29. Oktober 2020
VdK-Zeitung

Über Sorgen, Glück und große Liebe

Im Buch „Wer bist Du?“ erzählt Florian Jaenicke vom Leben mit seinem schwerstbehinderten Sohn

Friedrich Jaenicke ist 15 Jahre alt und schwerstbehindert. Über das bisherige Leben mit ihm hat sein Vater Florian Jaenicke, Fotograf und Autor, ein Buch geschrieben, das mit seinen Fotos und Texten einen tiefen, berührenden Einblick in das Familienleben gibt.

Familienglück: Florian Jaenicke hält seinen Sohn Friedrich gut fest, sodass er sich im Wasser bewegen kann. | © Florian Jaenicke

Wäre die Corona-Pandemie nicht gewesen, wäre Friedrich Jaenicke wahrscheinlich noch bekannter geworden. Das Buch „Wer bist Du? Unser Leben mit Friedrich“ ist im Frühjahr, unmittelbar vor den massiven Einschränkungen im öffentlichen Leben erschienen. Fast alle geplanten Veranstaltungen wie Lesungen mussten abgesagt werden, erzählt Florian Jaenicke mit Bedauern.

Auch die begleitenden Fotoausstellungen in München und Berlin haben deswegen leider viel weniger Menschen gesehen als erhofft. Dennoch sagt Florian Jaenicke nicht ohne Stolz: „Wer hätte gedacht, dass unser Sohn mal ein Star wird?“ Für seine Eltern ist Friedrich das schon seit mehr als 15 Jahren. Bereits vor seiner Geburt hatten sie sich sehr auf ihn gefreut. „Als meine Frau schwanger wurde, hatten wir schnell Träume und Vorstellungen davon, wie unser Kind wohl sein wird, nicht anders als die meisten werdenden Eltern“, schreibt Florian Jaenicke im einführenden Text seines Buches.

Friedrich sitzt in einem Stehständer. Dieser spezielle Hochstuhl soll seinen Rumpf beim Sitzen stabilisieren. | © Florian Jaenicke

Er dachte daran, mit seinem Kind Fußball zu spielen oder ihm Skateboardfahren beizubringen. Doch schon bald zerschlugen sich diese Träume. Friedrich kam zu früh und mit schweren Behinderungen auf die Welt. Ein Sauerstoffmangel im Verlauf der Geburt führte dazu, dass zentrale Gehirnzellen abgestorben sind. Da dies der Ort ist, an dem die motorischen Fähigkeiten entwickelt und gesteuert werden, konnte Friedrich nie lernen, sich selbstständig zu bewegen.

Auch die geistige Entwicklung ist dadurch gestoppt worden. Das wussten seine Eltern nicht von Anfang an. Doch von Tag zu Tag und Woche zu Woche wurden seine Behinderungen immer deutlicher. Florian Jaenicke beschreibt, welche Gedanken seine Frau und er sich gemacht haben, welchen Aufwand sie Tag und Nacht bis heute betreiben müssen, damit es ihrem Sohn so gut wie möglich geht. So lebten sie in seinen ersten Lebensjahren – oft getrennt voneinander – mit Friedrich in Budapest, um ihm eine spezielle Pflegetherapie zu ermöglichen.

Als Friedrich 13 Jahre alt war, hatte er eine riskante Operation. Florian Jaenicke schildert, wie sehr sie als Eltern versuchten, ihre Ängste vor ihrem Sohn zu verbergen. „Auch wenn Friedrich nicht spricht, hat er doch unsichtbare Antennen, mit denen er unsere Stimmungen spürt“, weiß sein Vater. „Wie viel Kraft es mich gekostet hat, wurde mir erst bewusst, als sie ihn über die rote Linie schoben, die den OP-Bereich begrenzt. Denn noch im Fahrstuhl musste ich mich weinend auf den Boden setzen.“

Er liebt Schnelligkeit

Zum Glück ging diese Operation gut, und Florian Jaenicke erzählt auch von vielen Glücksmomenten, die sie als Familie erleben, wie zum Beispiel, wenn sich Friedrich auf den Armen seines Vaters im Wasser bewegen kann oder auf speziellen Rollstuhlkufen von seiner Mutter durchs Eisstadion geschoben wird. „Je höher die Geschwindigkeit, desto schöner für ihn“, sagt sein Vater. Die 52 Fotografien, die vorher als wöchentliche Kolumne im „Zeit“-Magazin mit jeweils kurzem Begleittext abgebildet waren, zeigen Friedrich von der Geburt bis ins Teenageralter.

Für das Buch hat Florian Jaenicke zu jedem Bild ausführliche Texte geschrieben, die Ereignisse und Themen aufgreifen, die ihn und seine Frau jeweils in der Zeit bewegt haben. In seinen Worten spiegelt sich immer wieder die große Liebe der Eltern zu Friedrich wider. Über die Jahre hinweg wuchs in Florian Jaenicke das Bedürfnis, anderen das Leben mit ihrem Sohn zu schildern. Der Titel „Wer bist Du?“ lag auf der Hand, da er sich oft die Frage stellte, was in Friedrich vorgeht, da dieser sich selbst nie äußern kann.

So konnte sein Vater ihn auch nicht fragen, ob er die Fotografien und Erzählungen über ihn veröffentlichen dürfe. „Aber ich bin mir sicher, dass er nichts dagegen hat“, sagt Florian Jaenicke. „Das Buch soll nicht nur eine Beschreibung des Alltags mit einem schwerbehinderten Kind sein“, betont er. „Ich will zeigen, wie wir gelernt haben, eine neue, positive Perspektive auf das Leben an sich einzunehmen – und dass das Leben mit Menschen wie Friedrich bereichernd ist.“ Die positive Resonanz zeige, dass es richtig war, das Buch zu veröffentlichen. Andere Familien mit schwerbehinderten Kindern schrieben ihm, Friedrichs Geschichte mache ihnen Mut. Und als Eltern seien sie einfach stolz auf ihren Star.

Tipp

Florian Jaenickes Buch „Wer bist Du? Unser Leben mit Friedrich“ ist im Aufbau Verlag erschienen. Es hat 176 Seiten, 52 Fotografien und kostet 24 Euro. Internet: www.aufbau-verlag.de/autoren/florian-jaenicke


Sebastian Heise

Schlagworte Florian Jaenicke | Leben mit Behinderung | Buchvorstellung | Kolumne | Fotos | Friedrich Jaenicke

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