20. Juni 2016
Presse

Großer VdK-Aktionstag in Liederhalle

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher: „Barrierefreiheit verbessert Lebensqualität für alle – Verzicht auf Barrierefreiheit ist unverantwortbar!“

Auch private Anbieter sind in der Pflicht

Der Nachmittag ganz im Zeichen der medizinischen Prävention
Gut 600 Teilnehmer – 15 Aussteller

„Barrierefreiheit verbessert Lebensqualität für alle, bedeutet Zukunftsorientierung und ist wichtiger Standortfaktor“, betonte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher am 18. Juni 2016 in der Liederhalle Stuttgart. Dort hatte der VdK Baden-Württemberg seinen großen landesweiten Aktionstag unter dem Motto „Barrierefreiheit nutzt allen – darum weg mit den Barrieren!“ durchgeführt. Vor rund 600 Teilnehmern aus ganz Baden-Württemberg hob Landesverbandsgeschäftsführer Hans-Josef Hotz hervor, dass Barrierefreiheit ein Menschenrecht und eine der wichtigsten Voraussetzungen von Inklusion ist. Denn immer dort, wo behinderte Menschen auf Barrieren stoßen, bleibt ihnen die Teilnahme am kulturellen und politischen Leben, an der Arbeitswelt und in der Freizeit verwehrt. Barrierefreiheit sei daher umfassender zu sehen. „Es geht hier nicht nur um bauliche Barrieren“, so Hotz. Er bekräftigte, dass der Sozialverband VdK mit seiner bundesweiten Kampagne 2016 „Weg mit den Barrieren!“ sowohl Schranken in Gesetzen als auch in den Köpfen der Menschen abbauen will.

Zugleich stellte Präsidentin Mascher klar, dass sich der Sozialverband VdK mit seiner Kampagne nicht gegen Bürgermeister und andere Kommunalpolitiker richtet. Vielmehr will man mit allen engagierten Kommunalpolitikern zusammen für den Abbau von Barrieren eintreten. Mascher freute sich denn auch, dass bereits rund 50.000 Menschen die deutschlandweite Aktion mit ihrem Online-Votum unterstützt haben. Viel Zuspruch und Dank für diesen VdK-Einsatz habe es auch von der früheren Bundesgesundheitsministerin, Professor Dr. Dr. Ursula Lehr, gegeben. Ulrike Mascher verwies auf fast eine Million anerkannte Schwerbehinderte im Südwesten. Die Zahl der behinderten und in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen sei aber – auch aufgrund der demografischen Entwicklung mit immer mehr älteren und hochbetagten Menschen – um ein Vielfaches höher. Die Beseitigung baulicher und anderer Barrieren, ob in den Medien, im Internet oder auch an Arbeitsplätzen, sei kein Luxus. Vielmehr sei der bewusste Verzicht auf eine barrierefreie Gestaltung, beispielsweise aus Spargründen, kurzsichtig und unverantwortbar. Außerdem gehe die Einzelfallhilfe für Rollstuhlfahrer an der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) vorbei. Denn unter Inklusion sei was anderes zu verstehen. Da gehe es um Selbstständigkeit, um selbstbestimmtes Handeln, um Teilhabe und auch um Würde, so Mascher. Und das sei nicht gewährleistet, wenn beispielsweise Aufzüge der Deutschen Bahn in Bahnhöfen tagelang außer Betrieb seien.

