15. November 2018
Presse

INTERVIEW mit Thaddäus Kunzmann

„Die Rentner von morgen müssen mobil bleiben“

Landes-Demografiebeauftragter sieht in Digitalisierung Erleichterungen für selbstbestimmtes Leben – Plädoyer für bürgerschaftlichen Einsatz

Die Berufung eines hauptamtlichen Demografie-Beauftragten war immer eine Forderung des Sozialverbands VdK. Seit März 2017 hat Thaddäus Kunzmann dieses Amt in Baden-Württemberg inne. VdK-Mitarbeiterin Priya Bathe sprach mit ihm über seine Arbeit und die Themen Leben im Alter, Pflege sowie barrierefreier Wohnraum.

VdK-Zeitung: Herr Kunzmann, was genau sind Ihre Aufgaben als Demografie-Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg?
Thaddäus Kunzmann: Mein Arbeitsauftrag ist es, die Aktivitäten des Landes zum Thema Demografischer Wandels ressortübergreifend zu koordinieren. Da es ein Querschnittthema ist, spreche ich mit vielen Ministerien oder auch Akteuren wie Ihnen, dem VdK. ‚Was haben sie vor, wo geht die Reise hin und was stelle ich mir vor?‘ Viele Punkte im Koalitionsvertrag gehen übrigens auf das Thema Alter ein. Ich möchte die Akteure um das Thema Demografischer Wandel sensibilisieren.

VdK-Zeitung: Warum ist es so wichtig, das Thema auf die Agenda zu setzen?
Kunzmann: In den kommenden 10 bis 15 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge, also die, die zwischen 1957 und 1967 geboren wurden, aus dem Berufsleben ausscheiden. Aus Sicht der Wirtschaft bedeutet das einen Fachkräftemangel, aber wir müssen auch auf diese Menschen und unsere Gesellschaft selbst schauen. Es werden die Menschen sein, denen eine längere Lebensdauer prognostiziert wird. Sie werden die Hochaltrigen unserer Gesellschaft sein, also das stattliche Alter von 80 wahrscheinlich überschreiten. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung.

VdK-Zeitung: Erklären Sie uns diese Herausforderung.
Kunzmann: Ich zeige Ihnen den klassischen Fall auf: Ich bin schon betagt und kann mich nicht mehr in meinen vier Wänden bewegen. Die Folge ist heute oft das Pflegeheim. Aber wir werden künftig weniger Pflegekräfte haben und somit wird die Pflege nur noch hochgradig Pflegebedürftigen zur Verfügung stehen. Darum ist es ein gesellschaftliches Anliegen, dass die Rentner von morgen mobil bleiben, ihr Leben noch lange selbstbestimmt führen können.

VdK-Zeitung: Eine Forderung, die auch wir vom Sozialverband VdK unterstützen.
Kunzmann: Ganz genau. Durch die Digitalisierung haben wir heute auch die Möglichkeiten, die vor zehn Jahren noch undenkbar waren. Früher konnte ich stürzen und niemand hätte es gemerkt. Heute gibt es Sensoren, die Alarm schlagen. Der Umbau von Bädern, Küchen und Häusern, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglichen, werden beispielsweise gefördert. Für barrierefreies Umbauen zahlt die Pflegeversicherung 4000 Euro. Von der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) kann man zinsverbilligte Kredite oder Zuschüsse erhalten. Gerade wurde das Programm Altersgerechtes Umbauen von vorgesehenen zwei Milliarden Euro um weitere 500 Millionen Euro für das Jahr 2019 aufgestockt.

VdK-Zeitung: Nicht jeder Wohnungseigentümer ist aber finanzstark?
Kunzmann: Sehr richtig! Darum appelliere ich an den Bund, für private Vermieter Anreize zu einer barrierefreien Umrüstung zu schaffen. Durch den aktuellen Bauboom und die hohen Mieten wird es schwierig werden, den Bedarf an barrierefreiem Wohnraum zu decken. Darum muss hier ein Anreiz für private Vermieter geschaffen werden. Private Vermieter sind oft zögerlich, was den barrierefreien Umbau angeht, weil sie ihre Investition nicht über die Miete wieder reinholen können.

