24. Oktober 2018
Einfache Sprache

Pflege-Fachtag in Stuttgart: „Aufwerten und entlasten, mehr braucht man nicht“

Pflege-Fachtag in Stuttgart: Redner fordern bessere Versorgung und Arbeitsbedingungen
Das Bündnis gegen Altersarmut in Baden-Württemberg hatte unlängst zum Fachtag „Armut durch Pflege?“ eingeladen. Der VdK - Landesverband gehört zu den Gründern des Bündnisses.

© ver.di

„Pflege betrifft jeden: betroffene, Angehörige und Beschäftigte im Pflegebereich“.
Das betonte ver.di-Vize Susanne Wenz. Das Ziel des Fachtags war es die Zusammenhänge aufzuzeigen zwischen Pflege und Armut. Landesfrauenrats-Vizin Saskia Ulmer lenkte den Blick auf die Risiko-Gruppe Frauen. Sie sagte: „Wenn wir über Maßnahmen sprechen, müssen wir die Schwächsten im Blick haben“.
Zweidrittel der fast 300 000 Pflegebedürftigen im Land sind Frauen. Auch in Pflegeberufen sind 68 Prozent Frauen tätig.
Peter Schmeiduch vom Ministerium für Soziales und Integration stellte die Ergebnisse vor.
Und die 600 Handlungs-Empfehlungen der Fach-Kommission.
Erklärung: Diese Fachkommission ist eine Gruppe von Fachleuten, die sich mit dem Thema beschäftigen und sich auskennen.
Peter Schmeiduch sagte: „Für die Landesregierung ist das Thema nicht mit der Bundestagswahl 2017 beendet“. Daher wurde für die Haushaltsjahre 2018/2019 der Betrag von drei auf sechs Millionen Euro verdoppelt. Das Land will dadurch auch die Vereinbarkeit von häuslicher Pflege und Erwerbstätigkeit fördern. Und das selbstbestimmte Leben für Menschen mit Betreuungsbedarf zu Hause soll ermöglicht werden. Dafür wurde das Projekt „Quartier 2020“ ins Leben gerufen. Hier werden Wohnmöglichkeiten geschaffen, die für die Zukunft wichtig sind. Und die über die Altersgrenzen hinweg möglich sind. Sie sollen auch die Unterstützungs-Angebote für Menschen mit Demenz ausbauen.
Moderator Romeo Edel führte durch die Gespräche auf dem Podium. Er ist Wirtschafts- und Sozialpfarrer beim kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Esslingens VdK-Kreischef Wolfgang Latendorf sprach sich dafür aus: Menschen mit Betreuungsbedarf sollen so früh wie möglich in Verhältnisse kommen, selbstständig zu leben.

Wechsel der Schwerpunkte

Irene Gölz zeigte die Probleme in den Pflegeberufen auf. Sie ist ver.di- Landes-Fach-Bereichsleiterin Gesundheit. Die Probleme sind: niedrige Löhne, hohes Arbeitsaufkommen, kaum Möglichkeiten zur Fortbildung und hohe körperliche und seelische Belastung. Eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist kaum möglich. Weil die Arbeitszeiten wenig verlässlich sind. Dazu kommt die hohe Teilzeitquote von 77 Prozent. Das heißt, dass 77 Prozent der Menschen in Pflegeberufen nur in Teilzeit arbeiten.

Was tun?

„Aufwerten und entlasten, mehr braucht man nicht“, sagt Gölz. Sie fordert eine Vollversicherung für Pflegebedürftige. Hierbei sollen die Kosten durch die Solidar-Gemeinschaft getragen werden.
Erklärung: Eine Solidargemeinschaft ist eine Gruppe von diesen Menschen: Diejenigen, die gesund sind und arbeiten können unterstützen diejenigen, die krank oder bedürftig sind. Dazu gibt es die Sozialversicherungen. Zum Beispiel die Krankenkasse und die Pflegekasse.
Bernhard Schneider von der Initiative Pro-Pflegereform sprach über eine andere Ausgestaltung einer Pflegevoll-Versicherung. „Wir brauchen einen Schwerpunkt-Wechsel in der Pflegeversicherung, damit die Pflegekosten für alle Pflegenden bezahlbar sind.“ Er warnte davor, dass die Pflegebedürftigen und die Pflegekräfte gegeneinander ausgespielt werden.

