30. April 2018
VdK-Zeitung

Firma Hummel poliert die Tradition auf

Porzellanmanufaktur aus dem oberfränkischen Rödental setzt auf alte Handwerkskunst und frischen Wind

Entworfen vor 80 Jahren, beschreibt die Hummelfigur „Frühling“ die Neuausrichtung der oberfränkischen Porzellanmanufaktur sehr treffend: Nach vier Insolvenzen will der neue Inhaber Bernd Förtsch für eine neue Blütezeit der Sammlerstücke aus seiner Heimat sorgen. Mit VdK-Mitglied Peter Hohenstein hat er einen Mitarbeiter an seiner Seite, der den Betrieb seit 44 Jahren durch Höhen und Tiefen begleitet.

Werner Rauch arbeitet seit 44 Jahren als Keramikmaler bei der Hummel Manufaktur im oberfränkischen Rödental. Er nimmt jede Figur unter die Lupe, bevor sie eingepackt wird. | © Caroline Meyer

Peter Hohenstein öffnet die Stahltür, die ihm so vertraut ist wie keine andere. Schwaches Licht fällt auf die Regale im Eingangsbereich. Kleine weiße Figuren in alten Holzschubladen, aufgereiht wie Zinnsoldaten, heißen ihn jeden Tag willkommen. Seit vielen Jahren nimmt der 61-Jährige die Linoleumtreppen in sein Büro. In Glasvitrinen stehen kleine und große Hummelfiguren neben Arbeiten seiner Auszubildenden. Wenn er über die jungen Leute spricht, die in seiner Firma die Kunst des Keramikmalens lernen, leuchten seine Augen. Vor 44 Jahren hat er selbst als Keramikmaler angefangen, heute ist er als Produktionsleiter einer der wichtigsten Mitarbeiter des Traditionsunternehmens. Alles, was in den Fertigungshallen geschaffen wird, geht über seinen Tisch.

Die Geschichte der romantischen Kinderfiguren beginnt 1934, als der damalige Porzellanhersteller Goebel auf die Zeichnungen von Ordensschwester Maria Innocentia Hummel aufmerksam wird. Zu ihren Aufgaben im württembergischen Kloster Sießen gehört unter anderem der Zeichenunterricht von Kindern. Weil sie diese ebenso liebt wie das Zeichnen, werden Porträts von pausbackigen Jungen und Mädchen zu ihrem Markenzeichen. Bis heute, 70 Jahre nach ihrem Tod, werden alle Interpretationen und Originalentwürfe der Hummelfiguren von Schwestern des Klosters abgesegnet, bevor sie produziert werden.

VdK-Mitglied Marion Huschka arbeitet in vierter Generation in der Porzellanmanufaktur. „Ich bin mit den Hummelfiguren groß geworden“, sagt sie. Auf einem Podest an ihrem Arbeitsplatz steht das Miniaturmodell eines Tischs. Perfekt für den Laien, nicht aber für den Profi. „Er ist etwas zu klein geraten“, findet die Modelleurin. Außerdem überlegt sie, wie sie den winzigen Adventskranz gestaltet, damit der Tisch nicht überladen wirkt. Weil nicht jede Zeichnung von Schwester Maria Innocentia eins zu eins umgesetzt werden kann, haben die Modelleure einen gewissen Gestaltungsspielraum.

Das Ergebnis muss allerdings eindeutig dem Hummel-Stil zuzuordnen sein. „Das hat nicht jeder Modelleur im Blut“, sagt Peter Hohenstein. „Ich hatte sehr talentierte Leute hier, die aber den Stil nicht umsetzen konnten.“ Wenn die Rohlinge aus Ton fertig sind, gehen sie in die Gießerei. Hier werden die Figuren in Einzelteile zerlegt und Gipsformen daraus hergestellt. Im Negativ korrigieren Retuscheure wie Peter Dressel kleine Fehler und arbeiten Konturen nach. Anschließend werden die ersten Figuren gegossen, zusammengesetzt und mit dem Pinsel bearbeitet. Wie viel Arbeit hinter einem Werk steckt, hängt von seiner Komplexität ab.

Eine der bekanntesten Sammlerstücke etwa, der „Geburtstagsreigen“ mit sieben um einen Baum tanzenden Kindern, besteht aus 84 Einzelstücken. Im nächsten Schritt werden die Figuren gebrannt, glasiert und schließlich in mehreren Schritten aufwendig bemalt. Die Farben entsprechen immer Stoffen von Kinderkleidern der 1920er- bis 1940er-Jahre.

Beschäftigte atmen auf

Vier bis fünf Monate dauert es, bis eine Figur fertig ist. Keramikmaler Werner Rauch nimmt die Exemplare am Schluss nochmals unter die Lupe: Sind alle Gravuren korrekt, gibt es kleine Luftblasen am Sockel? „Die Sammler sind da sehr genau“, erklärt er. Apropos: Gibt es heutzutage noch viele Menschen, die sich die kostbaren Porzellanfiguren leisten? Pressesprecher Joffrey Streit bejaht das. „Unter anderem auf dem amerikanischen und asiatischen Markt tut sich viel.“

Seit der oberfränkische Unternehmer Bernd Förtsch die insolvente Manufaktur Anfang des Jahres gekauft hat, atmen die 50 Beschäftigten auf. Auch Peter Hohenstein, der viele Geschäftsführer erlebt hat, erzählt von einem frischen Wind, der das verstaubte Image aufwirbelt. „Der soziale Charakter zeichnet uns aus.“ So ist es zum Beispiel selbstverständlich, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Nun sollen erfahrene Mitarbeiter und neue Leute dem Traditionsunternehmen zu alter Stärke verhelfen. Weitere Infos unter www.hummelfiguren.com

Caroline Meyer

Schlagworte Hummelfiguren | Handwerkskunst | Porzellanmanufaktur | Inklusion

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