Aktionstag 18. Juni 2016

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  • Die bisherige Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer (Zweite von links) sprach eingangs der Veranstaltung im Namen der Landeshauptstadt ein Grußwort; die Aufnahme zeigt auch VdK-Vizepräsidentin Carin E. Hinsinger (ganz links) und Präsidentin Ulrike Mascher (Dritte von links) mit dem Vizepräsidenten der baden-württembergischen Architektenkammer, Stephan Weber.
    Die bisherige Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer (Zweite von links) sprach eingangs der Veranstaltung im Namen der Landeshauptstadt ein Grußwort; die Aufnahme zeigt auch VdK-Vizepräsidentin Carin E. Hinsinger (ganz links) und Präsidentin Ulrik
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  • VdK-Präsidentin Ulrike Mascher stellt die bundesweite VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ vor.
    VdK-Präsidentin Ulrike Mascher stellt die bundesweite VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“ vor.
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  • Der Vizepräsident der Landesarchitektenkammer, Stephan Weber, bringt in seiner Präsentation viele bebilderte Beispiele.
    Der Vizepräsident der Landesarchitektenkammer, Stephan Weber, bringt in seiner Präsentation viele bebilderte Beispiele.
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  • Ein weiteres Beispiel von Stephan Weber
    Ein weiteres Beispiel von Stephan Weber
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  • Viele anschauliche Beispiele bringt auch die Gerontologin Annette Hoppe von der Tellur GmbH Stuttgart
    Viele anschauliche Beispiele bringt auch die Gerontologin Annette Hoppe von der Tellur GmbH Stuttgart
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  • Ein weiteres Beispiel der Tellur-Projektleiterin Annette Hoppe
    Ein weiteres Beispiel der Tellur-Projektleiterin Annette Hoppe
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  • Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion mit Moderator Axel Graser vom SWR (ganz links); Annette Hoppe, Ulrike Mascher, Stephan Weber und Hans-Josef Hotz.
    Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion mit Moderator Axel Graser vom SWR (ganz links); Annette Hoppe, Ulrike Mascher, Stephan Weber und Hans-Josef Hotz.
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  • Internist Dr. med. Suso Lederle informiert darüber, wie man auf sein Herz achtgeben kann, und welche Risikofaktoren bestehen.
    Internist Dr. med. Suso Lederle informiert darüber, wie man auf sein Herz achtgeben kann, und welche Risikofaktoren bestehen.
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  • Professor Dr. med. Gerd Schnack führt auf der Bühne auch Übungen im Sitzen, in der Hocke, im Stehen und im Gehen vor – und der Saal macht mit.
    Professor Dr. med. Gerd Schnack führt auf der Bühne auch Übungen im Sitzen, in der Hocke, im Stehen und im Gehen vor – und der Saal macht mit.
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  • Viele interessierte Zuhörer aus ganz Baden-Württemberg; ihnen dankte Moderator Axel Graser mit den Worten: „Sie sind ein tolles Publikum!“.
    Viele interessierte Zuhörer aus ganz Baden-Württemberg; ihnen dankte Moderator Axel Graser mit den Worten: „Sie sind ein tolles Publikum!“.
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  • Großer Andrang im Foyer des Hegelsaals, wo 15 Infostände aufgebaut waren.
    Großer Andrang im Foyer des Hegelsaals, wo 15 Infostände aufgebaut waren.
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  • Interessierte Besucher beim Stand von „VdK Reisen“ und von „VdK Patienten- und Wohnberatung Baden-Württemberg“; im Vordergrund (links) VdK-Reisebüromitarbeiterin Durdane Incani-Sözalan, die unter anderem über die VdK-Tirol-Rolli-Reise informierte; im Hintergrund VdK-Patientenberaterin Greta Schuler.
    Interessierte Besucher beim Stand von „VdK Reisen“ und von „VdK Patienten- und Wohnberatung Baden-Württemberg“; im Vordergrund (links) VdK-Reisebüromitarbeiterin Durdane Incani-Sözalan, die unter anderem über die VdK-Ti
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  • Der „Spieltisch“ im Foyer von Ursula Sing.
    Der „Spieltisch“ im Foyer von Ursula Sing.
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  • Gruppenbild nach gelungener Veranstaltung im Foyer: Hans-Josef Hotz, Carin E. Hinsinger, Ulrike Mascher, Stephan Weber, Axel Graser (von links).
    Gruppenbild nach gelungener Veranstaltung im Foyer: Hans-Josef Hotz, Carin E. Hinsinger, Ulrike Mascher, Stephan Weber, Axel Graser (von links).
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Die frühere Bundestagsabgeordnete und Staatssekretärin appellierte mit Blick auf diese seit 2009 in und für Deutschland verbindliche UN-BRK an die Entscheidungsträger: „Barrierefreiheit ist existenziell – man muss es machen!“. Mascher verwies in diesem Zusammenhang auch auf die schon heute fehlenden zwei Millionen altersgerechten Wohnungen und die vielfach nicht barrierefreien Arztpraxen. So gibt es zum Beispiel in München, wo Mascher wohnt, keine einzige barrierefreie Frauenarztpraxis. „Da müssen die betroffenen Frauen schon nach Dachau oder Erlangen fahren“, empörte sich die VdK-Präsidentin. Wer als Rollstuhlfahrer oder Rollatornutzer in der bayerischen Landeshauptstadt zum Zahnarzt muss, habe ebenfalls schlechte Karten, finde nur ganz wenige geeignete Praxen.

