„Das Altwerden kann ich niemandem abnehmen“

„Guten Morgen! Frau K., Happy Birthday! Alles, alles Gute, Gottes Reich und Segen. Wie schön, dass sie heute ihren 95. Geburtstag feiern dürfen! Haben Sie gut geschlafen?“ Sonja Bäurle ist ambulante Pflegekraft. Ihre erste Patientin ist heute Frau K., die von Bäurle herzlich umarmt wird. Körperkontakte wie über den Arm streichen, gehört zu der natürlichen Herzlichkeit der 62-jährigen Pflegekraft. Frau K. dankt es ihr mit leuchtenden Augen.

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Frau K. bekommt jeden Tag eine große Körperpflege, so wird im Fachjargon eine Ganzkörperwäsche genannt. Bevor es losgeht, zieht Bäurle sich Handschuhe an. Frau K. ist körperlich und geistig sehr wach. Sie wäscht sich teilweise selbst mit dem Waschlappen und cremt sich auch selbstständig ein. Beim Anziehen benötigt die Seniorin Hilfe. Beide Frauen unterhalten sich während der Körperpflege sehr angeregt: „Wie haben sie das gemacht, 95 Jahre zu werden?“ fragt Bäurle. „Viel g´schaffet und Rad gefahren bin I“, so die selbstverständliche Antwort von Frau K. Zum Ehrentag frisiert Sonja Bäurle Ihrer Patientin noch die Haare. Zum Abschluss des Besuchs spricht sie ein Geburtstagsgebet für die 95-Jährige. Die Verabschiedung fällt genauso herzlich wie die Begrüßung aus - mit einer festen Umarmung der beiden Frauen. „Frau K. kocht für sich selbst, sie geht zum Senioren-Café und auch mit dem Rollator spazieren. Hier bin ich nur eine Unterstützung, erzählt Bäurle auf dem Weg zum Auto.

Kleine und große Körperpflege ist ein Modul in der ambulanten Pflege | © Priya Bathe / VdK


Im Wagen ruft Bäurle ihr Dienstprogramm auf dem Handy ab. Für jeden Patientenbesuch wird Arbeitsbeginn und Arbeitsende mobil erfasst sowie die erbrachten Leistungen eingetragen. Die Pflegedienstleitung der Sozialstation erhält die Daten synchron auf ihrem PC im Büro der Ökumenischen Sozialstation Heubach. Die Sozialstation hat ein christliches Profil. Der Patient steht als Mensch im Fokus, nicht die Stechuhr. Die Erfassung der Patientenbesuche ist dennoch wichtig, da die Leistungen nach Modulen mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Je nach Pflegegrad stehen den Patienten zum Pflegegeld auch Pauschalen für Pflegesachleistungen zu, von der die ambulanten Pflegedienste bezahlt werden können. Je höher der Pflegegrad, desto höher ist auch der Betrag für Pflegesachleistung. Neben der ambulanten Pflege bietet der Dienst auch Hauswirtschaft, Betreuung zuhause oder auch die Verhinderungspflege an. Diese können pflegende Familienmitglieder nutzen, wenn sie vorübergehend an der Pflege verhindert sind, sei es beispielsweise wegen Urlaub oder eigener Krankheit.

VdK-Frauenvertreterin Sonja Bäurle arbeitet als ambulante Pflegekraft im Ostablkreis | © Priya Bathe / VdK


Sonja Bäurle, die im VdK Kreisverband Aalen auch Frauenvertreterin ist, arbeitet seit 20 Jahren als Pflegekraft bei der Ökumenischen Sozialstation. Wenn man sich mit ihr über ihren Beruf unterhält, merkt man schnell, dass es mehr ihre Berufung ist: „Das Altwerden und die Gebrechlichkeit kann ich niemandem abnehmen. Ich finde es erfüllend, dass wir Menschen unterstützen können, damit sie so lange wie möglich zuhause bleiben können. In der Zeit, in der ich da bin, können wir eine gute Zeit haben und wertvolle Arbeit erbringen. Das ist das Leitbild meiner Arbeit.“ Hier im Ostalbkreis muss sie viele Kilometer zwischen den Patienten zurücklegen. Beim nächsten Termin öffnet die Helferin Maria die Tür. Sie ist eine 24-Stunden-Kraft aus Rumänien, die die Angehörigen von Herrn G. eingestellt haben Bäurle kennt die Helferin gut, man begrüßt sich freundlich. Herr G. liegt regungslos in einem höhenverstellbaren Pflegebett. „Guten Morgen, was ist denn heute los? Was macht das Knie? Sollen wir es wieder einreiben?“. Bäurle siezt ihre Patienten in der Regel, aber wenn sie jemanden vor der Pflege kannte, kann es auch beim Du bleiben. „Wie war die Nacht, Maria? Hat er geschlafen?“ – „Ja, gut geschlafen.“ Keine Probleme.“ Die rumänische Helferin unterstützt Bäurle bei der Arbeit. Hier muss alles im Pflegebett erledigt werden. Maria bringt zum Haare waschen eine mobile Waschwanne aus dem Bad. Dann geht es los: Wieder Handschuhe anziehen, Haare waschen, Körper waschen. „Jetzt kommt das Gesicht, und jetzt die Augen zu“, Bäurle fährt sacht über das Gesicht des 90-Jährigen. „Einmal Bein hoch – ja, genau und wieder zurück. Danke schön!“ Herr G. kommuniziert mit wenigen Lauten. Wenn ihm etwas unangenehm ist, stöhnt er auf. Zum Schluss muss das Bett frisch bezogen und der Patient gewendet werden. Bäurle achtet darauf, dass das Leintuch keine Falten wirft. „Das kann sofort zu wunden Stellen führen, weil der Patient sich nicht mehr bewegt. Darum müssen wir ihn auch immer abwechselnd auf eine Seite oder den Rücken lagern. Damit vermeiden wir massive Schädigung der Haut.“– „Okay, Maria? Und eins, zwei, drei!“ Beide Frauen drehen Herrn G. auf die Seite. Zum Schluss trägt Bäurle die Lage des Patienten ins Berichteblatt der roten Übergabemappe ein, welches jeder Patient hat. So weiß der Folgedienst, was zu tun ist.

