5. Oktober 2020
INTERVIEW

“Wir müssen verhindern, dass aus der Corona-Krise eine soziale Krise wird.”

Der Landesgeschäftsführer Hans-Josef Hotz führt ein Gespräch mit der VdK-Zeitung, bevor er in wenigen Wochen in Rente geht.

Hans-Josef Hotz beendet in wenigen Wochen seine hauptamtliche Tätigkeit. Er geht in Rente. Das hat er sich verdient. Denn insgesamt hat er 39 Jahre beim Sozialverband VdK Baden-Württemberg gearbeitet. Davon war er 23 Jahre als Landesgeschäftsführer in Stuttgart. Wir sprachen mit dem 64-Jährigen über die Verbandsarbeit in besonderen Zeiten.

Der Landesgeschäftsführer Hans-Josef Hotz im Büro der Landesgeschäftsstelle | © visupixel/David Vogt


VdK-Zeitung: Der 18. Ordentliche Landesverbandstag* findet im Oktober 2020 wieder statt. Diesmal ändert sich wahrscheinlich viel beim Personal. Gleichzeitig merken die Teilnehmer bei dieser wichtigen Veranstaltung auch: Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei. Was erwarten Sie vom Landesverbandstag?

*Begriffserklärung "Landesverbandstag": Alle vier Jahre trifft sich der Vorstand des Landesverbandes des VdK Baden-Württemberg mit den Vorständen der vier Bezirksverbände. Sie besprechen miteinander, wie ihre Arbeit in den letzten vier Jahren gelaufen ist und wie sie weiter zusammenarbeiten möchten.
Außerdem wählen sie bei diesem Treffen für die nächsten vier Jahre den neuen Vorstand des VdK Baden-Württemberg.


Hans-Josef Hotz: Der Vorstand hat intensiv nachgedacht und hat entschieden: Die Delegierten* sollen persönlich am Landesverbandstag teilnehmen. Denn es geht dabei um die Satzung. Das bedeutet für uns: Wir dürfen nur so viele Teilnehmer einladen, dass wir beschlussfähig sind. Denn es gilt auch hier: Alle müssen die Hygiene- und Abstandsregeln beachten. Trotz Corona werden die Delegierten auch diesmal Entscheidungen treffen, die die Zukunft betreffen und mutig sind. Das weiß ich aus jahrelanger Erfahrung. So werden wir die erfolgreiche Arbeit - wie sonst auch - weiter machen.

*Begriffserklärung "Delegierte": In einem Verein ist ein Delegierter ein Mitglied mit besonderen Rechten. Er hat zum Beispiel das Recht, Entscheidungen zu treffen. Aber er darf auch bei Wahlen mitmachen.
Delegierte gibt es vor allem in großen Vereinen mit vielen Mitgliedern. Die Mitglieder wählen die Delegierten und diese treffen Entscheidungen bei der Delegiertenversammlung. Die Delegierten sind quasi Abgeordnete.


In der Gesellschaft geht es nicht allen Menschen gut. Es gibt große Unterschiede. Durch den Corona-Virus könnte diese Situation noch schlimmer werden. Welche Probleme sehen Sie? Wie kann der VdK Baden-Württemberg bei der Lösung helfen?
Die Corona-Krise ist eine der größten Aufgaben seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie fordert von uns allen viel. Freiheiten, die keiner verändern durfte, müssen eingeschränkt werden. Die Pandemie ist ein einziger Stresstest. Einige Systeme bestehen ihn, andere nicht. Wir müssen zusammenhalten. Das ist dem VdK schon seit der Gründung vor 75 Jahren besonders wichtig. Corona zeigt deutlich, wo wir noch etwas tun müssen. Wir müssen verhindern, dass aus der Corona-Krise eine soziale Krise wird.

Der Staat hilft den Bürgern bei Krankheit, Unfall, im Alter oder bei Arbeitslosigkeit. Wir müssen dabei helfen, dass das noch besser wird und nicht schlechter, weil einige wenige Bürger die Hilfe des Staates ausnutzen. Wenn die Bürger sich darauf verlassen können, dass sie Sozialleistungen (z.B. Arbeitslosengeld, Rente, Kindergeld) vom Staat bekommen, fühlen sie sich sicher im Leben. Allerdings dürfen die gesetzlich Versicherten die Corona-Mehrkosten nicht alleine bezahlen. Wir brauchen Politiker, die darauf achten, dass es allen Menschen gleich gut geht, egal wie alt sie sind. Außerdem sollen die Unterschiede zwischen den Menschen so klein wie möglich sein.

Seit 1981 arbeiten Sie für den VdK im Land. Wie hat sich die Verbandsarbeit seitdem verändert?
Der VdK hat sich zu einem modernen Sozialverband mit über zwei Millionen Mitgliedern entwickelt. Das liegt an dem von mir sehr geschätzten Ehrenpräsidenten Walter Hirrlinger. Er ist 2018 gestorben. Herr Hirrlinger hat bei seiner Arbeit immer auch an die Zukunft gedacht. Auch die Vorsitzenden Hans-Otto Walter und Roland Sing haben schwierige Aufgaben gelöst. Zum Beispiel haben sie den Aufbau des Verbandes und die Serviceangebote erneuert und somit verbessert. Trotzdem ist das Ehrenamt immer noch sehr wichtig. Denn das Ehrenamt hat einen großen Einfluss auf unsere Arbeit im Verband. Der VdK hat heute im Südwesten 240 000 Mitglieder. Das ist ein großer Erfolg. Diesen Erfolg verdankt der VdK den unterschiedlichen Teilen des Verbandes, die eine sehr vielfältige Arbeit machen.

