24. Januar 2019
VdK-Zeitung

Bei der Notfallseelsorge kommt es nicht aufs Sehen an

Bettina Wirth ist mit Leib und Seele Sanitäterin – Auch ihre Sehbehinderung kann sie nicht bremsen

Das Geschirr klappert, die Schlange wird länger. Alle Blutspender bekommen eine warme Mahlzeit. Am großen Topf steht eine zierliche Frau und teilt Käsespätzle aus. Was auf den ersten Blick nicht auffällt: Bettina Wirth ist fast blind.

Bettina Wirth (links) im Einsatz: Beim Blutspendetermin hilft sie unter anderem in der Essensaugabe für die Spender. | © Annette Liebmann

Die 50-Jährige hat nur 1,5 Prozent Sehvermögen. Sie kann gerade noch Umrisse erkennen. Die Sehbehinderung hält sie aber nicht davon ab, sich bei der Wasserwacht des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Rimpar bei Würzburg zu engagieren. Wirth ist ehrenamtliche Sanitäterin und bei sämtlichen Veranstaltungen mit dabei: bei Handballspielen und Theateraufführungen, beim Hallenfußball und eben bei Blutspende-Terminen. Auch als 2015 in Würzburg viele Flüchtlinge eintrafen, packte sie mit an. Zwischen fünf und zehn Stunden pro Woche ist sie im Einsatz, in Spitzenzeiten kann es auch mal mehr werden.

„Ich helfe, wann und wo man mich braucht“, sagt sie. Die gelernte Altenpflegerin übernimmt sämtliche Aufgaben wie jeder andere Sanitäter auch. Sie betreut Patienten, bereitet sie auf den Transport ins Krankenhaus vor und leistet Erste Hilfe. Probleme könnte es beim Blutdruckmessen geben, „aber da sind wir sowieso immer zu zweit“. Die Werte könne sie sich gut merken, „denn ich habe ein trainiertes Gedächtnis“, erzählt Wirth. Einmal im Monat ist sie eine Woche lang in der Notfallseelsorge im Einsatz. Die liegt ihr besonders am Herzen. 24 Stunden an sieben Wochentagen hat sie Bereitschaft und leistet bei Bedarf psychosoziale Notfallversorgung. „Da kommt es nicht aufs Sehen an“, betont sie.

Am Klangbild der Stimme kann sie erkennen, wie es jemandem geht. Manchmal ist es auch die Körperhaltung, die erahnen lässt, ob Hilfe nötig ist oder nicht. „Vielleicht habe ich durch meine Sehbehinderung ein spezielles Gespür dafür entwickelt“, meint sie. Anderen Menschen zu helfen, war ihr schon immer ein Anliegen. Daran konnte auch die Sehbehinderung nichts ändern, die im Alter von sechs Jahren begann. Auslöser war eine nicht erkannte Scharlach-Erkrankung. Obwohl ihre Eltern regelmäßig mit Bettina Wirth zum Augenarzt gingen, wurde der schleichende Verlust des Augenlichts erst mit elf Jahren bemerkt. Da hatte sie nur noch 35 Prozent Sehvermögen. Weit weg vom Elternhaus in Hausham im oberbayerischen Landkreis Miesbach kam sie auf eine Schule für Sehbehinderte, wo sie unter anderem Brailleschrift lernte.

Um ihre schwerkranke Mutter zu unterstützen, brach sie ab und kehrte nach Hausham zurück. Es folgte eine Ausbildung zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin. „Das wäre mein Traumberuf gewesen“, so Wirth. Doch daraus wurde nichts – die Handgelenke machten nicht mit. Sie sattelte um auf Altenpflegerin und arbeitete in einem privaten Pflegeheim. Mit der Geburt ihres ersten Kindes 1990 gab sie ihren Beruf auf und ließ sich zur Tagesmutter umschulen. Zehn Jahre und zwei weitere Kinder später trennte sich ihr Mann von ihr. Sie lernte ihren jetzigen Mann Michael kennen und landete schließlich in Würzburg. Dort beschloss sie, eine Ausbildung zur Rettungsschwimmerin zu machen.

Die Wasserwacht kannte Wirth bereits vom Schliersee. 1977 war sie beigetreten, um dort Schwimmsport zu machen, musste aber wegen der Schule aufhören. „Für den Rettungsschein sollte ich auch eine Schulung zur Sanitäterin machen“, erinnert sie sich. Doch dabei blieb es nicht: Bettina Wirth machte verschiedene Ausbildungen, zuletzt für den Fachdienst „Psychosoziale Notfallversorgung“. Zum Schwimmen kommt sie mittlerweile selten, dafür hat sie bei der Wasserwacht viele andere Aufgaben. Ortsvorsitzender Alexander Kager muss sie manchmal bremsen, damit sie sich nicht zu viel aufbürdet.

Ehemann macht mit

Für den Blutspende-Termin hat sie an diesem Tag im Advent den Raum festlich geschmückt. Tannenzweige mit Schleifen und Christbaumkugeln zieren die Tische, auch Lebkuchen für die Spender hat sie verpackt. Unterstützung findet Bettina Wirth bei ihrem Mann, der mittlerweile auch der Wasserwacht beigetreten ist. „Wenn ich dich immer hinfahren muss, dann kann ich ja gleich mitmachen“, hatte er gesagt. Bettina Wirth ist übrigens nicht die einzige mit einer Behinderung bei der Wasserwacht: Derzeit durchläuft eine Jugendliche mit Hörbehinderung das Pilotprojekt „Feel FR.E.E“ des Landratsamts Würzburg, bei dem junge Menschen einen Einblick in das Ehrenamt bekommen.

Annette Liebmann

Schlagworte Menschen mit Behinderung | Sehbehinderung

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