1. September 2020
    INTERVIEW

    Dieter Steuer: „Senioren sind in der Corona-Krise doppelt gestraft.“

    „Senioren sind in der Corona-Krise doppelt gestraft. Sie tragen das höchste Risiko, schwer zu erkranken und werden deshalb oft streng isoliert“, sagt Dieter Steuer. Er wirkt beim Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg e.V. als Seniorenbeauftragter. Er ist selbst von Gehörlosigkeit betroffen und sprach mit der VdK-Zeitung über die Corona-Krise. Diese prägt nach wie vor das Leben in Deutschland und betrifft sowohl ältere Menschen als auch Menschen mit Behinderung besonders schwer.

    Dieter Steuer im Gespräch mit der VdK-Zeitung:

    VdK-Zeitung: Welche weiteren Folgen hat die Pandemie für unsere älteren Mitmenschen? Was bedeutet Corona für Senioren mit Hörbehinderung?
    Dieter Steuer: Wie für alle Menschen ist Corona auch für gehörlose Seniorinnen und Senioren ein völlig neues Erlebnis. In dieser ungewöhnlichen Zeit wissen viele gehörlose beziehungsweise hörbehinderte Senioren nicht, was los ist und wie sie sich in diesem großen Wirrwarr verhalten sollen. Ängste und die Furcht vor Kommunikationsproblemen haben die Seniorinnen und Senioren fest im Griff. Wer dann auch noch nicht so gut mit Technik umgehen kann, ist stark benachteiligt und kann sich in der „Gehörlosen-Medien-Welt“ nicht gut informieren.

    Der Seniorenbeauftragte des Gehörlosenlandesverbands, Dieter Steuer | © Landesverband der Gehörlosen BW e.V.

    Alte Menschen zählen als Risikogruppe. Welche Rolle spielt die Hörbehinderung in diesem Zusammenhang?
    D.S.: Indirekt verstärkt die Hörbehinderung die Isolation, die ältere Menschen zurzeit erfahren, noch zusätzlich. Denn durch die Maskenpflicht, also die gesetzliche Pflicht eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, stoßen hörbehinderte Seniorinnen und Senioren auf zusätzliche Kommunikationsbarrieren – auch die auf Behördenseite oft fehlenden Informationen in Deutscher Gebärdensprache isolieren. Bei vielen Corona-Pressekonferenzen der Länder hat es anfangs keine Untertitel gegeben und Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher wurden erst später und erst nach Aufforderung eingesetzt. Viele hörbehinderte ältere Menschen wurden mit ihren Sorgen alleine gelassen. Der Zugang zu Beratung und medizinischer Versorgung, gerade in dieser Notfallsituation, wurde ihnen politisch erschwert bis verweigert, auch weil staatliche Verordnungen nicht ganz klar geschrieben sind.

    Wo hören die Schutzmaßnahmen auf und wo fängt Ausgrenzung an?
    D.S.: Hierzu ein Beispiel: Das Besuchsverbot in Pflegeheimen (Anmerkung der Redaktion: Im Corona-Lockdown gab es ein totales Besuchsverbot, das nur nach und nach und unter vielen Auflagen zwischenzeitlich gelockert wurde.) Ausgrenzung fängt für mich gleich mit dem Kontaktverbot an. Regelmäßige Treffen – egal ob privat, im Verein oder eben als Besuch von Familie, Enkelkindern, Freunden oder Bekannten im Pflegeheim – sind enorm wichtig. Das sollte nicht unterschätzt werden. Die „gemachte“ Isolation macht einsam und kann zu psychischen Problemen und sogar zu fehlendem Lebenswillen führen. Hier wäre etwas mehr Kompromissfähigkeit wünschenswert. Gehörlose beziehungsweise hörbehinderte Menschen können sich ja mit gutem Abstand unterhalten.

    Wann ist ein guter Zeitpunkt, die Kontaktverbote zu lockern?
    D.S.: In erster Linie wollen wir klar verantwortungsbewusst dazu beitragen, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden. In meinen Augen kann man eine ganze Menschengruppe aber nicht auf Dauer abschotten, auch nicht, wenn es dem eigenen Schutz dient. Die strengen Verbote müssen ganz klar befristet werden, auch um einen Generationenkonflikt zu vermeiden. Am Ende ist das eine Frage von Solidarität – wenn alle verantwortungsvoll handeln und aufeinander Acht geben, können auch die Verbote gelockert werden.

