24. Oktober 2018
Einfache Sprache

„Der VdK steht für unsere persönliche Geschichte“

70 Jahre Tauberbischofsheim: Zeitzeuge Erwin Geier und Mitglied Daniela Antoni erzählen

Erwin Geier (95) und Antoni (39) sind beide Mitglieder. Geier ist Gründungsmitglied des Ortsverbands Kühlsheim. Antoni ist ein junges Mitglied im VdK Grünsfeld.
Zum 70-jährigen Bestehen des Kreisverbands Tauberbischofsheim haben wir mit beiden gesprochen.
Erklärung der Übersetzerin: In diesem Bericht gibt es immer wieder dieses Zeichen (…).
Es bedeutet, dass in den Gesprächen mehr gesagt wurde als hier aufgeschrieben ist.
Das wird oft so gemacht, wenn man nur die wichtigsten Dinge aus einem Gespräch abdruckt. Das soll Zeit und Platz sparen helfen.

Wir sitzen bei Erwin Geier im Wohnzimmer. Vor ihm ist die September-Ausgabe der VdK-ZEITUNG aufgeschlagen.

VdK: Herr Geier, Sie lesen gerade unsere Mitgliederzeitung. Da ist links der Nachruf auf den verstorbenen Ehrenpräsidenten Walter Hirrlinger zu sehen.
Und rechts steht die Meinung der neuen Präsidentin des VdK Deutschland, Verena Bentele. Hirrlinger verstarb vor kurzem mit 92 Jahren. Verena Bentele ist 36.
Wir sitzen in einer ähnlichen Zusammensetzung jetzt hier - Sie mit 95 Jahren und Frau Antoni mit 39.

Erwin Geier: Ja, da haben Sie recht. Ich habe mit fünf anderen hier in Külsheim den Ortsverband des VdK gegründet. Ich war einer der ersten, die mit Kriegsverletzung heimkehrten. Ich wurde mit 17 zum Krieg eingezogen (…)
Sie können sich gar nicht vorstellen, was das damals bedeutete. Mit 17 aus dem Haus und dann weit weg. Ich musste nach Dessau zur viermonatigen Grundausbildung beim Militär.
Ich war vorher ja nur ein oder zwei Mal bei meinen Tanten in Mannheim oder Heidelberg.
Tja, dann ging es als Panzerfahrer nach Russland. Und am 5. Juli 1943 war für mich das Ende. Dann war ich ein Kriegsbeschädigter und ein Schwerbehinderter und gerade 20 Jahre jung. Seitdem bin ich auf Krücken angewiesen. Bis ich wieder zu Hause war, dauerte es aber noch bis zum Winter 1946.

Erwin Geier erzählt von seinem persönlichen Kriegsende und der Irrfahrt nach Hause. Sie führte vom Lazarett in Gera, über Würzburg bis Bad Mergentheim.

Geier: In Mergentheim haben sie mir Knochensplitter und Granatsplitter aus dem Bein geholt. Und dann? Ich war 20 und stand vor dem Nichts! Mein Wunschberuf als Gutsverwalter in der Landwirtschaft konnte ich an den Nagel hängen. Ich wusste im ersten Moment nicht, was ich machen sollte. Ich lag meinen Eltern bis 1947 auf der Tasche. Wir hatten unsere Felder. Damit hatten wir zum Glück auch zu essen. Wissen Sie, der Staat war nicht so geregelt, wie Sie es heute kennen. Sozialhilfe gab es, so wie heute, noch nicht. Außer mir kamen ja auch andere Kriegsversehrte zurück. Und da haben wir uns getroffen. Wir sind aufeinander zugegangen und haben besprochen.
Der damalige Kreisvorsitzende von Tauberbischofsheim hat mich ermutigt, in Külsheim den VdK aufzubauen. Damals gründete ich mit fünf anderen den Verband der Kriegsbeschädigten. Dazu gehörten auch Kriegshinterbliebene und Sozialrentner. „VdK“ steht für unsere persönliche Geschichte.

Was haben Sie zu Beginn im VdK gemacht?
Geier: Wir haben uns erst einmal ausgetauscht. Wenn Sie mit 20 als Kriegsbeschädigter zurückkommen, dann prägt Sie das. So wie die anderen jungen VdKler damals auch.
Dann haben wir uns selbst weitergebildet. Da hat mir niemand geholfen. Ich habe viel im Heimstudium zu unseren Rechten und Ansprüchen gelesen. (…) Nebenher musste ich mir ja auch noch Arbeit suchen. Aber, wenn eine Firma gehört hat, dass ich 100 Prozent kriegsbeschädigt bin, hieß es: „Den können wir nicht gebrauchen.“

Geier schafft dennoch den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Er lernt in der Glasindustrie in Wertheim Glasapparat- und Brandschleifer. Er arbeitet sich später bis zum Abteilungsleiter hoch.

Geier: Bei mir gab es keinen Samstag oder Sonntag. Meine Mutter hat immer gesagt: „Erwin, wann hörst du denn mit diesem VdK auf. Wir können sonntags nicht mal in Ruhe Mittagessen, da sitzen schon drei, vier Leute auf der Treppe und warten, dass du fertig wirst.

