespeichert war, die von einer Dolmetscherin übersetzt wurde. Das habe ich vorgespielt“, erinnert sie sich. Roland Mair sprach mit den Menschen, und wenn Heubach sich am Gespräch beteiligen wollte, tippte sie etwas ins Tablet. Am Ende wurde sie zwar nicht in den Stadtrat gewählt, hatte aber eine wertvolle Erfahrung gesammelt.

Als Mair sie ein Dreivierteljahr später fragte, ob sie sich vorstellen könnte, für den Bundestag zu kandidieren, erbat sie sich Bedenkzeit. Nach ein paar Tagen sagte sie zu. Auf der Nominierungsversammlung schlug sie ihre Mitbewerber aus dem Feld und war überrascht. „Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Mittlerweile ist auch das Persönliche Budget bewilligt. Im Bundestagswahlkampf konnte Heubach deshalb auf Gebärdensprachdolmetscher zurückgreifen. Dass sie gehörlos ist, erfuhren die Menschen erst im direkten Kontakt mit ihr. „Auf den Plakaten sieht man das ja nicht“, sagt sie. Mit ihrer Einschränkung wollte sie nicht für sich werben. „Ich möchte nicht aus Mitleid gewählt werden, sondern wegen meiner Kompetenz“, begründet sie. Abwertende Kommentare wegen ihrer Behinderung hat sie nicht bekommen. „Es ging nie gegen mich, höchstens gegen die SPD und ihr Wahlprogramm“, berichtet sie.

Kämpfen ist Heike Heubach gewohnt. „Schon als Kind habe ich mich nicht entmutigen lassen“, erzählt sie. Als ihre frühere Firma aufgelöst wurde, setzte sie durch, dass sie von einer Tochtergesellschaft übernommen wurde, obwohl man ihr sagte, die Schwerbehindertenquote sei bereits erreicht. „Viele Menschen mit Behinderung geben dann auf. Aber wer nicht kämpft, bekommt auch nichts“, sagt sie. Auch für den Einzug in den Bundestag würde Heike Heubach gerne noch einmal kämpfen – „wenn die SPD damit einverstanden ist“.

Annette Liebmann

Schlagworte gehörlose Abgeordnete | Heike Heubach | Bundestagskandidatin | Inklusion | Barrierefreiheit

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