Zugleich verriet Ulrike Mascher, dass die zuständige Bundesministerin Barbara Hendricks, die kürzlich zu Besuch beim VdK Deutschland war, um mit Mascher über das altersgerechte Bauen und Wohnen zu reden, derzeit mit großen Widerständen seitens der Ärzteschaft und anderer Privater konfrontiert sei. Die VdK-Präsidentin sprach sich daher dafür aus, auch die privaten Anbieter von Leistungen in die Pflicht zu nehmen. Der Gesetzgeber müsse hierfür die Rahmenbedingungen schaffen. Hier lenkte Ulrike Mascher den Blick auf Österreich, wo es schon seit zehn Jahren gesetzliche Regelungen gibt, die die privaten Anbieter von Leistungen in die Pflicht nehmen. Angesichts der vielen Aufgaben, die sich stellen, meinte Moderator Axel Graser vom Südwestrundfunk (SWR) denn auch: „Das ist kein Äckerle, das ist ein Acker, der zu bearbeiten ist“.

Stephan Weber, der Vizepräsident der Landesarchitektenkammer, lobte die Kooperation mit dem VdK Baden-Württemberg. Er bezeichnete die Teilhabe von Menschen mit Behinderung auch als eine „Frage der Demokratie“. Der zentralen VdK-Kampagnenaussage, dass Barrierefreies Bauen allen nützt, pflichtete er bei und verwies auf Eltern mit Kinderwagen, auf Reisende mit Koffern aber auch auf Radfahrer, die die eine oder andere Über- oder Unterführung passieren, den einen oder anderen Bahnhof nutzen müssen, zudem auf kleinwüchsige Menschen. In seiner reich bebilderten Präsentation gab der Diplom-Ingenieur und Freie Architekt den Tipp, sich die gelungene Beschreibung von „Barrierefreiheit“ auf Wikipedia anzuschauen.

Beim Barrierefreien Bauen gehe es nicht nur um die Umsetzung der entsprechenden DIN-Normen, sondern es gehe auch darum, sich Gedanken zu machen, was wichtig ist, und wie man intelligente und auch schöne Lösungen für alle erzielen könne. Denn die gewöhnliche Rollstuhlrampe sei eigentlich nicht schön. Daher sei es auch so wichtig, sich von vornherein Gedanken über die Vermeidung von Barrieren zu machen. Ebenso müsse man von vornherein an Lösungen denken, wie zum Beispiel das Zuparken von Wegen und in der Folge solche Barrieren verhindert werden könnten. Stets solle nach dem sogenannten Zwei-Sinne-Prinzip gehandelt werden – dem Sehen und dem Hören. (Anmerkung der Redaktion: Alarmierungen müssen beispielsweise sowohl hörbar als auch sichtbar sein.) Diesem Prinzip komme beim Barrierefreien Bauen eine besondere Bedeutung zu. Denn, so Stephan Weber: „Die barrierefreie Gestaltung ist eine Investition in die Zukunft“.

