20. März 2013

Die positiven Momente des Lebens bleiben wichtig

Beim sozialpolitischen VdK-Forum 2013 in der Evangelischen Akademie Tutzing wurde über die „Herausforderung Demenz“ diskutiert

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, auch bei Demenz. Betroffenen wie Angehörigen ist besser geholfen mit Information, Geld und praktischer Unterstützung. Auf dem sozialpolitischen VdK-Forum in der Evangelischen Akademie Tutzing diskutierten Experten aus Politik, Medizin und Wissenschaft.

Wie kann die Gesellschaft der Herausforderung Demenz begegnen? Darüber diskutierten beim Tutzinger VdK-Forum (von links) Dr. Marion Bär, Ulrike Mascher, Sybille Giel, Prof. Dr. Hans Förstl und Dr. Christoph Fuchs auf dem Podium. | © Schwepfinger

„Wir sprechen bei Demenz nicht von irgendwem, wir sprechen von unseren Eltern, Partnern und Freunden“, machte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher deutlich. Und dass das Thema wirklich keinen kalt lässt, wurde eindrucksvoll bewiesen, als „Fragezeichen“, das bewegende Musikvideo von Sänger Purple Schulz über den Beginn einer Demenzerkrankung, im Vortragsraum der Evangelischen Akademie in Tutzing verklungen war. Sehr still war es nach dem Abspann geworden. Moderatorin Sybille Giel, Leiterin der Redaktion Gesellschaft und Familie des Bayerischen Rundfunks, beschrieb ein „Gänsehaut-Gefühl“, das sie und sicherlich viele andere überkommen habe.

Albrecht Engel, ehemaliger Landesgeschäftsführer des VdK Bayern, formulierte in seiner Begrüßung die Leitfrage: „Wie ist ein selbstbestimmtes Leben mit Demenz möglich?“ Die Benachteiligung von Menschen mit Demenz in der Pflegeversicherung ist auch nach Meinung von VdK-Präsidentin Ulrike Mascher ein nach wie vor ungelöstes Problem. Dass die Bundesregierung die Anpassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs auf die Bedürfnisse von Demenzkranken nicht vorgenommen hat, hält Mascher „für einen klaren Verstoß gegen den Koalitionsvertrag“. Hier war „eine neue, differenzierte Definition der Pflegebedürftigkeit“ angekündigt worden, um „mehr Leistungsgerechtigkeit in der Pflegeversicherung“ zu schaffen. Dafür müsste aber mehr Geld ins System gelangen. 0,1 Prozent Beitragssatzanhebung in der Pflegeversicherung seit Januar 2013 reichten für eine bessere Versorgung nicht aus: „Eine Beitragssatzerhöhung um weitere 0,3 Prozent wäre notwendig.“ Mascher zeigte sich überzeugt, dass sich dafür auch Mehrheiten finden lassen. In der Bevölkerung sei vermutlich eine breitere Zustimmung zu erwarten als für die von der Bundesregierung unterstützte private Vorsorge in Form des „Pflege-Bahrs“.

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Ein lebenswertes Leben


Um Lebensqualität drehte sich der Vortrag von Dr. Marion Bär, Gerontologin vom Kompetenzzentrum Alter der Universität Heidelberg. Sie plädierte dafür, Demenz nicht nur als Defizit zu betrachten: „Wie lebenswert ein Leben mit Demenz wirklich ist, können nur die Patienten selbst beurteilen.“ Und diese schätzen ihr Befinden sehr oft viel positiver ein, als ihre Angehörigen vermuten. „Nutze jeden Tag und jeden Augenblick“: Viele Patienten berichten davon, dass sie ihr Leben sogar viel bewusster genießen. Neuere medizinische Erkenntnisse standen im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Hans Förstl von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Münchner Klinikum rechts der Isar. So wisse man heute, dass das mittlere Lebensalter der beste Zeitpunkt ist, um sich kognitive Reserven fürs Alter aufzubauen. „Machen Sie Bodybuilding fürs Gehirn!“, empfahl Förstl. Ein Zusammenspiel von geistiger Aktivität, körperlicher Fitness und guter Ernährung sei eine gute Demenz-Prävention.