    Wo können sich hörbehinderte Seniorinnen und Senioren gut über die aktuelle Lage informieren? Was können wir Ihnen empfehlen?
    D.S.: Das hängt auch davon ab, wie gut sie mit Technik umgehen können. Verbands- und Vereins-Newsletter oder die Gehörlosenzeitung liefern gute Anhaltspunkte. Aber auch Tageszeitungen, Fernsehnachrichten mit Untertiteln, Videotext und allgemein das Internet können helfen. Auch das Schreibtelefon sowie Gespräche per Skype dienen gehörlosen Seniorinnen und Senioren als Informationsquelle und sind eine gute Alternative zu Seniorennachmittagen und -treffen.

    Wie können wir alle helfen, ältere hörbehinderte Menschen vor der Isolation zu schützen?
    D.S.: Die Corona-Krise trat total unerwartet auf. Die Menschen mussten schnell reagieren – und haben entsprechend schnell die Erfahrung gemacht: jeder kann etwas tun und dazu beitragen, ältere hörbehinderte Menschen vor der Isolation zu schützen. Zum Beispiel kann man einfach mal bei Nachbarn oder bei einem bekannten Senior oder einer Seniorin anfragen, ob sie Hilfe benötigen oder ob sie einen Rat oder Unterstützung bei Besorgungen brauchen. Auch die Spende einer Zeitung, einer Zeitschrift oder Illustrierten kann helfen. Außerdem: Denkbar ist, einen Video-Chat im Pflegeheim einzurichten. Und man könnte auch einen „Videobesuchsraum“ für digitale Kontakte zu schaffen.

    Herr Steuer vielen Dank für dieses Gespräch und die interessanten Tipps.

    AKTUELLES
    Neuigkeiten sowie wissenswerte Informationen rund um das Coronavirus auf einen Blick vom Sozialverband VdK Baden-Württemberg e.V.

    EINFACHE SPRACHE
    Masken mit Sichtfenstern
    Mund-Nase-Masken sind seit dem 27. April Pflicht. Und zwar beim Einkaufen, beim Frisör und in Ämtern. Zudem in öffentlichen Verkehrsmitteln, wie in Bussen und Bahnen. Mund und Nase müssen überall dort bedeckt werden.
    Aber wie geht es Menschen mit Hörbehinderung oder gehörlosen Menschen dabei?

    VdK-ZEITUNG
    „Die Frist für die Anträge endet am 31. Dezember 2020“, wiederholte Evelyne Rochus-Hamlin im Februar, auf der Freiburger Informationsveranstaltung der Stiftung Anerkennung und Hilfe, gleich mehrfach. Rund 30 Interessierte hatten sich im Rathaus im Stühlinger eingefunden, um mehr über das belastende Thema „Leid und Unrecht in Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe in der Nachkriegszeit“ zu erfahren.

    VdK-Themen
    Junger Mann im Rollstuhl
    Teilhabe ist ein Menschenrecht, deswegen setzen wir uns für das gleichberechtigte Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ein. In allen Fragen des Schwerbehindertenrechts, zu Behinderung und Teilhabe stehen wir unseren Mitgliedern zur Seite.
    VdK-Themen
    Kompetente Beratung rund um das Thema gesetzliche Krankenversicherung: Hier finden Sie nützliche Informationen zu den Leistungen der Krankenkasse, zu Rehabilitation, Hilfsmitteln sowie zum Krankengeld und vielem mehr.
    VdK-Themen
    Frau hält einen Notizblock mit der Aufschrift "Chancengleichheit für alle!"
    Wir wollen gerechte Lebensverhältnisse für alle: Leider sind von Armut und sozialer Ausgrenzung besonders Kinder, Ältere, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose betroffen. Deswegen setzen wir uns für alle sozial benachteiligten Menschen ein.
    VdK-Themen
    Die individuellen Bedürfnisse von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen müssen gesichert werden! Deswegen setzen wir uns für eine menschenwürdige Pflege ein. Außerdem machen wir uns für die pflegenden Angehörigen stark.

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