19. März 2021
VdK-Zeitung

Wissen, was die Pflege braucht

VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher ruft zur Teilnahme an der VdK-Pflegestudie auf

Am 1. April 2021 startet die große Umfrage zur VdK-Pflegestudie. VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher erklärt im Interview, warum eine rege Teilnahme der bayerischen VdK-Mitglieder so wichtig ist.

Das Bild zeigt VdK-Ehrenpräsidentin Ulrike Mascher
Ulrike Mascher | © Heidi Scherm

Frau Mascher, ist über die Pflege nicht schon alles erforscht und gesagt?
Im Gegenteil. Gerade die häusliche Pflege ist für die Wissenschaft und leider auch für die Politik eine große Unbekannte. Das ist sicherlich ein wesentlicher Grund, warum pflegepolitische Entscheidungen so oft an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbeigehen. Angehörigenpflege läuft für viele Politikerinnen und Politiker einfach so mit. Doch wir dürfen nicht zulassen, dass bei anstehenden Pflegereformen die häusliche Pflege wieder unter den Tisch fällt.

Ist das denn zu befürchten?
Leider ja. Die bekannt gewordenen Entwürfe des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn haben vor allem die stationäre Pflege im Blick. Ganz klar, da gibt es ordentlich was zu reformieren. Das hat uns Corona ja deutlich gezeigt. Aber zur ambulanten Pflege, die für mehr als 70 Prozent der Pflegebedürftigen Alltag ist, findet sich fast nichts. Diese Menschen werden, wie gerade in der Corona-Pandemie, öffentlich kaum wahrgenommen. Und auch in den aktuellen Vorschlägen, die der bayerische Gesundheitsminister zur Pflegereform vorgelegt hat, herrscht eine auffällige Abwesenheit dieses Themas.

Was kritisieren Sie konkret?
Pflegende Angehörige stecken in einem großen Dilemma. Sie lieben den Menschen, für den sie sorgen, aber sie müssen oft täglich an die Grenze ihrer Belastbarkeit gehen und darüber hinaus. Damit das System der Angehörigenpflege auf Dauer funktionieren kann, brauchen wir deutlich mehr Entlastungsangebote. Doch suchen Sie in Bayern mal einen Kurzzeitpflegeplatz für einen bestimmten Termin, weil Sie zum Beispiel einen Urlaub planen oder für eine geplante Operation in die Klinik müssen. Da telefonieren Sie sich die Finger wund. Hier hat auch die Offensive zur Schaffung von Kurzzeitpflegeplätzen der Staatsregierung nicht wirklich etwas geholfen. Deshalb steht der Anspruch auf diese Leistung für viele nur auf dem Papier. Tagespflegeeinrichtungen sind ebenfalls rar, und Nachtpflegeplätze müssen Sie in Bayern mit der Lupe suchen. Dazu kommt, dass Pflegebedürftige und Angehörige in Bayern so gut wie keine zentralen Anlaufstellen für Informationen vorfinden. Die Einrichtung von Pflegestützpunkten in den Landkreisen geht immer noch schleppend voran. Fast alle Familien, in denen plötzlich ein Pflegefall versorgt werden muss, fühlen sich bei der Organisation total allein gelassen. Sie erfahren oft auch nicht von den wenigen guten Angeboten, zum Beispiel ihrem Anspruch auf das Landespflegegeld.

Warum fällt die häusliche Pflege durchs Raster?
Das hat vermutlich gesellschaftliche Gründe. Als die Pflegeversicherung geschaffen wurde, hatte man eigentlich nur die stationäre Pflege im Blick. So gesehen ist diese Verengung ein Geburtsfehler der Pflegeversicherung, der bis heute nachwirkt. Das Ziel war, Pflegebedürftige vor der Sozialhilfe zu schützen. Das ist zumindest anfangs auch gelungen. Doch das hat nichts daran geändert, dass das Pflegeheim immer nur als letzter Ausweg gesehen wurde. Der größte Wunsch alter Menschen war und ist, zu Hause im Kreise der Familie die letzte Lebensphase zu verbringen. Vorbild mag die bäuerliche Familie gewesen sein. Dort lebten die Großeltern bis zum Tod im „Austrag“, immer in der Nähe zur jüngeren Generation. Natürlich spielt auch das traditionelle Frauenbild eine Rolle. Denn überwiegend kümmern sich Töchter und Ehefrauen zu Hause um Pflegebedürftige. So, wie sie sich ganz selbstverständlich und kostenlos schon um die Kinder gekümmert haben. In der Vorstellung von Unternehmen und von der Politik ist zwar jetzt vereinzelt angekommen, dass die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ein Thema sein muss. Doch dass viele Frauen im Erwerbsalter auch Pflege und Beruf unter einen Hut kriegen müssen, ist noch lange nicht präsent.

