1. Juni 2020
Einfache Sprache

Betroffene haben Anspruch auf Unterstützung

„Die Frist für die Anträge endet am 31. Dezember 2020“. Dies wiederholte Evelyne Rochus-Hamlin unlängst auf der Freiburger Infoveranstaltung der Stiftung Anerkennung und Hilfe. Im Rathaus im Stühlinger hatten sich rund 30 Interessierte eingefunden, um mehr über das Thema „Leid und Unrecht in Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe in der Nachkriegszeit“ zu erfahren.

Die Beraterin der Stiftung aus der VdK-Landesgeschäftsstelle und Referentin in Freiburg, Evelyne Rochus-Hamlin (links) mit Referentin Nora Wohlfahrt vom Landesarchiv. | © Rebecca Schwarz/VdK

Auch nach 1945 gab es Leid und Unrecht in Psychiatrie und Behindertenhilfe – Anspruchsfrist läuft aus

Die Freiburger Behindertenbeauftragte Sarah Baumgart begrüßte zu Beginn die Gäste. Anschließend würdigte der erste Bürgermeister und Sozialdezernent Ulrich von Kirchbach die Unterstützung von betroffenen behinderten Menschen durch die Stiftung. Zugleich gab er zu bedenken, dass diese Hilfe sehr spät kam. Zu viele hätten jahrelang geschwiegen.

Mit Blick auf Freiburg zeigte sich von Kirchbach aber erfreut über die vielen Teilhabe-Möglichkeiten der Stadt. Beispielsweise den Behindertenbeirat der Stadt oder auch den Aktionstag Inklusion. In diesem Zusammenhang mahnte der Sozialbürgermeister die Anwesenden eindringlich, ihre Stimme zu nutzen und ins Gespräch zu kommen: Nicht nur bezüglich der Stiftung, sondern auch in Bezug auf die Wahl zum Behindertenbeirat im Frühjahr 2020.

Anlaufstelle beim VdK

Ulrich von Kirchbach begrüßte in seiner Ansprache insbesondere den stellvertretenden VdK-Landesvorsitzenden Uwe Würthenberger. Denn der größte Sozialverband in Deutschland ist Anlaufstelle und Beratungsstelle der Stiftung Anerkennung und Hilfe. Die Beratungsgespräche finden im Land nämlich beim VdK Baden-Württemberg in Stuttgart statt. Dort stehen den betroffenen Menschen neben Evelyne Rochus-Hamlin auch Jutta Wehl und Frank Hapatzky zur Verfügung. Die Betroffenen sind Menschen mit Unrechtserfahrungen in damaligen Behindertenheimen.

Rochus-Hamlin informierte in Freiburg über die genauen Hintergründe ihrer Arbeit: Die Stiftung ist für Menschen gedacht, die als Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben und heute noch an den Folgen leiden. Dabei geht es um den Zeitraum vom 23. Mai 1949 bis zum 31. Dezember 1975 in der Bundesrepublik Deutschland. Und um den Zeitraum vom 7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990 in der DDR.

Die Stiftung Anerkennung und Hilfe wurde von Bund Ländern und Kirchen und deren Wohlfahrtsverbänden errichtet. Es geht um die Anerkennung des Leids und Unrechts, das damals passiert ist. Die Betroffenen erhalten eine Anerkennungs- und Unterstützungsleistung. Das ist sozusagen ein finanzieller Ausgleich für ihre schlimmen Erlebnisse. Die Leistungen der Stiftung sind steuerfrei: „Das Finanzamt hat das Unrecht nicht erlitten“, erklärte Evelyne Rochus-Hamlin mit einem Zwinkern.

Die Anträge sind noch bis 31. Dezember 2020 möglich. Bis zum 31. Dezember 2021 müssen sie dann abgearbeitet werden. Das ist das Ende der Stiftungslaufzeit. Beraterin Rochus-Hamlin hofft, dass sich bis zum Jahresende 2020 noch mehr Menschen bei der Stiftung melden. In Freiburg kam auch dies zur Sprache: das Landesarchiv Baden-Württemberg bietet bei der Suche von Heimakten seine Unterstützung an. Ebenso bei der Suche nach Melde- sowie Schulbescheinigungen und anderen Unterlagen. Hierüber informierte Nora Wohlfahrt vom Landesarchiv. Sie bearbeitet das Projekt zur Dokumentation „Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg. Das ist ein Forschungsprojekt der Stiftung, das sich um die wissenschaftliche und geschichtliche Aufarbeitung der Geschehnisse in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie kümmert.

„Ziel ist es, die Leiderfahrungen und Unrechtserfahrungen intensiv zu beleuchten“, erklärte Wohlfahrt. Damit werde ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung und Aufarbeitung des Erlebten auch in der Gesellschaft geleistet. Denn die Missstände der Vergangenheit sollen aufgedeckt werden. Aber es sollen auch Lehren für die Zukunft gezogen werden, indem die Ergebnisse der Forschung der Öffentlichkeit gezeigt werden.

