27. März 2014

Erwerbsminderungsrente ist ein großes Armutsrisiko

Beim VdK-Forum in Tutzing 2014 plädieren Sozialexperten für bessere Rehabilitation und höhere Rentenzahlungen

Wer aus Krankheitsgründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheidet, tut das meist nicht freiwillig – und bekommt oft nur eine magere Rente. Auf dem sozialpolitischen Forum des VdK Bayern in Tutzing diskutierten Experten über Gesundheitsmaßnahmen im Arbeitsleben, Rehabilitation und die Erwerbsminderungsrente.

Diskutierten auf dem VdK-Forum (von links): Dr. Werner Kissling, Dr. Helga Seel, Burkard Rappl, Mo deratorin Sybille Giel, VdK-Präsidentin Ulrike Mascher und VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder. | © Schwepfinger

„Nach wie vor stehen wir vor großen Herausforderungen, wenn Menschen im Arbeitsleben krank oder behindert werden“, stellte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher in ihrer Eröffnungsrede fest. Seit Einführung der neuen Erwerbsminderungsrente im Jahr 2001 sind die Betroffenen immer häufiger von Armut bedroht. Denn diese Renten befinden sich im freien Fall und betragen derzeit für Neurentner durchschnittlich etwa 600 Euro.

„Wie ernst die Lage der betroffenen Menschen ist, erfahren wir tagtäglich in den Beratungen in unseren Geschäftsstellen“, berichtete der Geschäftsführer des VdK Bayern, Michael Pausder. Die Zahl der Anträge zu Reha und Rente sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Dass die Bundesregierung nun die Erwerbsminderungsrente in Teilen nachbessern will, sei ein Erfolg des VdK, sagte Pausder. Jede fünfte neue Rente ist eine Erwerbsminderungsrente, erläuterte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Die Zahl der Neuanträge steigt seit 2007 kontinuierlich an, nur etwa jeder zweite wird bewilligt.

Erwerbsminderungsrentner sind beim Renteneintritt im Durchschnitt 51 Jahre alt, kommen oft aus prekären Beschäftigungsverhältnissen oder waren zuvor langzeitarbeitslos. Um einen Absturz dieser Menschen in die Altersarmut zu verhindern, fordert Mascher, die Zurechnungszeit mindestens auf das 63. Lebensjahr anzuheben und auf Abschläge zu verzichten. Parallel müssten Renten, die auf besonders niedrigen Löhnen beruhen, aufgewertet werden, sagte die VdK-Präsidentin. Mascher plädierte dafür, dass bereits im Arbeitsleben Maßnahmen gegen ein vorzeitiges Ausscheiden ergriffen werden. „Eine Erwerbsminderungsrente darf immer nur der allerletzte Rettungsanker sein“, betonte sie.

Über die Zunahme der psychischen Belastungen und Erkrankungen in der Arbeitswelt berichtete Dr. Werner Kissling, Leitender Oberarzt der Psychiatrischen Klinik der Technischen Universität München. „Psyche gibt es bei uns nicht, wir sind ein metallverarbeitendes Unternehmen“, diese abwegige Aussage habe er nicht nur einmal gehört. Psychische Erkrankungen verursachten Kosten von mehr als 100 Millionen Euro jährlich, so Kissling. „Die Reha wird immer wichtiger“, stellte Dr. Helga Seel, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation fest. Allerdings gebe es noch viele Hemmnisse und Hürden zu überwinden, denn oft sei die Zuständigkeit nicht geklärt oder die Gesetzeslage unklar.

Burkard Rappl, Leiter der Abteilung Menschen mit Behinderung im bayerischen Sozialministerium, berichtete von den Fortschritten des Freistaats bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Außerdem wolle die Landesregierung einen inklusiven Arbeitsmarkt schaffen. Auch er betonte, dass Gesundheitsförderung und Prävention immer wichtiger werden.

Reha wird immer wichtiger

Andreas Knipping, Richter am Sozialgericht München, plädierte ebenfalls für eine gute Rehabilitation. Es müsse darum gehen, dass Menschen weiter arbeiten könnten. Der Beruf sei „Bestätigung der körperlichen und geistigen Kraft“, sagte Knipping. Prof. Dr. Richard Hauser von der Universität Frankfurt wies auf weitere Risiken des vorzeitigen Ausscheidens aus dem Berufsleben hin. „Erwerbsminderungsrentner leben deutlich kürzer“, sagte Richard Hauser. Dr. Johannes Steffen, der die Webseite www.portal-sozialpolitik.de betreibt, erklärte, die geplanten Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente seien „richtig und wichtig“, aber „weit davon entfernt, ausreichend zu sein“. Er befürchtet eine fortschreitende Schlechterstellung der Erwerbsminderungsrentner.

