24. Oktober 2018
VdK-Zeitung

Schöner Wohnen

Das Regensburger Wohnprojekt W.I.R. ist das beste Beispiel für gelebte Inklusion

Vier junge Leute, eine Wohngemeinschaft. Eine ganz besondere – wie deren Bewohner. Florian Bierler, Christiane Wiedmann, Christin Baier und Veronika Halles sind Teil des einzigartigen Projekts W.I.R. „Wohnen Inklusiv Regensburg“. Seit einem Jahr leben die jungen Menschen mit Behinderung auf dem 4000 Quadratmeter großen Areal mit rund 90 anderen Bewohnern mit und ohne Behinderung zusammen.

Haben das perfekte Zuhause gefunden (von links): Eva und Christin Baier, Carola und Christiane Wiedmann, Florian und Erich Bierler. Die WG-Bewohner und deren Eltern sind glücklich, Teil der Sozialgenossenschaft W.I.R. „Wohnen Inklusiv Regensburg“ zu sein. | © Caroline Meyer

Fröhliches Geplapper, herrlicher Kuchenduft und munteres Tellerklappern erfüllen den sonnenhellen Raum. Die Tür geht auf, Florian Bierler kommt nach Hause, mit einem Lächeln im Gesicht. „Setz dich, es gibt Kaffee und Kuchen!“ Seine Mitbewohnerinnen Christiane Wiedmann und Christin Baier erwarten ihn schon, Veronika Halles ist noch bei der Arbeit.

Oft sitzen die vier im geräumigen Gemeinschaftsraum zusammen, an der langen Tafel, auf dem Sofa oder auf der Sonnenterrasse. Von hier aus blicken sie in den Innenhof, umrahmt von den Wohnhäusern „W“, „I“ und „R“. „Wohnen Inklusiv Regensburg“, kurz W.I.R., so heißt das außergewöhnliche Wohnprojekt auf dem ehemaligen Kasernenareal.

Eltern von Menschen mit Behinderung haben sich Anfang 2012 zusammengetan und erste Ideen für ein inklusives Konzept gesammelt. Als Vorbild diente das erfolgreiche Wohnprojekt „Vaubanaise“ in Freiburg. Unter anderem die Idee der Sozialgenossenschaft gefiel den Regensburgern. „Das Prinzip ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Dabei gibt es so viele Vorteile für die Mitglieder“, sagt Erich Bierler, Florians Vater, VdK-Mitglied und W.I.R.-Aufsichtsratsmitglied.

Inklusiv und sozial

Das genossenschaftliche Wohnprojekt wird nicht von einem Investor oder Träger finanziert, sondern von den Bewohnern und von Angehörigen, die sich an der Genossenschaft beteiligen. Neben dem inklusiven und sozialen Nutzungskonzept sind für die Bewohner das genossenschaftliche lebenslange Wohnrecht und das Kostenmietenprinzip von großer Bedeutung. Eigenbedarfskündigungen sind also ausgeschlossen, genauso wie explodierende Mieten. Diese liegen nämlich weit unter dem Durchschnitt für Regensburg.

5000 Euro Anteile zahlt jeder Genosse zu Beginn, hinzu kommen Anteile je nach Größe der Wohnung. Familien mit Kindern werden hier stark entlastet. Zudem sind 40 Prozent Sozialwohnungen. „Uns ist eine gute, bunt gemischte Hausgemeinschaft wichtig“, erklärt Erich Bierler. „Es sollen nicht nur finanziell gut gestellte Menschen hier leben, sondern vor allem diejenigen, die sozial eingestellt sind und sich einbringen wollen.“ Zum Beispiel in der Gartengruppe, der Organisation gemeinsamer Unternehmungen oder im Verein „Wir dabei Regensburg e.V.“.

Ohne ehrenamtliches Engagement würde es das Wohnprojekt nicht geben. Laut Bierler waren Planung, Bau und Verwaltung der barrierefreien, zehn Millionen Euro teuren Anlage nur durch den großen Einsatz des ehrenamtlichen Vorstands zu stemmen. Dieser hat auch die Stadt Regensburg überzeugt, das Grundstück zur Verfügung zu stellen. Bezuschusst wurde das Projekt vom bayerischen Sozialministerium, das in allen Regierungsbezirken Sozialgenossenschaften etablieren will.

Von Sommer bis Herbst 2017 sind die W.I.R.-Bewohner eingezogen: Familien mit Kindern, Senioren, Alleinstehende, Rollstuhlfahrer, zwei vom Pflegedienst der Lebenshilfe betreute Wohngruppen für junge Menschen mit geistiger Behinderung und die WG mit Florian Bierler, Christiane Wiedmann, Christin Baier und Veronika Halles. Eine aufregende Zeit war das, auch für deren Eltern. „Christin hat 34 Jahre lange bei mir gelebt“, erzählt Eva Baier. „Es war für uns beide ein großer Schritt, aber der beste, den wir tun konnten.“

In der Wohngemeinschaft sind alle vier so akzeptiert, wie sie sind. Sie verstehen sich bestens, helfen sich gegenseitig und können sich auch mal in die eigenen vier Wände zurückziehen. Vom Gemeinschaftsraum gehen vier Zwei-Zimmer-Appartements ab, mit Küche und Bad. Ganz individuell haben sich die vier eingerichtet: Christiane liebt Vogelmotive, Christin mag es bunt, Florian schlicht.

Die jungen Menschen mit Lernbehinderung sind auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig und kommen im Alltag weitgehend alleine zurecht. Veronika Halles braucht etwas mehr Unterstützung. Je nach Bedarf kommt eine Sozialpädagogin von der Lebenshilfe in die WG. „Es ist für uns Eltern sehr beruhigend, dass immer jemand im Haus ist“, sagt Carola Wiedmann. „Auch im Hinblick auf die Zukunft, wenn wir Eltern älter werden und unsere Kinder nicht mehr so gut unterstützen können“, ergänzt Erich Bierler. Wenn es nach den WG-Bewohnern geht, bleiben sie ohnehin für immer hier – gehen zusammen ins Fußballstadion, schauen mit anderen Bewohnern im Aufenthaltsraum fern und feiern im Garten Grillpartys.

Caroline Meyer

Schlagworte Wohngemeinschaft | Wohnprojekt | Wohnen Inklusiv Regensburg

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