Auch der Vizepräsident der Landesarchitektenkammer verwies auf die derzeit gut 93 Prozent Menschen im Alter 70 plus, die in einer ganz „normalen“, sprich nicht seniorengerechten Wohnung leben. Und Menschen dieses Alters sei das Wohnen besonders wichtig, weil sie nur noch rund dreieinhalb Stunden des Tages außerhalb der Wohnung verbringen würden. Um Abhilfe zu schaffen, betreibe die Landesarchitektenkammer auch „Sensibilisierungsarbeit“ gegenüber Bauträgern. Gerade der heutige Trend zu Kleinstzimmern sei nicht unbedingt die beste Lösung. Außerdem würden künftige Generationen älterer Menschen in Sachen Barrierefreiheit sensibilisiert sein und dann auch geeignete Wohnungen, beispielsweise mit begehbarer Dusche und Wohnungen mit Türen mit mindestens 80 Zentimeter lichter Breite, nachfragen, prognostizierte Stephan Weber. Und der Architekt stellte klar „Das Barrierefreie Bauen kann nicht mehr ignoriert werden.“
Die Stuttgarter Gerontologin Annette Hoppe befasste sich in ihrem Vortrag mit den Alltagsunterstützenden Assistenzlösungen (AAL) und wagte einen Blick in die Zukunft. Sie brachte im Rahmen ihrer Präsentation viele Beispiele, wie sich durch technische Lösungen der Alltag älterer und sehr alter Menschen einfacher und sicherer machen lässt. Da gibt es nicht nur die abschließbare Steckdose, sondern auch die Steckdose mit Auswurftechnik. So lasse sich beispielsweise der Stecker des Staubsaugers leicht ziehen. Denn anderenfalls bleibe der Staubsauger samt langem Kabel womöglich auf dem Boden liegen und bilde eine gefährliche Stolperfalle. Auch elektrische Rollläden seien kein Luxus. Die Referentin informierte zudem über eigenständig arbeitende Staubsauger und Rasenmäher, die in der Anschaffung immer günstiger würden. Auch die eBooks mit ihrer Schriftvergrößerungsfunktion und Beleuchtung könnten für ältere oder behinderte Menschen hilfreich sein. Den Zuhörern im Hegelsaal gab sie den Tipp, das Internet auch als Informationsquelle bezüglich neuer technischer Lösungen, die es schon heute gibt, zu nutzen.

Beispielsweise verwies Hoppe auf allerlei Abschaltsysteme für Herde, Bügeleisen und andere Elektrogeräte. So ließen sich unter anderem Brandgefahren reduzieren. Des Weiteren lenkte sie den Blick auf Strom-Freischaltsysteme. Letztere könnten gerade bei demenzkranken Menschen im Haushalt wichtig werden. Die Projektleiterin der Stuttgarter Tellur GmbH sprach sich auch für vernetzte Rauchmelder, ebenso für Hausnotruf-Erweiterungen, die beispielsweise zugleich den eventuell eingeschalteten Fernseher ausschalten und so eine Notrufkommunikation erleichtern könnten. Bei den Hausnotruf-Erweiterungen sei beispielsweise auch an Sturzerkennungssysteme zu denken, die per Sensor im sogenannten Funkfinger arbeiten würden, ebenso an Hausnotrufsysteme, die auch auf der Terrasse oder im Garten wirksam zum Einsatz kommen können. Wichtig seien zudem Sensorfußböden, die Stürze erkennen und Helfer informieren können. Und sie erwähnte in ihrem interessanten Vortrag Sensoren an Fenstern, die melden, wenn es geöffnet wird oder Sensoren, die melden, wenn, eine Person ein Zimmer verlässt oder betritt. Solche Technik könne bei desorientierten Personen zum Einsatz kommen und die pflegenden Angehörigen entlasten, die dann nicht immer dem Pflegebedürftigen hinterherlaufen müssten, „Denn das Wegschließen ist keine Lösung!“, betonte Annette Hoppe. Abschließend meinte die Gerontologin: „Die AAL können in vielen Lebenslagen helfen, aber die ‚Barrieren in den Köpfen der Menschen‘ müssen auch abgebaut werden.“
Im Wege der den Vormittag abschließenden Podiumsdiskussion sprach sich der Vizepräsident der Landesarchitektenkammer, Stephan Weber, dafür aus, die AAL als Teil des Bauens anzuerkennen und in die Gestaltungsprozesse zu integrieren, denn wenn es gut gemacht werde, dann werde es nicht viel teurer. VdK-Landesgeschäftsführer Hans-Josef Hotz verwies hier auf die von der VdK-eigenen Baugesellschaft GSW in Waiblingen gebaute AAL-Musterwohnung, die besichtigt werden kann. (Anmerkung der Redaktion: Hierzu gibt es einen speziellen Bericht auf diesen Internetseiten, der auch in der März-2016-VdK-Zeitung erschienen war.) Schließlich wollten die meisten Menschen auch im hohen Alter in ihrer vertrauten Wohnung und Umgebung wohnen bleiben, hoben alle hervor. Abschließend betonten VdK-Präsidentin Mascher, Geschäftsführer Hotz, Architekt Stephan Weber und die Gerontologin Annette Hoppe sowie Moderator Axel Graser unisono: „Der demografische Wandel gibt in Sachen Barrierefreiheit die Entwicklung vor.“
Nach der Mittagspause, die viele zum Besuch der begleitenden Ausstellung im Foyer des Hegelsaals oder für einen Test des Alterssimulations-Anzugs „GERT“ nutzten, stand die medizinische Prävention im Mittelpunkt. Zunächst dreht sich alles um das Thema „Wie bleibt mein Herz gesund?“ Für diese wichtige Thematik hatte der VdK-Landesverband Dr. med. Suso Lederle gewinnen können. Der Internist mit großer internistischer und allgemeinärztlicher Praxis in Stuttgart betonte einmal mehr die Bedeutung des Satzes: „Vorbeugen ist besser als heilen“. Der beschreibe die Lage gut. Und er redete den Zuhörern ein Stück weit ins Gewissen, denn jeder einzelne sei für seine Lebensweise verantwortlich. Auch sei der berühmte Ausspruch „No sports!“ falsch. Dr. Lederle verwies auf rund 3,5 Milliarden Herzschläge, die ein Menschenherz bis zum 70. Lebensjahr erbringe. „Diese Meisterleistung schafft keine Maschine!“

