23. September 2021
VdK-Zeitung

Häusliche Pflege in Not

In Nürnberg werden die ersten bayerischen Ergebnisse der VdK-Pflegestudie vorgestellt

Die Corona-Pandemie hat die Mängel der häuslichen Pflege extrem verschärft. Doch Abhilfe ist nicht in Sicht. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kamen bei einem Pressegespräch in Nürnberg VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher, der stellvertretende VdK-Landesvorsitzende Hermann Imhof und Yvonne Knobloch, VdK-Ressortleiterin „Leben im Alter“.

Hermann Imhof, Ulrike Mascher, Yvonne Knobloch
Pflege-Pressegespräch in Nürnberg (von links): stellvertretender Landesvorsitzender Hermann Imhof, Landesvorsitzende Ulrike Mascher und Yvonne Knobloch, VdK-Ressortleiterin „Leben im Alter“. | © René Wanninger

Eine vom VdK beauftragte große Umfrage im April und Mai 2021 brachte alarmierende Ergebnisse. 35 Prozent der Pflegebedürftigen in Bayern mussten während der Corona-Pandemie auf ihre üblichen Unterstützungsangebote verzichten. 41 Prozent der Pflegebedürftigen und sogar 45 Prozent der pflegenden Angehörigen fühlten sich im Vergleich zur Zeit davor sehr stark belastet. Als Ursachen dieser Belastung nannten Pflegepersonen vor allem psychische Gründe (72 Prozent), Angst vor einer Corona-Ansteckung (56 Prozent) und das Fehlen von Dienstleistungen und Alltagsunterstützung (42 Prozent). Allein gelassen und teils verzweifelt fühlten sich 22 Prozent der Pflegepersonen und sogar 33 Prozent der Pflegebedürftigen.

Isoliert und einsam

„Die Isolation von alten Menschen betraf während der Pandemie nicht nur Pflegebedürftige im Heim. Jede dritte Person zu Hause litt unter Einsamkeit“, erklärte Yvonne Knobloch. Der VdK Bayern ist eine wichtige Anlaufstelle für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige. Bis Ende 2021 sind es voraussichtlich etwa 24.000 Beratungen im Bereich der gesetzlichen Pflegeversicherung beim VdK Bayern. 2019 waren es noch 6000 weniger. Auch der Zulauf beim VdK-Beratungstelefon „Pflege und Wohnen“ steigt seit 2019 an. „Die Anfragen werden immer komplexer. Viele sind mit dem System der Pflegeversicherung und vor allem mit der Undurchsichtigkeit der lokalen Versorgungsstrukturen total überfordert“, sagte Knobloch.

„Hinter den Haustüren verbergen sich oft Ängste, Verzweiflung, ja Hoffnungslosigkeit“, bestätigte Hermann Imhof die Ergebnisse der VdK-Studie. Der frühere Patienten- und Pflegebeauftragte der bayerischen Staatsregierung beklagte, dass vor allem die Versorgung von Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Demenz in der Häuslichkeit „nicht würdevoll“ gelöst ist. Ambulante Dienste, die ins Haus kommen, könnten diese Situationen nicht auffangen. Es fehle an entlastenden Einrichtungen. „In Nürnberg wie in ganz Bayern gibt es nur sehr vereinzelte Angebote der Nachtpflege“, kritisierte er. Ein wichtiger Leuchtturm ist der Nürnberger Pflegestützpunkt als Anlaufstelle für pflegerische Fragen. „Wir brauchen eine echte Dynamik im Ausbau der Pflegestützpunkte“, appellierte Imhof an die Adresse des bayerischen Gesundheitsministers Klaus Holetschek.

Zudem kritisierte er das bürokratische System und unzureichende Angebote an Entlastungs- und Betreuungsleistungen, zum Beispiel von Haushaltshilfen, in Bayern. „Die Revolution in der Pflege, die Minister Holetschek jüngst versprochen hat, darf nicht nur in Kliniken und Heimen stattfinden. Sie muss auch die häusliche Pflege erreichen“, sagte Imhof. Er forderte einen klaren Auftrag an die Kommunen zur Sicherstellung der häuslichen Versorgung.

Alarmstufe Rot

76 Prozent aller Pflegebedürftigen in Bayern leben zu Hause, zwei Drittel von ihnen werden ausschließlich von Angehörigen versorgt. „Es herrscht Alarmstufe Rot“, sagte Ulrike Mascher. Viele Angehörige seien nach den langen Corona-Monaten vollkommen erschöpft, wie die VdK-Zahlen zeigen. Deswegen setzt der VdK den Schwerpunkt seiner pflegepolitischen Forderungen auf die häusliche Pflege. „Diese große Gruppe wird komplett benachteiligt“, kritisierte Mascher. Schon seit 2017 und bis 2025 sollen ambulant gepflegte Menschen auf den versprochenen Inflationsausgleich beim Pflegegeld verzichten.

Der VdK fordert analog zur Mütterrente einen vollen Rentenpunkt pro Pflegejahr für Angehörige. Zudem muss der Anspruch auf einen Tages- oder Nachtpflegeplatz für Pflegebedürftige gesetzlich verankert werden. Und nach einer Pflegezeit muss es für Pflegepersonen ein Rückkehrrecht an den Arbeitsplatz geben.

Dr. Bettina Schubarth

Schlagworte Pflege | häusliche Pflege | VdK-Studie | VdK-Pflegestudie | Corona

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