Daniela Antoni: Wieso kamen die Leute denn zu Ihnen nach Hause?
Geier: Es gab damals noch keine VdK-Beratungsstelle. Und wir hatten kein Telefon, um einen Termin zu vereinbaren. Also kamen sie auf gut Glück. Das ärgerte eben meine Mutter um die Mittagszeit. Wenn ich für eine Witwe etwas beim Amt nachfragen wollte, musste ich zum öffentlichen Münzfernsprecher. Das kostete ja auch immer Geld.

© VdK

VdK: Frau Antoni, Sie sind seit gut vier Jahren im heutigen Sozialverband Mitglied. Warum sind Sie eingetreten?
Antoni: Ich habe den Sozialverband über die Ausflüge kennen gelernt. Ich komme ursprünglich aus Norddeutschland. Wenn man Kontakt finden will, ist der VdK eine gute Adresse mit seinen Angeboten. Sie sind günstig und familienfreundlich. Das war wichtig für mich. Denn ich habe 3 Kinder. Und wenn es mal ein Problem mit der Gesundheit oder meiner Rente gibt, habe ich die Sozialrechts-Beratung in der Hinterhand.
Herr Geier, ich war übrigens auch acht Jahre bei der Bundeswehr in Külsheim beim Panzerbataillon stationiert. Ich gehöre zu den ersten vier Frauen dort, die 2011 angefangen haben (…) Wenn ich Ihre Erzählungen von den Kriegserlebnissen höre, dann kann ich nur sagen: Es gibt auch heute noch Kriegsversehrte, die aus Afghanistan oder Mali zurück kommen. Ehemalige Kameraden von mir.
Geier: Da haben Sie recht. Der Unterschied zu damals ist aber, dass es heute die Kriegsopfer-Fürsorge und das Bundes-Versorgungsgesetz gibt. Dafür haben wir nach dem Krieg gekämpft. Zu meiner Zeit war das anders. Da wollte das Sozialamt gar nicht, dass ich die Leute so genau aufkläre. Die wollten die Staatskosten einsparen. Das soziale Bewusstsein war da noch nicht so gut wie heute.

Antoni: (…) Aber ich würde mir heute noch mehr soziales Bewusstsein wünschen. Zum Beispiel bei der Mütterrente. Ich arbeite als Tagesmutter. Ich bekomme einen kleinen Bruttolohn für eine Stunde. Davon muss ich noch Steuern und Sozialausgaben zahlen.
Erklärung: Sozialausgaben sind die Beiträge, die man für die Sozialversicherungen zahlen muss.

Wir Tagesmütter sind für den Staat eine günstige Lösung bei fehlenden Krippenplätzen. Auch wenn mir mein Beruf sehr viel Spaß macht, sind 5,50 Euro brutto schon happig. An meine Rente möchte ich gar nicht denken. Darum braucht man den Sozialverband VdK auch heute noch.

VdK: Herr Geier. Der VdK steht heute für Fragen der Sozialpolitik allen Menschen offen. Wie empfinden Sie als Gründungsmitglied den Wandel zum modernen Sozialverband?
Geier: Der Übergang in den 1990er Jahren war das Wesentliche, warum der VdK als Sozialverband so viel Ansehen erlangt hat. Er hat heute ein neues Gesicht. Aber es geht doch um dieselbe Sache wie damals, als ich jung war. Ich wollte beim Arbeitsamt nach dem Krieg umschulen. Die haben nur entgeistert gesagt. „Sie können wir nicht vermitteln“.
Menschen mit Behinderung werden heute aber ganz anders aufgefangen. So etwas wie damals würde heute sicher nicht so geschehen.

Antoni: Ja, da haben Sie recht. Das sehe ich schon bei meinen Tageskindern. Sie lernen schon früh, dass Menschen mit Behinderung ganz normal dazu gehören.
Geier: Ganz genau! Kinder werden schon früh auch sozial erzogen. Das war bei uns leider ganz anders. Gerade wir Kinder auf dem Land waren oft unwissend (…) Es gab keinen Antrieb durch die Eltern. Das lag auch daran, dass sie sich Bildung nicht leisten konnten. Ich habe es ganz anders bei meinen Kindern gemacht. Ich habe sie ermutigt etwas aus ihren Begabungen zu machen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es von manchen Dingen viel zu viel gibt. Und oft haben nur wenige Menschen etwas davon. Ich habe das schmerzlich nach dem Krieg erlebt.

Antoni: Das meine ich auch. Wir brauchen den Sozialverband VdK für gerechte Verteilung.
Geier: Und was mir wichtig ist, dass wir uns mit den Jüngeren verständigen.
Man kann so viele Schulungen machen, wie man will. Der beste Austausch ist immer im persönlichen Gespräch. Manchmal lösen Sie Probleme an der Wirtshaustheke.
Antoni: Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Man kann heute viele Freunde auf Facebook haben, aber die wahren Probleme lösen wie im echten Leben. Und gerne auch über die Altersgrenzen hinweg bei einem Gespräch wie heute!

VdK: Herr Geier, Frau Antoni, danke für das Gespräch.

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