VdK-Zeitung: Und was ist mit den Mietern selbst?
Kunzmann: Mieter können den KfW-Zuschuss auch beantragen, aber das macht kaum jemand. Das Problem ist der Mietmarkt. Es fehlen Wohnungen. Aber viele stehen leer oder werden einfach nicht vermietet, weil Wohneigentümer es aus persönlichen Gründen nicht möchten. Ich glaube, eine Entrümpelung des aktuellen Mietrechts wäre ganz gut. Man müsste Vermietern einen Anreiz geben, ihren Leerstand zu vermieten. (…)

VdK-Zeitung: Lassen Sie uns noch mal auf das Thema Pflege kommen. Sie haben die Hochaltrigen der kommenden 15 bis 30 Jahre angesprochen. Wie wird die Pflege künftig aussehen?
Kunzmann: Man muss versuchen, nicht so hohe Erwartungen zu schaffen, weder von Seiten der Politik noch medial und gesellschaftlich. Wenn bundesweit 13 000 neue Stellen in der Pflege angekündigt werden, dann ist das schon schwer genug. Ich lese Ihnen unsere Zahlen im Ländle mal vor: Bis 2030 werden 40 000 Pflegekräfte benötigt, und zwar zu den Kräften, die wir heute haben. Wir müssen also das aktuelle Niveau halten und neue Kräfte einstellen. Bei dem Status Quo quasi unmöglich. Daher warne ich davor, Begehrlichkeiten zu wecken, die niemand erfüllen kann. Wir haben nicht viele Möglichkeiten. Entweder wir erhöhen den Beitrag zur Pflegeversicherung oder den Eigenanteil an der Pflege. Damit bekommen wir eine Zwei-Klassen-Pflege. Das will keiner. Darum schlage ich einen anderen Weg vor: Alles dazu zu leisten, den Menschen in seiner eigenen Häuslichkeit so lang wie möglich mobil zu halten.

VdK-Zeitung: Wie soll das gehen?
Kunzmann: Prävention ist im mittleren Lebensabschnitt besonders wichtig. Wir müssen gesundheitlich und von unserem Sozialverhalten wesentlich mehr machen, sonst werden wir im Alter einsam werden. Wer das ganze Leben nur für sich was tut, macht sich im Alter keinen Gefallen. Bürgerschaftliches Engagement und das Ehrenamt sind auch eine Art Prävention. Denn viele Rentner suchen nach dem Erwerbsleben etwas Sinnstiftendes. Das Ehrenamt gibt ihnen hier oft viel. Wir müssen daher das Ehrenamt fördern, nicht nur finanziell, sondern auch Motivation und ausreichend Anerkennung für das Geleistete geben. Durch soziales Engagement ist die Gefahr zu vereinsamen geringer. Und Einsamkeit ist eine große Falle im Alter. (…) In Baden-Württemberg haben wir genau im Hinblick auf den demografischen Wandel das kommunale Sonderprogramm Quartier geschaffen. Hier geht es um das gemeinsame Leben von Alt und Jung, um soziales Miteinander in den Stadtteilen und generationenübergreifendes Wohnen. (…)

VdK-Zeitung: Herr Kunzmann, es ist Halbzeit in der aktuellen Legislaturperiode in Baden-Württemberg. Was wollen Sie bis zur kommenden Landtagswahl als Demografie-Beauftragter noch erreichen?
Kunzmann: Ich möchte die Themen Digitalisierung und Demografischer Wandel weiter vertiefen und zusammenführen. Es werden die beiden einschneidenden Themen der nächsten 30 Jahre sein. Denn die Digitalisierung, erleichtert das selbstbestimmte Leben im Alter. Am Ende der Legislaturperiode möchte ich, dass in jedem Landtagswahlprogramm das Thema Demografie drin steht und in das kommende Regierungsprogramm miteinfließt. Der Demografische Wandel kennt keine Parteifarbe.

Zur Person:

Thaddäus Kunzmann (CDU) ist seit März 2017 Demografie-Beauftragter der grün-schwarzen Landesregierung. Im April 2018 startete er die Demografie-Foren und lud zum Thema „Gestalte ich mit oder werde ich gestaltet“ Interessierte ein, um über die Herausforderungen des Demografischen Wandels zu diskutieren. Der ehemalige Landtagsabgeordnete kommt aus Nürtingen.
www.demografiebeauftragter-bw.de

Ausrufezeichen
Ob Rente und Alterssicherung, Gesundheit und Pflege, Behinderung, Arbeitsmarkt, Familie, Generationen oder Armut - der VdK macht sich für soziale Themen stark. Hier finden Sie aktuelle Meldungen und Informationen...
Kalender
Hier sehen Sie unsere Veranstaltungen, Aktionen und Messetermine.
Beitrittserklärung
Werden auch Sie Mitglied beim Sozialverband VdK Baden-Württemberg...
Service
Infomaterial, Reisen, Shop, Infomaterial und vieles mehr....
Ehrenamt
Ehrenamt tut gut, den Menschen, denen geholfen wird und den Menschen, die helfen. Auch der Ehrenamtliche profitiert von seinem Engagement.