Presse

Roland Sing: „Die Menschen umfassend über AAL aufklären!“

Diskussion zu Alltagsunterstützenden Assistenzlösungen in Karlsruhe

Den Lebensabend in den eigenen vier Wänden zu verbringen, das wünscht sich die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen in Deutschland. Allerdings lässt sich dieser Wunsch oftmals nicht oder nicht lange realisieren. In der mobilen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft von heute gibt es weniger oder weniger feste Familienbande, Kinder und Enkel leben und arbeiten häufig in anderen Städten und nicht wenige leben alleine – ob durch Ehelosigkeit, Scheidung oder Tod des Partners. Da sind intelligente Lösungen gefragt, um den Hochbetagten und den alleinstehenden älteren Menschen das Leben zuhause zu ermöglichen. Wenngleich es Sozialstationen und andere ambulante Pflegedienste, „Essen auf Rädern“ und weitere Dienstleistungsanbote aber auch Hausnotrufanlagen und seniorenfreundliche Mobiltelefone gibt, das Leben im hohen Alter zuhause und womöglich allein auf sich gestellt, birgt Gefahren und Risiken. So können die vergessene Herdplatte oder das nicht ausgeschaltete Bügeleisen schnell einen Wohnungsbrand verursachen. Die vergessene Medikamenteneinnahme kann gerade bei chronisch kranken Menschen zu medizinischen Notsituationen führen und Stürze in Haus und Hof können den betroffenen Senior schnell in Lebensgefahr bringen. Da sind intelligente Technologien gefragt, die diese Risiken minimieren und den älteren Menschen den Alltag erleichtern sowie ein Leben in Eigenständigkeit sichern können.

Diesen Alltagsunterstützenden Assistenzlösungen (AAL) widmete die Karlsruher Rehabilitationsmesse REHAB eine Sonderschau. Unter dem Motto „Alltagsunterstützende Assistenzlösungen – für ein gesundes und unabhängiges Leben“ informierten Aussteller über Komfortsysteme zur Ausschaltung elektrischer Geräte beim Verlassen der Wohnung. Sie stellten Erinnerungssysteme – beispielsweise zur Medikamenteneinnahme – vor und präsentierten auch innovative Überwachungssysteme zur Erkennung von Notfallsituationen sowie spezielle Notrufsysteme. Die Sonderschau unter der Schirmherrschaft von Sozialministerin Katrin Altpeter wurde hierbei von namhaften Partnern wie dem Forschungszentrum Informatik (FZI), der Krankenkasse AOK, dem Landkreis Karlsruhe und dem Sozialverband VdK Baden-Württemberg unterstützt.

Roland Sing, Landesvize Werner Raab (Zweiter von links) und Landesverbandsgeschäftsführer Hans-Josef Hotz (rechts) mit dem Karlsruher VdK-Kreischef Norbert Schmidt (Mitte) und Kollege vom VdK-Standteam auf der REHAB. | © Stefan Pfeil

Der VdK, seit Jahren Stammaussteller auf der REHAB, fungierte diesmal auch als Partner der Sonderschau und er war bei der zentralen Diskussionsveranstaltung mit AAL-Experten vertreten. Dort sprach sich der Landesverbandsvorsitzende Roland Sing, zugleich Vorsitzender des Landesseniorenrats von Baden-Württemberg, für den Einsatz der Alltagsunterstützenden Assistenzlösungen und die Entwicklung und Weiterentwicklung von AAL-Technologien aus. Für Sing geht es darum, den demografischen Wandel zu bewältigen und zugleich den älteren Menschen das gewünschte Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Der VdK-Landeschef gab zu bedenken, dass die Forschung und Technik nicht mehr am Anfang stehe. Vielmehr hapere es bei der Umsetzung von AAL. Hier gebe es noch zu viele Hürden und auch viel Unwissenheit. Deshalb sei umfassende Aufklärungsarbeit notwendig, um den Menschen die möglichen Ängste vor der Technik und vor den diesbezüglichen Finanzierungsfragen zu nehmen. „Wir müssen die Bevölkerung mitnehmen“, plädierte Roland Sing, denn die Menschen müssten erfahren, was machbar ist, welche Produkte es bereits gibt und wie man sie einsetzen kann. Die Alltagsunterstützenden Assistenzlösungen könnten auch dazu dienen, die Pflegekräfte zu entlasten, gab der VdK-Sozialexperte zu bedenken. Auch aus diesem Grunde wolle der Sozialverband VdK hier einen Beitrag zur Weiterentwicklung von AAL leisten. Der Landesverbandsvorsitzende verwies denn auch auf bereits vor fünf Jahren begonnene Gespräche mit dem Stuttgarter Sozialministerium, um dem flächendeckenden Einsatz von AAL den Weg zu ebnen. Vor allen Dingen müsse es, so Roland Sing, in diesem Bereich mehr Aufklärung geben. Man müsse katalogisieren, was es gibt und wo die technische Ausstattung von Wohnungen durch etwaige Zuschüsse aus der Pflegeversicherung unterstützt werden könne. Sing gab zugleich zu bedenken, das viele Lösungen aus dem AAL-Sektor zum persönlichen Bereich der Menschen gehörten und insofern nicht unbedingt vom Sozialversicherungsträger zu erstatten seien. Als Beispiel nannte er hier einen Lichtschalter mit Zusatzfunktion oder einen Bewegungsmelder. Dies sei keine Sache der Sozialversicherung. Gleichwohl müsse man öffentliche Mittel zur Verfügung stellen, um beispielsweise Musterwohnungen zum Besichtigen zu schaffen und das Ehrenamt entsprechend schulen zu können. Denn Menschen, die sich in ihrer Freizeit für den Einsatz von AAL in Haushalten engagierten, dürften für diesen Einsatz nicht noch selbst bezahlen müssen, so Roland Sing. Der VdK-Vizepräsident rief auch dazu auf, die Handwerkskammern entsprechend zu informieren. Sing verwies in diesem Zusammenhang auf seine bereits geführten Gespräche mit der Ärztekammer in Bund und Land, um für mehr Verständnis für diese neuen Technologien zu werben. Hier sei auch die Politik gefordert, die sich einerseits für den flächendeckenden Einsatz von AAL stark machen müsse, zugleich den Einsatz der neuen Technologien nicht durch „Rechtsvorschriften“ stören dürfe.