Im Anschluss erfolgten Erfahrungsberichte aus Sicht der pflegenden Angehörigen Gisela Vomhof und der Pflegekraft Alexandra Özgül. Vomhof berichtete von den vielfältigen Belastungen. Sie bedauerte, dass es an Zuwendung, Zeit und Lebensqualität fehle. Und: Pflege macht arm. Das hatte sie selbst bei Angehörigen miterleben müssen. Sie ist seit 29 Jahren in der Pflege tätig. Sie berichtete vom zunehmenden Arbeitsdruck, wegen:
Weniger gelernten Vollzeitkräften, weniger Personal, schlechter Bezahlung. Und das alles bei höherem Pflegeaufwand und einer Berichtspflicht, die irre Ausmaße angenommen hat.
Sie sagt: „Zeit, um sich um die Bewohner zu kümmern, gibt es nicht mehr“.
SPD-Bundestags-Abgeordnete Hilde Mattheis diskutierte anschließend mit VdK-Landeschef Roland Sing und Irene Gölz und Bernhard Schneider. Hilde Mattheis ist Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Es ging darum, wie es weitergehen soll in Sachen Pflegeleistungen, Mangel an Personal und Pflegeversicherung. Für Mattheis ist Pflege eine Frage der Gerechtigkeit. Sie fordert eine Bürgerversicherung, damit Pflegebedürftige nicht zu Sozialfällen werden. Einen wichtigen Ansatz sieht Mattheis darin: Bedürftige sollen in ihrem sozialen Umfeld gut versorgt werden können. Hier sind die Kommunen in der Verantwortung, denn „gute Versorgung im Alter ist ein Standortvorteil“.
Erklärung: Standortvorteil bedeutet, dass ein bestimmter Standort Vorteile hat in wirtschaftlichen Dingen. Und das fördert auch den Zusammenhalt einer Kommune.

Mattheis forderte einen Wechsel der Schwerpunkte in der Pflegeversicherung.
VdK-Landesvorsitzender Roland Sing sprach sich für die „Eingliederung der Pflegeversicherung in die Krankenversicherung aus. Damit wären alle Schnittstellenprobleme beseitigt.
Erklärung: bei diesen Schnittstellenproblemen handelt es sich um die Fragen der Zuständigkeit, wenn Pflegebedürftige Leistungen bekommen sollen. Für bestimmte Leistungen bezahlen die Pflegekassen und für bestimmte Leistungen zahlen die Krankenkassen. Aber oft ist die Zuständigkeit nicht ganz klar.

Sing sagt: „Es gibt keinen Pflegebedürftigen, der nicht behandlungsbedürftig ist“.
Und: Mehr Sozialverantwortung wünschte sich Sing in der politischen Debatte.
„Mit großer Sorge habe ich das Konzept der AfD im Sozialbereich gelesen“. Er mahnte zu einer wachsamen demokratischen und solidarischen Grundhaltung.
Außerdem sprach sich Roland Sing sehr deutlich dagegen aus, „die Kranken- und Pflegekasse nicht schon wieder zu plündern, damit eine schwarze Null im Haushalt steht“.
Erklärung: Die schwarze Null ist das Ziel der Finanzpolitik. Das bedeutet, dass keine Schulden gemacht werden sollen für bestimmte Ausgaben.

Sing sagte, dass die Leidtragenden der falschen Finanzpolitik alle Pflegeversicherten sind. Und besonders die Pflegebedürftigen und die Pflegefachkräfte.
Zum Abschluss betonte Sing: „Pflege darf nicht arm machen“.

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