17. Juli 2019
Einfache Sprache

Wie fährt man ohne Beine? Mit Gasring und Joystick

So kann eine Fahrstunde mit Uwe Thiele ablaufen:
„Nicht so viel Gas, der schießt sonst durch. Hier nochmal genau schauen, dass nicht ein Fußgänger oder ein Radfahrer kommt. Warte – nicht so viel, nicht so viel Gas! Genau. Blinker rechts. Rechts orientieren, nicht an der Mittellinie. Wir haben Zeit, mach einen Ruhigen. Lenken, Blinker rechts. Ja, das war gut!“

Uwe Thiele (mitte) mit seinen zwei Fahrschülern M. Bächle und R. Kalmbach | © Priya Bathe / VdK


Uwe Thiele lächelt seine Fahrschülerin an. Er spricht mit einer ganz sanften Stimme. Er ist Fahrlehrer in Bad Wildbad. Er hat heute die erste Fahrstunde mit der 16-jährigen Mona Bächle. Das Besondere an dieser Fahrstunde ist: Bächle hat seit Geburt keine Beine. Sie trägt zwei Prothesen und gibt Gas und bremst mit einem Hebel rechts vom Lenkrad. Mit einem Knauf links am Lenkrad, der aussieht wie ein Joystick von Computer-Spielen, kann sie blinken.

Thiele hat seine Fahrschule spezialisiert auf Menschen mit Behinderungen.
Mona Bächles erste Stunde läuft ganz gut. Sie erzählt: „Vor zwei Wochen war es das erste Mal, dass ich so ein Auto gefahren habe. Herr Thiele ist damals mit mir bei uns im Ort gefahren. Ich habe es mir eher schwer vorgestellt. Es geht aber einfach.“

Sie macht den Führerschein „Begleitetes Fahren mit 17“. Sie braucht dafür eine Begleitperson bis zur Volljährigkeit. Ihre Eltern waren zuerst skeptisch. Aber Fahrlehrer Thiele konnte sie von Monas Vorhaben überzeugen. Mona Bächle hat ihre Hand ständig auf dem Knauf zu ihrer Rechten liegen. So wie andere Fahrer den Fuß auf den Pedalen liegen haben.

Fahrlehrer Thiele greift immer wieder helfend ein. Er legt seine Hand auf die „Gas-Hand“ von Bächle und verbessert: „Jetzt gaaaaaanz langsam, das ist eine blöde Ecke hier. Nicht so viel Gas geben! Erst, wenn du das Auto wieder in der Richtung hast, gibst du wieder Gas.“

2008 hat Thiele in Baden-Württemberg als angestellter Fahrlehrer bei Herbert Bühler angefangen. Bühler hatte den Führerschein für Menschen mit Behinderungen vorangetrieben. Damals noch mit dem Berufs∙förderungs∙werk (BFW) Bad Wildbad. Seit 2012 hat Thiele seine eigene Fahrschule. Heutzutage können Prüflinge auch einen Gasring wählen. Dieser ist über das Lenkrad gelegt. Durch das Herunterdrücken dieses Rings wird Gas gegeben.

Der Umbau wird später im Führerschein vermerkt. Menschen mit Behinderungen müssen daher auch Prüfungen machen. Die normale Fahrprüfung und vorher noch das Eignungs-Gutachten. Der Fahrprüfer schaut sich an, ob der Prüfling mit den Umbauten ein Fahrzeug führen kann“, erklärt Thiele. Dieses Eignungs-Gutachten müssen sowohl Fahranfänger, wie Bächle machen, als auch Führerschein-Inhaber, die einen Umbau an ihrem Fahrzeug vornehmen.

Heute werden noch drei weitere Prüflinge von Thiele das Eignungs-Gutachten machen. Einer von ihnen ist Reiner Kalmbach. Er fährt mit Gasring. Er sagt: „Mir war wichtig, dass ich noch eine Hand frei habe. Und das habe ich beim Handbediengerät nicht. Beim Gasring kann ich auch mal beide Hände am Lenkrad lassen.“ Kalmbach hat eine Muskelerkrankung. Dabei schwindet die Muskelkraft mit den Jahren. Heute kann er sich noch auf Stützen bewegen. „Bei einem Unfall kann mir die Gegenseite eine gewisse Teilschuld geben, weil ich nicht wegen meiner körperlich zunehmenden Einschränkung vorgebeugt habe“, erklärt Kalmbach. Er wird sein neues Auto mit einem Gasring ausstatten lassen.

Wir haben Fahrschüler mit einer Behinderung von Geburt an. Und Menschen, die im Laufe ihres Lebens eine Einschränkung erfahren haben. Zum Beispiel einen Schlaganfall. Und auch Menschen mit einer geistigen Einschränkung. Diese müssen allerdings in Deutschland einen IQ von 70 Prozent haben, um die Fahrerlaubnis machen zu können“, erklärt Thiele.

Erklärung: Der IQ ist eine Maßeinheit, der die Intelligenz misst.


Uwe Thiele gibt auch noch neben seiner Fahrschule bei der TÜV Süd Akademie Schulungen im Handicap-Bereich für Fahrprüfer.

Nun wird es für Bächle und Kalmbach ernst. Die Prüferin Pia Zucker setzt sich auf den Rücksitz. Mina Bächle ist als Erste an der Reihe. Für Zucker ist entscheidend, ob Mona Bächle mit dem umgebauten Auto zurechtkommt.

„Beim Eignungs-Gutachten kann ich bei einem Anfänger nicht die Verkehrsregeln erwarten“, sagt die Prüferin. „Wenn ich das Gefühl habe, die Ausstattung passt nicht, dann suchen wir im Zweiergespräch mit Herrn Thiele eine Lösung dafür.“

Nach gut 15 Minuten hat Bächle das Eignungs-Gutachten bestanden. Die Erleichterung ist ihr anzusehen.
Nun geht es für Reiner Kalmbach an den Gasring. Die Prüferin gibt Anweisungen:
„Sie machen mal da vorne gleich eine Vollbremsung.“ Kalmbach drückt die Bremse.

„Ah, das machen wir gleich nochmal.“ Auch Kalmbach erhält nach der zweiten Vollbremsung sein Eignungs-Gutachten. Fahrlehrer Thiele ist sehr zufrieden. Er hat auch für Führerschein-Inhaber ohne Behinderung zum Schluss noch einen Tipp:

„Denken Sie immer daran, die Fahrertür mit der rechten Hand zu öffnen. Dann sehen sie automatisch nach hinten und übersehen keinen Radfahrer.“

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