30. April 2012

Die Alten wollen nicht mehr die Alten sein

Beim VdK-Forum in der Evangelischen Akademie Tutzing wurde über selbstbestimmtes Altern diskutiert


Alter als „Restzeit“ oder „Feierabend des Lebens“: Darüber können die meisten Älteren nur den Kopf schütteln. Politik, Medizin und Gesellschaft tun sich schwer, mit dem neuen selbstbestimmten Altersbild der Generation 60plus umzugehen. Wie heute die Weichen für eine zeitgemäße Zukunft des Alters gestellt werden müssen, darüber diskutierten beim VdK-Forum 2012 in der Evangelischen Akademie Tutzing Wissenschaftler und Praktiker.

„Unsere Gesellschaft ist noch längst nicht auf ein längeres Alter und mehr ältere Menschen vorbereitet“, stellte der Landesgeschäftsführer des VdK Bayern, Albrecht Engel, in seiner Begrüßung fest. Dass Selbstbestimmung im Alter Voraussetzungen bedarf, erläuterte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher in ihrem Vortrag. „Das Wichtigste ist ein ausreichendes Alterseinkommen, also in der Regel eine ausreichend hohe gesetzliche Rente.“ Der Sozialverband VdK nehme deshalb Einfluss auf die Rentenpolitik, um die um sich greifende Altersarmut einzudämmen. Weitere Voraussetzungen seien bezahlbarer und barrierefreier Wohnraum, eine gute und zuverlässige Gesundheitsversorgung sowie eine tragfähige Infrastruktur auch in ländlichen Regionen. Gerade Ehrenamt und Lobbyarbeit sind im VdK eng verknüpft: „Denn mit Einzelfallhilfe vor Ort kann man sicherlich die ärgste Not lindern, doch für eine grundlegende Verbesserung der Situation armer und kranker Menschen muss man politische Entscheidungen korrigieren und Strukturen ändern“, so Mascher.

Wie vielgestaltig Alter ist, zeigte Dr. Roland Rupprecht vom Institut für Gerontologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf. Die Frage nach der Lebensqualität beantworten beispielsweise viele Ältere überraschend positiv: „Die Zufriedenheit hängt viel mehr von inneren emotionalen Ressourcen ab als von körperlichen Gebrechen.“ Am wichtigsten für ein gutes Lebensgefühl im Alter und letztlich für die Gesunderhaltung seien soziale Kontakte: „Hier zählt nicht die Anzahl, sondern die Qualität von Beziehungen.“

Sich selbst fordern
Die Förderung der Gesundheit ist das Herzensanliegen der prominenten Ärztin Dr. Marianne Koch. „Den Ausdruck ‚überalterte Gesellschaft‘ empfinde ich als reine Gemeinheit“, empörte sich die ehemalige Schauspielerin in ihrem Vortrag. Die agile 80-Jährige merkte zwar bescheiden an, sie habe „mit den Genen“ viel Glück gehabt, dass sie heute so gesund und fit ist. Aber, betonte sie, jeder hat es selbst in der Hand, wie er altert. Sich die körperliche wie geistige Beweglichkeit zu erhalten, sei das A und O. Regelmäßig den Körper ein wenig fordern, vernünftig essen und „das Hirn mit Neuem füttern“ – so lauten ihre Ratschläge. „Dazugehören ist wichtig“, betonte Koch: „Verteidigen Sie Ihren Platz in der Gesellschaft!“

Kämpferisch zeigte sich auch Dr. Not-Rupprecht Siegel vom VdK-Geriatriezentrum Neuburg. Er brach eine Lanze für ältere Patienten. Die Medizin müsse weg von der Wahrnehmung derer Defizite hin zu einer Wahrnehmung derer Möglichkeiten. Deshalb sei auch Rehabilitation für Ältere so wichtig. Die Zahlen geben ihm recht, denn 80 Prozent kehren nach der Reha wieder nach Hause zurück und bleiben noch lange Zeit selbstständig. Warum Maßnahmen zur Gesunderhaltung Älterer aber kaum gefördert werden, dafür hatte Dr. Elke Olbermann vom Institut für Gerontologie an der Technischen Universität Dortmund eine mögliche Erklärung: „Krankenkassen sehen Präventionsangebote als Maßnahme zur Kundengewinnung.“ Ältere fielen durchs Raster.

Mit der längeren Lebensspanne Älterer wachsen aber auch die Ansprüche an ein gesellschaftlich aktives Alter. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher hatte bereits in ihrem Vortrag gewarnt: „Ältere sind nicht automatisch die stille Reserve für gesellschaftliche Tätigkeiten.“ Diesen Gedanken griff Dr. Peter Zeman vom Deutschen Zentrum für Altersfragen in Berlin auf: „Ehrenamtlich tätige Ältere sind zunehmend kritisch und selbstbewusst.“ Wer Ältere erfolgreich zum Engagement motivieren will, dem rät Zeman schlicht: „Sie müssen fragen, was sie wollen.“ Alte Formen des Ehrenamts reizen häufig nicht mehr, viele Ältere wollen aktiv mitgestalten, Neues erleben, Spaß haben und körperlich wie geistig fit bleiben.