Unter den Zuhörern befand sich auch eine betroffene gehörlose Frau. Sie schilderte den Anwesenden im Anschluss an die Vorträge ihre persönlichen Erfahrungen von damals. Ihre Erzählungen machen deutlich, dass diese Ereignisse, auch nach mehr als fünfzig Jahren, ihren Schrecken noch nicht verloren haben. Sie hat die Hilfe der Stiftung bereits in Anspruch genommen. Die Gehörlosenverbände haben in ganz Deutschland ein gut aufgebautes Netzwerk. Da ist es kaum verwunderlich, dass sich bisher fast nur gehörlose Menschen bei der Stiftung gemeldet haben.

Weitersagen!

„Doch wo sind die anderen?“, fragte Evelyne Rochus-Hamlin vor allem mit Blick auf die Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg. Hier ist die Stiftung angewiesen auf Personen, die dazu beitragen, dass diese Nachricht alle anderen Betroffenen erreicht. Und die Stiftung ist angewiesen auf die Hilfe von Dritten, die sich im Auftrag von Betroffenen, die sich nicht selbst an die Stiftung wenden können, diese Stelle aufsuchen.

Kontakt

Die Stiftung Anerkennung und Hilfe ist bundesweit vertreten. Infos und Adressen der Anlauf- und Beratungsstellen gibt es unter www.stiftung-anerkennung-hilfe.de im Internet. Entscheidend für Betroffene ist der aktuelle Wohnsitz.

Im Land ist die baden-württembergische Stiftungs-Beratungsstelle beim Sozialverband VdK Baden-Württemberg, Johannesstraße 22, 70176 Stuttgart. Sie ist täglich erreichbar unter Telefon 0711 61956-0.

Das Sekretariat der Stiftung ist bei Patricia Sigle. Sie hat die Durchwahl -76. Die Null wird dann am Ende weggelassen. Sie können auch eine E-Mail schreiben an: stiftung-anerkennung-hilfe-bw@vdk.de

Für allgemeine Fragen zur Stiftung gibt es zudem das Infotelefon 0800 22 1 22 18. Es ist von Montag bis Donnerstag besetzt.

Rebecca Schwarz

Einfache Sprache
Frank Hapatzky und Jutta Wehl kümmern sich um Betroffene in der Stiftung Anerkennung und Hilfe in Stuttgart
Stiftung Anerkennung und Hilfe berät in Baden-Württemberg in VdK-Trägerschaft
Einfache Sprache
Seit gut einem Jahr gibt es die Stiftung Anerkennung und Hilfe.
Die Stiftung will helfen Leid und Unrecht in Behindertenheimen und Psychiatrien anzuerkennen. Und sie will Menschen, die damals als Kinder und Jugendliche schlimme Erfahrungen machten, helfen das aufzuarbeiten.
Sie will auch helfen Anträge für Leistungen zu stellen. Für diese wichtige Arbeit stehen seit April 2017 Jutta Wehl und Frank Hapatzky in der Stuttgarter VdK- Landesgeschäftsstelle zur Verfügung.
Der Fonds Heimerziehung läuft zum 31. Dezember 2014 aus. Hierauf weist die Anlauf- und Beratungsstelle Heimerziehung Baden-Württemberg in Stuttgart hin. Diese Einrichtung für ehemalige Heimkinder, die in der Zeit von 1949 bis 1975 in öffentlicher Erziehung untergebracht waren, gibt es seit dem Frühjahr 2012.
VdK-Themen
Rentner mit Gehstock
Der Sozialverband VdK ist für Ältere ein kompetenter Ratgeber im Rentenrecht. Hier finden Sie hilfreiche Tipps und Informationen rund um die Themen Rente und Leben im Alter.
VdK-Themen
Junger Mann im Rollstuhl an seinem Arbeitsplatz
Wir treten für das gleichberechtigte Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ein. Hier finden Sie aktuelle Informationen und nützliche Tipps rund um die Themen Behinderung und Barrierefreiheit.
VdK-Themen
Demente Seniorin mit Sohn
Der Sozialverband VdK setzt sich für eine menschenwürdige Pflege ein, die die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen und deren Angehörigen sichert.
VdK-Themen
Krankengymnastik
Wir beraten unsere Mitglieder zum Thema gesetzliche Krankenversicherung. Hier finden Sie nützliche Informationen, unsere Forderungen sowie Positionen rund um das Thema Gesundheit.
VdK-Themen
Umgekipptes Glas mit Geldmünzen
Von Armut und sozialer Ausgrenzung sind besonders Kinder, Senioren, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose betroffen. Der VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.