„Maria ist eine tolle Unterstützung“, erzählt Bäurle später im Auto. Aber nicht immer funktioniert es mit den ausländischen Helferinnen so problemlos, ergänzt sie. Die 24-Stunden-Kräfte dürfen nicht von der Pauschale für Pflegesachleistungen bezahlt werden. Meist wird die Kraft vom Pflegegeld bezahlt, was darüber hinaus anfällt, ist privater Eigenanteil des Patienten und seiner Angehörigen.

Hans Palzer mit seiner Demenz erkrankten Frau Linda. | © Priya Bathe / VdK


Der dritte Hausbesuch ist bei Herrn und Frau Palzer. Linda Palzer ist dement und ihr Ehemann Hans pflegt und betreut seine Frau rund um die Uhr. „Was machen wir heute?“ Bäurle nimmt Frau Palzer an die Hand. Die 76-Jährige lächelt zwar, wirkt aber doch verunsichert. Eigentlich kennt sie Bäurle aus dem Demenz-Café, zu dem sie einmal in der Woche von ihrem Mann gefahren wird. Langsam führt Bäurle die Frau ins Bad. Dort hat ihr Mann alles im umgebauten Sitzbad vorbereitet - Duschgel, Handtücher, Kleidung für danach. Beim Hinsetzen schreit die Patientin ohrenbetäubend auf. Herr Palzer beruhigt seine Frau: „Linda, das ist doch nur die Badewanne. Alles ist gut.“ Seit der fortgeschrittenen Demenz hat Frau Palzer Angst sich zu setzen, weil sie nicht hinter sich sehen kann. Herr Palzer muss bei ihr sein, er ist ihre einzige Bezugsperson. Seit gut acht Jahren pflegt der nun 80-Jährige seine Frau zu Hause und führt mit etwas Unterstützung den Haushalt. „Solange ich das kann, machen wir das zu Hause.“ Palzer ist mit seiner Krankenkasse und den Leistungen zufrieden. Doch für sich wünscht er sich eine Auszeit: „Ich habe in einer Kapelle gespielt, 50 Jahren lang. Ich kann aber meine Frau nie allein lassen. Ich könnte während des Demenz-Cafés zu den Proben gehen, aber da muss ich ja auch einkaufen.“ Die beiden Töchter leben mit Familie sehr weit weg, mit anderen Angehörigen kommt Frau Palzer nicht klar. Eine Kurzzeitpflege hat bis jetzt nicht funktioniert: „Wir haben das während meiner OP vor zwei Jahren machen wollen, aber meine Frau hat sich geweigert. Wir haben alles probiert, aber wenn der Patient nicht will, was will man machen?“

Bäurle steht der Kurzzeitpflege bei Demenz-Patienten skeptisch gegenüber. „Gerade für Demenzpatienten ist die häusliche Pflege wegen der gewohnten Umgebung sehr wichtig. Bei der Kurzzeitpflege im Pflegeheim ist alles fremd. Das verunsichert die Patienten, weil sie sich nicht zu Recht finden. Das schaffen sie ja auch schon oft zu Hause nicht mehr. Es kann durchaus passieren, dass sich der Zustand des Patienten verschlechtert durch eine Kurzzeitpflege, was die pflegenden Angehörigen später wieder auffangen müssen. Daher ist ein Aufenthalt in jedem Fall gut zu überlegen. Hans Palzer hat bei aller Anstrengung des Alltags sein Lachen behalten und kann so manche Anekdote erzählen. Auch, dass seine Frau in ihren „lichten“ Momenten immer noch Humor hat. Bäurle hat inzwischen Linda Palzer angezogen. Bevor sie sich verabschiedet, nimmt sie Frau Palzer noch mal in den Arm. „So, Frau Palzer, wie wäre es jetzt mit dem Schneewalzer? Den tanzen wir doch in der Demenz-Gruppe?“ Beide Frauen schwingen kurz singend durchs Wohnzimmer: „Beim Schnee- Schnee- Schnee- Schneewalzer kam das Glück…“ Den Text kann Linda Palzer aus dem Effeff singen. Ihr Langzeitgedächtnis hat es trotz Demenz zum Glück noch nicht vergessen.

priba / VdK

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