VdK-Zeitung

Eine Sprache, die kaum jemand kann

Das Nürnberger Hans-Sachs-Gymnasium hat ein bayernweit einzigartiges Angebot: ein Grundlagenkurs in Gebärdensprache

Ich finde es wichtig, dass man sich mit verschiedenen Sprachen auseinandersetzt“, sagt Roman Vahedi. Der Schüler lernt im Wahlfach die Gebärdensprache. Dieses Angebot des Nürnberger Hans-­Sachs-Gymnasiums ist bayernweit einzigartig.

Lehrerin Viktoria Renner erklärt neue Wörter, indem sie diese an die Tafel schreibt und dann die dazugehörige Handbewegung, Mimik und Aussprache zeigt. | © Annette Liebmann


Vom Gang ertönen ab und zu Schritte, im Hof spielen Kinder, doch im Klassenzimmer ist es mucksmäuschenstill. Victoria Renner steht in der Mitte des Stuhlkreises und bewegt die Hände, die Lippen, das Gesicht. Sie stellt Fragen, und die zwölf Schüler antworten – in Gebärdensprache. Das klappt recht gut, immerhin ist es schon die neunte von insgesamt zehn Doppelstunden. Nur wenn etwas unklar ist, hört man die sieben Mädchen und fünf Jungen leise murmeln.

Heute geht es um Fragewörter und Modalverben. Das, was vielen schon im Deutschunterricht Probleme bereitet, ist in der Sprache der Gehörlosen noch ein bisschen komplizierter. Bevor beispielsweise das Fragewort kommt, wird erst der restliche Satz gebildet. Die Gebärdensprache besteht nicht nur aus Handzeichen, sondern wird mit dem Mund stumm mitgesprochen und mit Mimik verdeutlicht. Manche Zeichen symbolisieren gleich mehrere Wörter. Nicht einfach, aber die Neunt- und Zehntklässler schlagen sich wacker.

„Ein Drittel der Schüler macht das super, ein Drittel kommt gut mit, und den restlichen Schülern macht es Spaß“, berichtet Renner, die selber gehörlos ist. Nur die Grammatik ist nicht so beliebt. Die 28-Jährige freut sich, dass die Jugendlichen die Möglichkeit zum Sprachkurs nutzen. „Das bringt die Inklusion voran. In den USA ist es selbstverständlich, die Grundlagen der Gebärdensprache zu kennen. Das macht es Gehörlosen leichter, zum Beispiel einen Kaffee zu bestellen.“
Die Idee, das Wahlfach anzubieten, entstand bei einem Unesco-­Projekttag. Unter anderem gab es dort einen Workshop in Gebärdensprache, der auf großes Interesse stieß. „Daraufhin haben wir beschlossen, so etwas regelmäßig anzubieten“, sagt Betreuungslehrer Oliver Neumann. Auch der folgende Schnupperkurs kam gut an.

Mittlerweile hat das Hans-­Sachs-­Gymnasium schon zum zweiten Mal einen Grundlagenkurs mit zehn Doppelstunden für die Mittelstufe angeboten, bei dem das Zertifikat Deutsche Gebärdensprache (DGS) 1 erworben wird. Die Kursstärke umfasst 15 Schüler. Zehn Euro müssen die Jugendlichen selbst tragen, den Rest der Gesamtkosten in Höhe von rund 1000 Euro finanziert die Schule mithilfe der gemeinnützigen Ararat-­Akademie und der örtlichen Sparkasse.

„Wenn der Kurs ein bisschen was kostet, ist er den Schülern mehr wert“, weiß der stellvertretende Schulleiter Karl-Heinz Dölle. Er sieht die Gebärdensprache als einen Beitrag des Gymnasiums zur Inklusion. Da das über 100 Jahre alte Gebäude unter Denkmalschutz steht, kann es nicht barrierefrei umgebaut werden. „Inklusion ist wichtig, aber bei uns ist leider vieles nicht möglich“, bedauert er. „Den Kurs in Gebärdensprache anzubieten, ist etwas, was wir leisten können und es auch gerne tun.“ Auch im nächsten Schuljahr soll wieder ein solcher Kurs angeboten werden – vorausgesetzt, es gibt genügend Interessenten. Doch da besteht im Moment kein Grund zur Sorge.

Einzigartiges Angebot


Denn das außergewöhnliche Angebot kommt bei den Schülern gut an. „Das ist etwas Einzigartiges, das es an anderen Schulen nicht gibt“, sagt Alexander Jacmenev. „Vielleicht kommt einmal der Tag, an dem man die Gebärdensprache braucht.“ Auch für Tilija Magin ist es eine tolle Erfahrung, dass sie eine Sprache lernt, die sonst kaum jemand kann: „Man könnte sich mit anderen unterhalten, ohne dass einen jemand versteht.“

Der Gebärdensprachkurs ist ein Einstieg in die bislang unbekannte Welt von gehörlosen Menschen. „Wir versuchen, so viele Schüler wie möglich für dieses Thema zu erreichen“, so Oliver Neumann. „Danach bauen wir auf die Eigen­initiative. Wem der Kurs Spaß gemacht hat, kann selbstverständlich privat weitermachen.“

Annette Liebmann

Schlagworte Gebärdensprache | Hans-­Sachs-Gymnasium | Unesco-­Projekttag | Inklusion

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