Seit den 1990er-Jahren wurden beim VdK Baden-Württemberg der Bereich Marketing und Kommunikation, aber auch der Sozialrechtsschutz sehr vergrößert. Wie denken Sie über diese Entwicklung?
„Tue Gutes und rede darüber“ ist schon immer unser Motto. Besonders wichtig ist es uns, die Menschen im Sozialrecht zu vertreten, aufzuklären und ihnen schnelle Information zu geben. Außerdem haben wir sehr unterschiedliche Mitglieder. Deren Erwartungen haben sich im Laufe der Zeit stark geändert. Gerade die Jüngeren stellen andere Ansprüche an unsere Serviceleistungen. Damit wir diese Ansprüche auch in der Zukunft erfüllen können, haben wir den Bereich Marketing und Kommunikation stark vergrößert. Die Aktion „Pflege macht arm!“ haben viele Menschen mitbekommen, weil wir die Aktion auch im Internet bekannt gemacht haben. So haben wir über 100 000 Unterschriften gesammelt. Das war ein großer Erfolg.

Im Jahr 2000 hat der Landesverband für den Bereich Sozialrechtsschutz eine gemeinnützige GmbH gegründet. Warum haben Sie das damals gemacht?
Der Sozialrechtsschutz ist und bleibt der wichtigste Teil unserer Arbeit. Denn die Menschen vertrauen darauf, dass der VdK das kann. Wir haben heute viel mehr Mitglieder als früher. Dadurch haben wir mehr Verfahren bearbeitet und gleichzeitig mehr Mitarbeiter gebraucht. Es war notwendig, für den Bereich Sozialrechtsschutz eine gemeinnützige GmbH zu gründen. Denn dadurch bekommen wir viel mehr Geld, wenn wir vor Gericht gewinnen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: über 13 000 fertige Verfahren und ungefähr acht Millionen Euro an Nachzahlungen.

Wir haben damals klein angefangen, aber der Service war uns von Anfang an wichtig. Heute gibt es gleichmäßig über das Land verteilt Beratung in 35 Geschäftsstellen mit 55 Sozialrechtsreferenten. 2019 kamen 60 000 Menschen, die einen Rat brauchten, persönlich bei uns vorbei.

Heute besteht die VdK Sozialrechtsschutz gGmbH Baden-Württemberg schon 20 Jahre. Sie macht ihre Arbeit sehr erfolgreich. Trotzdem gab es Schwierigkeiten zu lösen. Zum Beispiel gab es einen Prozess beim Bundessozialgericht, der lange gedauert hat. Wie bewerten Sie das?
Es war eine einmalige Chance. Diese Chance haben wir mit Unterstützung des Vorstands genutzt. Auch wenn es öfter Schwierigkeiten gab, weil wir etwas rechtlich durchsetzen wollten, was vorher noch niemand gemacht hatte. Es war ein langer Weg bis zum Ziel. Wir sind bis vor das Bundessozialgericht gezogen und haben am Ende Recht bekommen. Damit hatten wir ein wichtiges Ziel erreicht.

Nachdem wir die gemeinnützige GmbH gegründet hatten, mussten wir unser Beratungsangebot neu aufbauen. Das war eine sehr schwere Arbeit für die Verwaltung. Ohne die langanhaltende Hilfe der Bezirksverbände und der Kreisverbände hätten wir das nicht geschafft. Heute nehmen sich andere Landesverbände unsere gGmbH als Vorbild.

Ein wichtiger Teil der VdK-Arbeit ist schon immer das Ehrenamt. Doch die Menschen haben heute ganz andere Bedingungen als in der Nachkriegszeit oder in den 1980ern, als Sie haupt- und ehrenamtlich angefangen haben zu arbeiten. Wie ist es möglich, dass auch in der Zukunft Menschen für den VdK ehrenamtlich arbeiten?
Freiwillige Arbeit gab es schon immer im Südwesten. Fast jeder Zweite arbeitet ehrenamtlich. Dafür müssen wir dankbar sein. Denn Ehrenamt macht die Verbandsarbeit möglich. Diese Menschen zeigen: so sieht der VdK aus. Gerade in Corona-Zeiten wird klar, wie wichtig das Zusammenhalten in der Gesellschaft und Hilfe direkt bei den Menschen sind. Ich danke allen aktiven Mitgliedern für diesen großen Einsatz. Bleiben Sie uns treu. Wir brauchen Sie weiterhin!

bü / Übersetzung: Anja Lützen

Schlagworte Interview | Hans-Josef Hotz | Geschäftsführer | Geschichte | Historie | Landesverbandstag

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