Aber ebenso gab er zu bedenken, dass und wie das Herz auf Stress reagiert. Das passiv arbeitende Herz werde durch das Nervensystem beschleunigt. Denn mit Stress begegne der Körper seit Urzeiten der Gefahrensituation, er diene der Fluchtvorbereitung. Gefährlich sei gerade der negative beziehungsweise unangenehme Stress im Gegensatz zum positiven Stress. Daher sei auch die vor rund 40 Jahren weit verbreitete Ansicht, wonach vor allem Manager herzinfarktgefährdet seien, zwischenzeitlich überholt. Vorschädigungen wie die Arteriosklerose spielten eine große Rolle und die dazu führenden Risikofaktoren wie zum Beispiel hoher Blutdruck und hohes Cholesterin. Der berühmte Satz eines Heidelberger Professors „Wir sind so alt wie unsere Gefäße“ habe denn auch weiterhin Gültigkeit. Schließlich sei das Herz ans Gefäßsystem angeschlossen und nicht isoliert zu sehen, betonte Dr. Suso Lederle, der in der Volkshochschule Stuttgart regelmäßig die medizinische Vortragsreihe „Gesundheit beginnt im Kopf“ moderiert. Gerade der hohe Blutdruck befördere die Arteriosklerose stark und könne so neben dem Herzen auch die Augen, die Nieren und die Gefäße insgesamt schädigen. Das Herz müsse im Übrigen gegen den hohen Druck in den verengten Gefäßen anschlagen und könne so im Laufe der Zeit durch Kraftermüdung eine Herzschwäche und Angina Pectoris entwickeln. Herzschwäche könne zudem die Folge eines Herzinfarkts sein, die Folge eines Herzklappenfehlers, die Folge von Alkoholmissbrauch oder auch einer Virusinfektion. Deshalb, so Dr. Lederle, dürfe man bei einem Infekt keinen Sport treiben.