Auch die Diskussionspartner von Roland Sing, Professor Dr. Wilhelm Stork vom Forschungszentrum Informatik (FZI)/Karlsruher Institut für Technologie und der Arzt und Krankenpfleger Dr. Andreas Marg riefen zu mehr Aufklärung in Sachen AAL auf. Für Dr. Marg, Referent im Stuttgarter Sozialministerium, erhöhen die Alltagsunterstützenden Assistenzlösungen die Sicherheit für die Menschen. Andererseits ermögliche AAL zugleich die Weiterentwicklung der Pflegeinfrastruktur. Dies sei gerade aufgrund der vielen allein lebenden älteren Menschen sehr wichtig. Auch Dr. Marg bemängelte wie Roland Sing, dass die bereits vorhandene technische Entwicklung der AAL noch nicht im Alltag angekommen sei. Um der vielfach noch vorhandenen Unwissenheit und manchen Vorbehalten zu begegnen, gebe es jetzt eine sogenannte Rollende Ausstellung. Der Container mit gängigen Produkten zum Besichtigen könne gebucht werden. Außerdem verwies er auf den Wegweiser „Pflege und Technik (www.wegweiserpflegeundtechnik.de) im Internet. Dr. Marg sprach sich auch für sogenannte Quartierskonzepte aus. In den Wohnvierteln müssten sich Pflegeeinrichtungen öffnen und die Menschen müssten untereinander mehr Kontakt bekommen. So könne auch die Versorgung hochaltriger Menschen in den eigenen vier Wänden leichter erfolgen. In diesem Zusammenhang verwies der Experte auf das Projekt „Älter werden im Quartier“ in Kirchheim/Teck.

Für Professor Stork gibt es in Sachen AAL einen Zeitverzug von rund 15 Jahren. Der Wissenschaftler verwies auf bereits so lange existierende Lösungen, die man bisher für den individuellen Einsatz in Wohnungen aber noch nicht genutzt habe. Hier gebe es noch sehr viele Vorbehalte gerade auch aus dem Gesundheitswesen, betonte Stork und verwies auf die Angst vor dem „gläsernen Menschen“. Da mit Hilfe von AAL auch Verlaufskontrollen möglich würden (beispielsweise wie oft die Toilette benutzt werde und entsprechend der Rückschluss auf die Trinkmenge der Senioren), misstraue man vielfach noch der Umsetzung dieser IT-Technik im Gesundheitswesen. Professor Wilhelm Stork plädierte dafür, mehr Gelder für die technologische Forschung im Bereich AAL bereitzustellen und die geschäftlichen Rahmenbedingungen für den flächendeckenden Einsatz von AAL zu schaffen. Die Forschung habe die Aufgabe, Dinge zu entwickeln. Die Umsetzung müsste dann von Staat und Gesellschaft erfolgen.

Bei der anschließenden Diskussion mit dem Publikum – darunter sehr viele Mitglieder des VdK-Landesverbandsvorstands – ging es gerade auch um Finanzierungsfragen. Hier verwies Dr. Andreas Marg auf das Land Baden-Württemberg, das zurzeit Mittel für öffentliche Projekte zur Verfügung stelle. Der VdK-Landesvize und Landtagsabgeordnete Werner Raab verwies auf die Entlastung der Sozialkassen durch die ambulante Pflege. Wenn Menschen trotz hohen Alters und Pflegebedürftigkeit weiterhin zuhause leben, werde auch sehr viel Geld gespart. Zugleich warb Raab für mehr Vertrauen in die neue Technologie.

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