Hintergrund

Die Bundesregierung plant, die Menschen, die ab 1. Juli 2014 in Erwerbsminderungsrente gehen, besser abzusichern. Die „Zurechnungszeit“ soll auf 62 Jahre angehoben werden. Wenn der Durchschnittsverdienst, der zur Berechnung der Rentenhöhe herangezogen wird, im Zeit raum vor dem Rentenbeginn aufgrund von Krankheit niedriger ist, so fallen die letzten vier Jahre aus der Berechnung heraus. Nach Meinung des Sozialverbands VdK sind die geplanten Änderungen nur ein erster Schritt: Auch die nachgebesserten Renten liegen unter dem Existenzminimum und können meist nicht durch andere Einkommen kompensiert werden. Menschen, die eine geringe Erwerbsminderungsrente beziehen, müssen zusätzlich Grundsicherung beantragen. Schon jetzt ist die Quote der Erwerbsminderungsrentner und deren Angehörigen, die eine Grundsicherung in Anspruch nehmen, mit 18 Prozent doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Für die Bestandsrentner wird sich zudem kaum etwas ändern, da die Reformmaßnahmen bei ihnen nicht mehr greifen. Für diese Gruppe würde nur der Wegfall der Kürzungsfaktoren in der Rentenformel etwas bringen. (ali)

A. Liebmann/S. Heise

Schlagworte Erwerbsminderung | Erwerbsminderungsrente | Rehabilitation | VdK-Forum Tutzing | Rente | prekäre Beschäftigungsverhältnisse | Gesundheitsförderung | Prävention

Vergessen und verdrängen - die Angst vor der Demenz

Um Demenz als Herausforderung für die Gesellschaft ging es 2013 beim Forum des Sozialverbandes VdK im oberbayerischen Tutzing am Ufer des Starnberger Sees.


Berichte aus der VdK-Zeitung über vergangene VdK-Foren:

Ältere Menschen wollen möglichst lange zu Hause leben. Dazu sind sie auf eine gute gesundheitliche und pflegerische Versorgung angewiesen. Doch auf dem Land gibt es oft große Lücken. Das VdK-Forum widmete sich 2018 dem Thema „Allein auf weiter Flur? Altwerden im ländlichen Raum“. | weiter
19.03.2018 | Annette Liebmann
„Kleine Rente – große Probleme“: So lautete das Thema des VdK-Forums 2017. Die Experten, darunter VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher und VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder, waren sich einig: Das beste Mittel gegen Altersarmut ist eine sozial gerechte Rente. Das bewährte System müsse beibehalten und das Niveau wieder erhöht werden. | weiter
23.03.2017 | Sebastian Heise
Teilnehmer beim VdK-Forum „Inklusion ist machbar“
Mit der Bahn verreisen, das Internet nutzen, zum Arzt gehen – für viele Menschen ist das nicht so einfach, denn sie stoßen dabei oft auf Hindernisse. Das sozialpolitische VdK-Forum 2016 widmete sich dem Thema „Inklusion ist machbar – eine Gesellschaft ohne Barrieren nützt allen“. Denn von Barrierefreiheit profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Senioren oder Eltern mit Kinderwagen. | weiter
29.03.2016 | bsc/ali
VdK-Forum Tutzing
Die Lebenserwartung steigt, aber soll und kann auch das Renteneintrittsalter steigen? Beim VdK-Forum 2015 in der Evangelischen Akademie Tutzing stand die Arbeitswelt für Ältere zur Diskussion. Immer noch haben über 50-Jährige auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten. Und die Zahl derer, die aus gesundheitlichen Gründen früher in Rente gehen müssen, wächst. | weiter
26.03.2015 | ali/ant/bsc
Forum Tutzing
Wer aus Krankheitsgründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheidet, tut das meist ganz und gar nicht freiwillig – und bekommt oft nur eine magere Rente. Auf dem sozialpolitischen Forum des VdK Bayern 2014 in Tutzing diskutierten Experten über Gesundheitsmaßnahmen, Rehabilitation und die Erwerbsminderungsrente. | weiter
27.03.2014 | A. Liebmann/S. Heise
VdK-Forum in Tutzing
Auf dem sozialpolitischen VdK-Forum 2013 in der Evangelischen Akademie Tutzing diskutierten Experten aus Politik, Medizin und Wissenschaft über die „Herausforderung Demenz“. „Wie ist ein selbstbestimmtes Leben mit Demenz möglich?“ | weiter
20.03.2013 | Dr. Bettina Schubarth
Alter als „Restzeit“ oder „Feierabend des Lebens“: Darüber können die meisten Älteren nur den Kopf schütteln. Politik, Medizin und Gesellschaft tun sich schwer, mit dem neuen selbstbestimmten Altersbild der Generation 60plus umzugehen. Wie heute die Weichen für eine zeitgemäße Zukunft des Alters gestellt werden müssen, darüber diskutierten beim VdK-Forum 2012 in der Evangelischen Akademie Tutzing Wissenschaftler und Praktiker. | weiter
30.04.2012 | bsc
VdK Bayern
Symbolfoto: Eine glueckliche Familie, bestehend aus drei Generationen
Allein in Bayern vertritt der Sozialverband VdK die Interessen von über 712.000 Mitgliedern. Und die Zahl der Mitglieder wächst ständig! Das macht den VdK zu einer gewichtigen Stimme in sozialpolitischen Fragen.
Rechtsberatung
Symbolfoto: Eine Justitia-Statue
Sozialrecht ist unsere Stärke. Die VdK-Rechtsberatung auf den Gebieten Rente, Behinderung, Gesundheit und Pflege ist einzigartig – auch im Preis-Leistungsverhältnis. Erfahrene Experten helfen VdK-Mitgliedern durch den Paragrafendschungel.
VdK vor Ort
Symbolfoto: Gruppenbild von Senioren beim Wandern
Der Sozialverband ist nah an den Menschen: Rund 2000 VdK-Ortsverbände gibt es in Bayern. Ratsuchende VdK-Mitglieder finden in sieben Bezirks- und 69 Kreisgeschäftsstellen eine flächendeckende und bürgernahe Betreuung.
Presse
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Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

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