Kommunale Beispiele
Susanne Tatje vom Amt für Demografie in Bielefeld hält kommunale Strategien nur dann für erfolgversprechend, wenn sie sich mindestens an einer Generationsspanne orientieren „und nicht nur am nächsten Wahltermin“. Wie das Konzept eines Mehrgenerationenhauses funktionieren kann, stellte Ruth Dorner, Bürgermeisterin der 40 000 Einwohner zählenden Stadt Neumarkt/Oberpfalz (Bayern), vor. 2100 Veranstaltungen, Freiwilligen-Agentur, Klimabündnis, internationale Kochkurse – die Neumarkter nutzen ihr Mehrgenerationenhaus und sind stolz auf ihre Aktivitäten. Das sei ein Gewinn für die Kommune, der sich gar nicht beziffern lässt. Beim vierteljährlichen „Neubürgerempfang“ im Mehrgenerationenhaus werden immer eine Reihe Ehrenamtliche gewonnen. „Das“, so Dorner, „kostet die Stadt nichts außer ein paar Semmeln.“

bsc

Schlagworte Tutzing | VdK-Forum | Alter | Altern

Vergessen und verdrängen - die Angst vor der Demenz

Um Demenz als Herausforderung für die Gesellschaft ging es 2013 beim Forum des Sozialverbandes VdK im oberbayerischen Tutzing am Ufer des Starnberger Sees.


Berichte aus der VdK-Zeitung über vergangene VdK-Foren:

Ältere Menschen wollen möglichst lange zu Hause leben. Dazu sind sie auf eine gute gesundheitliche und pflegerische Versorgung angewiesen. Doch auf dem Land gibt es oft große Lücken. Das VdK-Forum widmete sich 2018 dem Thema „Allein auf weiter Flur? Altwerden im ländlichen Raum“. | weiter
19.03.2018 | Annette Liebmann
„Kleine Rente – große Probleme“: So lautete das Thema des VdK-Forums 2017. Die Experten, darunter VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher und VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder, waren sich einig: Das beste Mittel gegen Altersarmut ist eine sozial gerechte Rente. Das bewährte System müsse beibehalten und das Niveau wieder erhöht werden. | weiter
23.03.2017 | Sebastian Heise
Teilnehmer beim VdK-Forum „Inklusion ist machbar“
Mit der Bahn verreisen, das Internet nutzen, zum Arzt gehen – für viele Menschen ist das nicht so einfach, denn sie stoßen dabei oft auf Hindernisse. Das sozialpolitische VdK-Forum 2016 widmete sich dem Thema „Inklusion ist machbar – eine Gesellschaft ohne Barrieren nützt allen“. Denn von Barrierefreiheit profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Senioren oder Eltern mit Kinderwagen. | weiter
29.03.2016 | bsc/ali
VdK-Forum Tutzing
Die Lebenserwartung steigt, aber soll und kann auch das Renteneintrittsalter steigen? Beim VdK-Forum 2015 in der Evangelischen Akademie Tutzing stand die Arbeitswelt für Ältere zur Diskussion. Immer noch haben über 50-Jährige auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten. Und die Zahl derer, die aus gesundheitlichen Gründen früher in Rente gehen müssen, wächst. | weiter
26.03.2015 | ali/ant/bsc
Forum Tutzing
Wer aus Krankheitsgründen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheidet, tut das meist ganz und gar nicht freiwillig – und bekommt oft nur eine magere Rente. Auf dem sozialpolitischen Forum des VdK Bayern 2014 in Tutzing diskutierten Experten über Gesundheitsmaßnahmen, Rehabilitation und die Erwerbsminderungsrente. | weiter
27.03.2014 | A. Liebmann/S. Heise
VdK-Forum in Tutzing
Auf dem sozialpolitischen VdK-Forum 2013 in der Evangelischen Akademie Tutzing diskutierten Experten aus Politik, Medizin und Wissenschaft über die „Herausforderung Demenz“. „Wie ist ein selbstbestimmtes Leben mit Demenz möglich?“ | weiter
20.03.2013 | Dr. Bettina Schubarth
Alter als „Restzeit“ oder „Feierabend des Lebens“: Darüber können die meisten Älteren nur den Kopf schütteln. Politik, Medizin und Gesellschaft tun sich schwer, mit dem neuen selbstbestimmten Altersbild der Generation 60plus umzugehen. Wie heute die Weichen für eine zeitgemäße Zukunft des Alters gestellt werden müssen, darüber diskutierten beim VdK-Forum 2012 in der Evangelischen Akademie Tutzing Wissenschaftler und Praktiker. | weiter
30.04.2012 | bsc
VdK Bayern
Symbolfoto: Eine glueckliche Familie, bestehend aus drei Generationen
Allein in Bayern vertritt der Sozialverband VdK die Interessen von über 712.000 Mitgliedern. Und die Zahl der Mitglieder wächst ständig! Das macht den VdK zu einer gewichtigen Stimme in sozialpolitischen Fragen.
Rechtsberatung
Symbolfoto: Eine Justitia-Statue
Sozialrecht ist unsere Stärke. Die VdK-Rechtsberatung auf den Gebieten Rente, Behinderung, Gesundheit und Pflege ist einzigartig – auch im Preis-Leistungsverhältnis. Erfahrene Experten helfen VdK-Mitgliedern durch den Paragrafendschungel.
VdK vor Ort
Symbolfoto: Gruppenbild von Senioren beim Wandern
Der Sozialverband ist nah an den Menschen: Rund 2000 VdK-Ortsverbände gibt es in Bayern. Ratsuchende VdK-Mitglieder finden in sieben Bezirks- und 69 Kreisgeschäftsstellen eine flächendeckende und bürgernahe Betreuung.
Presse
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Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

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