29. April 2019
Presse

"Wir müssen Menschen nehmen, wie sie sind!"

Sina Trinkwalder (41) ist eine Unternehmerin, die für ihre in Augsburg gegründete ökosoziale Textilfirma manomama (www.manomama.de) mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie beschäftigt sehr erfolgreich sozial benachteiligte Menschen. Über ihr viertes Buch „Die Zukunft ist ein guter Ort“ sagt Trinkwalder: „Ich stelle meine Gesellschaftsvision vor, wo wir hinmüssen, um die Leistungsgesellschaft abzulösen oder auch die Digitalisierung zu meistern. Der beste Return on Investment ist in Menschen zu investieren!“

Für Sina Trinkwalder ist es eine Selbstverständlichkeit Menschen mit Handicap in Ihrem Augsburger Unternehmen einzustellen. | © Barbara Gandenheimer

VdK-Zeitung:Frau Trinkwalder, Sie beschäftigen Menschen in Ihrem Unternehmen, die mit Hemmnissen auf dem Arbeitsmarkt kämpfen. Das sind Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung oder auch Alleinerziehende. Sie werden daher oft als Sozialunternehmerin bezeichnet. Was genau machen Sie mit Ihrem Betrieb Manomama?
Sina Trinkwalder: Ich bin eine stinknormale Unternehmerin. Denn wir Unternehmer haben die Pflicht, jedem Menschen, die Möglichkeit zur Erwerbsarbeit zu geben, an der Leistungsgesellschaft teilhaben zu lassen. Darum fühle ich mich nicht als Sozialunternehmer. Mein Unternehmen stellt Öko-Textilien her. Ich beschäftige vor allem sogenannte unqualifizierte, die wir zu Näher*innen ausbilden.

VdK-Zeitung: Warum hakt es bei anderen Unternehmen, so normal wie Sie zu sein?
Trinkwalder: (lacht) In den Augen vieler traditioneller Unternehmer bin ich nicht normal. Im Ernst: Entweder haben Unternehmen Vorurteile oder sie haben es noch nie probiert, einen Menschen mit Behinderung einzustellen oder eine Langzeiterwerbslose zu beschäftigen. Die wissen also gar nicht, wovon sie reden oder die, die gescheitert sind, sagen: ‚Ach… alles ist kompliziert.‘ Das ist der bequeme Weg. Aber wir müssen Menschen nehmen, wie sie sind und zwar jeden Einzelnen. Für mich ist das meine Lebensaufgabe. Ich habe mehr Kraft als ich brauche und die bringe ich für unsere Gemeinschaft ein.

VdK-Zeitung: Was sind Erfolgsfaktoren Ihres Unternehmenskonzepts?
Trinkwalder: Ich mache die angeblichen Hemmnisse der Menschen zu Vorteilen für uns alle. Einer meiner Kolleginnen zum Beispiel hat ein Metallknie. Das ist für das Nähen wunderbar. Ihr tut nie das Knie weh. Oder Gino, er ist kleinwüchsig. Er kann am besten die Reißverschlüsse in die Jeans frickeln, wo so manch‘ anderer verzweifelt. Sie sehen – nichts muss ein Problem sein, wenn wir es nicht zu einem machen!

VdK-Zeitung: Sie sprechen von „meiner Kollegin“, „meinem Gino“. Wie ist der Führungsstil in Ihrem Unternehmen?
Trinkwalder: Ich bin keine Arbeitgeberin, sondern ArbeitsKRAFTnehmerin. Ich nenne meine Mitarbeiterinnen Ladies. Und wissen Sie was? Ich habe von ihnen den Namen First Lady bekommen. Das zeugt von Respekt. Denn wenn zum Beispiel mal Not am Mann oder der Frau ist, setze ich mich auch selbst hinter die Nähmaschine. Durch starre Hierarchien trauen sich viele Menschen nicht, etwas zu sagen. Bei mir haben die Mitarbeiter Mitsprachepflicht! Das einzige, was meine Aufgabe ist, ist einen Rahmen vorzugeben, der das ökonomische Überleben sichert. Aber: die schwarze Null reicht.

VdK-Zeitung: Sie sprechen es an, Frau Trinkwalder. Ein Unternehmen will ja auch ökonomisch erfolgreich sein. Sind Sie das?
Trinkwalder: Betriebswirtschaftlich schreiben wir monatlich eine schwarze Null, das reicht. Volkswirtschaftlich gesehen sind wir eines der profitabelsten Unternehmen. Denn wir sparen der Kommune im Jahr über eine Million Euro, denn Hartz IV sind kommunale Ausgaben. Holt man Menschen aus diesem Bezug in die Erwerbstätigkeit, gewinnt die Gesellschaft doppelt. Darüber hinaus geben unbefristete Beschäftigungsverhältnisse meinen Kollegen Sicherheit für ihre Zukunft.

VdK-Zeitung: So richtig eine Chefin gibt es also nicht?
Trinkwalder: Wenn ich mal was entscheide, was meinen Ladies nicht schmeckt, dann sind die auch knatschig. Zum Beispiel ist der Biobaumwollfaden nicht so einfach zu verarbeiten, einige wünschen sich einen Kunststofffaden aus China. Aber da sage ich nein, denn unser Kernunternehmen ist ökologisch und regional. Wir gehen nicht den bequemsten Weg. Fördern und Fordern ist meine Devise.

VdK-Zeitung: Wie kann ich mir so eine berufliche Eingliederung bei Ihnen vorstellen?
Trinkwalder: Wir sind flexibel mit den Stunden. Meine Ladies können aufstocken oder Stunden reduzieren, wie sie es möchten. Wir haben von 6 bis 22 Uhr geöffnet. Wann sie arbeiten, entscheiden alleinerziehende Frauen zum Beispiel mit ihren Kindern. Wenn sie morgens drei Stunden machen und drei während des Fußballtrainings des Juniors am Abend, ist das fein. Bei Wiedereingliederungen geben wir den Leuten länger Zeit, als wir das gesetzlich kriegen. Wir haben auch einen Krankenstand, der weit über dem Durchschnitt liegt. Aber manche Menschen können nicht länger als vier Tage die Woche arbeiten. So ist das nun mal und kein Hemmnis für uns, solange wir es tragen können.

VdK-Zeitung: Frau Trinkwalder, über Ihre Unternehmensphilosophie werden Sie auch auf unserer SBV-Schulung am 3. Juli 2019 in Heilbronn sprechen. Wir freuen uns auf Sie und danke für das Interview!

Trinkwalder: Danke, ich freu‘ mich auch!

Priya Bathe

Sina Trinkwalder auf der SBV-Schulung im Juli treffen!

Am Mittwoch, 3. Juli 2019 ist Sina Trinkwalder eine unserer Referentinnen auf der landesweiten SBV-Schulung. Sie wird den Vortrag „Die Zukunft ist ein guter Ort“ halten. Die seit Jahren zertifizierte Schulung steht dieses Jahr unter dem Motto „BEM – Gute Arbeit trotz Behinderung!“.

"Die Zukunft ist ein guter Ort"

Jetzt das Buch von Sina Trinkwalder bestellen:
Shop von Manomama

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