Mit welchen Ergebnissen rechnen Sie bei der VdK-Pflegestudie?
Ich gehe davon aus, dass vieles, was wir in den VdK-Geschäftsstellen oder an unserem VdK-Pflegetelefon in Bayern hören, sich in den Umfrageergebnissen wider spiegeln wird. Der große Wunsch, zu Hause gepflegt zu werden, wird bestimmt sehr deutlich werden – bei Pflegebedürftigen wie bei Angehörigen. Ich hoffe, dass sich bei der Umfrage herauskristallisiert, was die Menschen konkret brauchen, damit sie zu Hause gut leben und pflegen können, und wo es wegen der gesetzlichen Vorgaben und der fehlenden Angebote noch knirscht. Mit diesen Ergebnissen können wir dann als VdK an die Politik herantreten und Reformen einfordern. Denn dann ist das alles kein „gefühlter“ Mangel mehr, sondern ein gut belegtes Defizit, das konkrete Maßnahmen erfordert. Mit den ersten Auswertungen kann der VdK seine pflegepolitischen Forderungen an die Koalitionspartner der nächsten Bundesregierung gut unterfüttern. Hier in Bayern können wir als VdK zudem anhand der Daten konkret auf Mängel in der Versorgungsstruktur hinweisen. Langfristig verspreche ich mir neben dem Erkenntnisgewinn für die Wissenschaft vor allem, dass das Thema politisch noch ernster genommen wird.

Warum sollte man teilnehmen?
Damit sich endlich etwas verändert! Jetzt und in Zukunft. Dafür müssen sich aber so viele Menschen wie möglich die Zeit nehmen und bei der Umfrage mitmachen. Wir haben in Bayern über 730.000 Mitglieder. Denen ist es nicht egal, wie es mit unserer Gesellschaft weitergeht. Denn mit der Haltung „Weiter so“ fährt die häusliche Pflege irgendwann an die Wand. Und das ist kein theoretisches Problem. Wir sprechen hier von dem Schicksal der eigenen Eltern, dem eigenen Mann oder der eigenen Frau oder von uns selbst. Die VdK-Pflegestudie ist ein wichtiger Baustein für pflegepolitische Verbesserungen. Deshalb danke ich jetzt schon allen sehr herzlich, die daran teilnehmen.

VdK-Pflegestudie: Bitte machen Sie mit

Danke für Ihre Unterstützung!

Sie möchten dazu beitragen, dass die Pflege zu Hause endlich unter besseren Bedingungen stattfindet? Mit Ihrer Teilnahme an der Umfrage zur VdK-Pflegestudie können Sie genau das tun.

Für den Sozialverband VdK Bayern sind die Ergebnisse der VdK-Pflegestudie eine große Chance, mehr über die Pflegesituation in Bayern zu erfahren. Je mehr Menschen mitmachen, umso besser. Am besten gleich unter diesem Link teilnehmen: Zur Umfrage

Fragen zur VdK-Pflegestudie?
Wenn Ihnen beim Ausfüllen der Umfrage etwas unklar ist, können Sie sich gerne an unser VdK-Team wenden. In der Landesgeschäftsstelle ist im Befragungszeitraum ein Infotelefon zur VdK-Pflegestudie geschaltet. Hier kann gegebenenfalls auch der Fragebogen in Papierform angefordert werden. Bitte beachten Sie: Die schriftlichen Fragebögen werden nur bis zum 30. April versandt. Die ausgefüllten Fragebögen müssen bis 9. Mai wieder zurückgeschickt werden.

Infotelefon VdK-Pflegestudie:

(089) 2117-333

  • Vom 1. April bis 9. Mai 2021 für Nachfragen
  • Erreichbar Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr, und Mittwoch, 14 bis 17 Uhr

Leider können wir Ihnen am Telefon keine sozialrechtlichen Auskünfte zu Ihren Pflegefragen geben. Wenden Sie sich hierzu an Ihre VdK-Kreisgeschäftsstelle: Geschäftsstellensuche


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