Den Zuhörern riet er, auf plötzliche Atemnot zu achten. Diese, gepaart mit Übelkeit, Schweißausbruch, Brustschmerz und Engegefühl, könne auf einen Herzinfarkt hinweisen. Damit es gar so weit komme, plädierte Suso Lederle für den Abbau von Übergewicht gepaart mit regelmäßigem Ausdauertraining – frei nach dem Motto „Sich regen bringt Segen“. Hierfür brauche es aber realistische Ziele – insbesondere keine schnelle Diäten sondern eine langfristige Ernährungsumstellung und eben die gleichzeitige und langfristige regelmäßige Bewegung. So werde das Herz leistungsfähiger. Und die Zeit, die man sich für Bewegung und Ausdauersport nehme, könne man durch eine längere Lebenszeit quasi zurückbekommen.

Während das Referat des Internisten Lederle zur Herzgesundheit manchen Zuhörer eher nachdenklich gestimmt haben mag, kam bei der Präsentation von Professor Dr. Gerd Schnack Stimmung im Saal auf. Dafür sorgte auch das Mitmachprogramm des Allensbacher Facharztes für Chirurgie und Sportmedizin. Schnack, der unter anderem Dozent für Musikmedizin an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater ist, riet Schlaganfallpatienten zum Musikhören wegen der Antrieb fördernden Elemente. In seinem vielseitigen Vortrag „Neue Körperwunder gegen Stress – wie man ein Leben lang selbstständig und beweglich bleibt!“ sprach er sich für eine neue Volkstanzkultur in Deutschland aus. Tanzen sei bis ins hohe Alter möglich und habe viele positive Effekte. Gerade die Frauen würden gerne tanzen. Hilfreich sei auch, sich für zu Hause ein Trampolin anzuschaffen. So könne man einmal am Tag dem Stress davonhüpfen. Durch das Trampolintraining würden die Faszien (Anmerkung der Redaktion: Weichteilkomponenten des Bindegewebes) gestärkt. Im Übrigen habe das Trampolin einen „Waldbodeneffekt“. Den Joggern riet der Sportmediziner „mit allen Sinnen aber nicht von Sinnen zu laufen“. Wer beim Laufen mit reiner Nasenatmung auskomme, der bleibe im aeroben, sprich im grünen Bereich.

Professor Schnack lenkte auch den Blick auf recht einfache Methoden der medizinischen Prävention, wie beispielsweise ein aufrechter Gang. Der sei gut für die Weichteile des Bindegewebes und befreie die Faszien. Auch warnte der Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Präventivmedizin und Präventionsmanagement vor zu langem Sitzen. Denn mit gebeugtem Hüftgelenk schrumpfe der Hüft-Lenden-Muskel. Beim Aufstehen bilde sich so ein Hohlkreuz mit der Folge, dass sich daraus ein Bandscheibenvorfall beziehungsweise ein eingeengter Spinalkanal entwickeln könne. Ebenso warnte der Facharzt, der in jungen Jahren in Vietnam als Mediziner gewirkt hatte, vor dem Tragen hoher Absätze. Dies begünstige Rückenbeschwerden und führe zur „europäischen Krampfhocke“ im Gegensatz zur „Entspannungshocke“, wie sie bei Naturvölkern und bei kleinen Kindern noch weit verbreitet sei. Die falsche Hocke, wie sie im Übrigen auf allen Baustellen im Lande vorkomme, begünstige unter anderem Kniebeschwerden. Professor Dr. Gerd Schnack plädierte auch für das „Gehen im Swing“ mit einem jeweiligen Gegenschwung aus der Hüfte, wie es beispielsweise der amerikanische Präsident Barack Obama praktiziert. Dies sei gelebte Elastizität!

Zum Schluss seines vielseitigen Referats ging der Präventionsmediziner auf die große Reizüberflutung durch Internet, Smartphone, Handy, Fernseher und Radio ein. So könne das Gehirn nicht mehr zur Ruhe kommen, weshalb Meditationsübungen – beispielsweise die aus Vietnam stammende „Vagus-Meditation“ – angebracht seien. Ebenso sei es sinnvoll, wieder bewusst Pausen einzulegen. Nur so könne man leistungsfähig bleiben. Und gegen Schlafstörungen helfe, aus dem Schlafzimmer wieder ein reines Schlafzimmer zu machen – also ohne störende Elemente wie TV-Gerät, Radio und Ähnliches.

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