Einige besondere Risikogruppen für Demenzerkrankungen kenne man bereits. So tragen beispielsweise Patienten mit einer Depression ein doppelt so hohes Risiko, an Demenz zu erkranken. Auch das sei ein Grund, Depressionen so früh wie möglich zu diagnostizieren und zu behandeln. Aus seinem palliativgeriatrischen Alltag berichtete Dr. Christoph Fuchs vom Zentrum für Akutgeriatrie am Klinikum Neuperlach, München. Menschen mit Demenz und Hochbetagte auf ihren letzten Lebenswegen zu begleiten, sei eine große Herausforderung in den Pflegeheimen geworden. Mehrfacherkrankungen sind bei alten Patienten der Normalfall, doch Fachärzte tauschen sich untereinander oft zu wenig aus. Folglich nehmen die Patienten viel zu viele Medikamente und leiden unter gefährlichen Wechselwirkungen. Fuchs plädierte für die Etablierung von festangestellten Ärzten in Pflegeheimen sowie einen höheren Personalschlüssel: „So lassen sich belastende Krankenhauseinweisungen vermeiden, und den Menschen wird ein friedliches Sterben ermöglicht.“ Sein Rat lautet schlicht: „Menschliche Zuwendung in hoher Dosierung.“

Sich Hilfe organisieren


Das persönliche Umfeld ist für Demenzpatienten am wichtigsten. Heike von Lützau-Hohlbein, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, berichtete anschaulich aus Sicht der Betroffenen vom Leben mit Demenz. „Nach der Diagnose wird der Freundeskreis sehr schnell kleiner“, weiß sie aus Selbsthilfegruppen. Für die Erkrankten sei das eine besonders schmerzhafte Erfahrung, zumal die Erkrankung selbst schon dazu führt, buchstäblich den Halt zu verlieren. Umso wichtiger seien Selbsthilfe und entlastende Angebote. Wenn die Bedürfnisse von Erkrankten und Angehörigen im Gleichgewicht sind, könne man diese Zeit auch genießen, ist Heike von Lützau-Hohlbein überzeugt: „Wir können einiges lernen: im Augenblick zu leben, Geduld, Langsamkeit, Gefühle zuzulassen, ja, sogar Lachen und Humor.“ Besonders erschreckend ist für viele Menschen der Verlust der Kommunikationsfähigkeit im Laufe der Demenzerkrankung.

„Was tun, wenn die Sprache zerbricht?“, fragte Thomas Brauer, Leiter der Lehranstalt für Logopäden der Universitätsmedizin Mainz. Verringertes Sprechtempo, Wortfindungsstörungen oder unstrukturiertes Erzählen sind häufige Kennzeichen. Vermehrt gehört deshalb auch eine Sprachtherapie in einer logopädischen Praxis zum Behandlungsangebot bei Demenz, berichtete Brauer. Hier lernen auch Angehörige, wie die Kommunikationsfähigkeit so lange wie möglich erhalten bleiben kann. Die Gerontologin Birgid Eberhardt gab abschließend noch einen Überblick über Möglichkeiten der technologischen Alltagsunterstützung von Menschen mit Demenz. Manches ließe sich leicht realisieren: beispielsweise Zeitschaltuhren, ein Bügeleisen, das sich selbst abschaltet, ein ausreichend helles Licht, um Wohlbefinden und Aktivität zu fördern, oder Sturzmatten, die einer Notfall- Zentrale sofort melden, wenn jemand längere Zeit am Boden liegt. Das Fazit der Teilnehmer nach zwei Tagen Tutzinger Forum: Demenz mag eine Herausforderung sein, ein Schrecken muss diese Erkrankung aber nicht sein.


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Schlagworte VdK-Forum Tutzing | Demenz | Alzheimer | Geriatrie | Demenz-Prävention

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