14. September 2018
Einfache Sprache

VdK - Baden-Württemberg trauert um seinen Ehrenvorsitzenden und Alt-Präsidenten Walter Hirrlinger

Er hat den VdK wie kein anderer geprägt

VdK - Baden-Württemberg trauert um seinen Ehrenvorsitzenden und Alt-Präsidenten Walter Hirrlinger

Am 24. Juli ist Walter Hirrlinger im Alter von 92 Jahren in Esslingen verstorben. Er litt an einer kurzen schweren Krankheit. Viele im VdK- Baden-Württemberg werden ihn vermissen. Wir blicken zurück auf sein langes erfülltes Leben. Es war nicht immer leicht. Wir wollen einige Stimmen seiner Weggefährten hören.

Walter Hirrlinger wurde am 24. Juni 1926 in Tübingen geboren. Als Hirrlinger elf Jahre alt ist, stirbt sein Vater mit 58 Jahren. Nun muss er mit seiner Mutter gemeinsam für den Lebensunterhalt aufkommen. Er ist Knappheit und Genügsamkeit gewohnt. 1943 wird er einberufen. Er ist gerade 17 Jahre und gehört zu einer Sturm-Kompanie. Sie wird Anfang 1945 in Ungarn eingesetzt. Während eines Häuserkampfes mit russischen Soldaten trifft ihn eine Kugel in den ersten Halswirbel. Er ist fortan gelähmt und kommt in russische Gefangenschaft. Seine Verletzung rettet ihm wahrscheinlich das Leben. Er kommt Ende Oktober 1945 frei. Kurz danach trifft er in Esslingen ein. Mit großer Anstrengung übt er mit Krücken das Laufen. Zudem beginnt er vom Sofa aus zu schreiben und wird in Esslingen Journalist für die Lokalzeitung.
Ende 1945 wird er von einem Nachbarn für den VdK geworben. Am 15. Februar 1951 steigt er zum Ortsvorsitzenden der Ortsgruppe Esslingen auf. Das bleibt er bis zum Jahre 2014. Er führt den Ortsverband zum mitgliederstärksten in Baden-Württemberg.

Wie alles begann

Daneben bildet sich Hirrlinger im Sozialverband weiter. Er vertritt Mitglieder vor den Sozialgerichten bis hin zum Landessozialgericht.
Er schreibt auch Beiträge für die „Fackel“. Sie ist die Vorläuferin der VdK-Zeitung. Seine große Bereitschaft zum Mitwirken erkennt man auch in der Landesverbands-Zentrale in Stuttgart. Schnell holt man ihn ins Hauptamt. Er wird im September 1953 VdK- Organisations-Sekretär. Wenig später steigt er zum Landesverbands-Geschäftsführer auf. In diesem Amt ist er 13 Jahre lang tätig. Von 1955 bis 1968.
Der heutige Landeschef Roland Sing erinnert sich an ihn und sagt: „Walter Hirrlinger war schon vor über 60 Jahren davon überzeugt, dass nur Geschlossenheit und Gemeinsamkeit zum Erfolg führen können.“ 1955 sorgt Hirrlinger für einen Zusammenschluss der Landesverbände Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. Das ist der heutige Landesverband Baden-Württemberg mit vier Bezirksverbänden.
Hirrlinger lässt das Erholungsheim für Mitglieder und Kriegsopfer in Wolfegg-Alttann erbauen. 1964 ist er vorrangig am zweiten Sozialprogramm des Verbands beteiligt.
„Man könnte ihn als pflichtbewussten Schwaben bezeichnen, aber das trifft es nicht ganz“, meint der Journalist Willi Reiners von den Stuttgarter Nachrichten. Er kennt Hirrlinger aus persönlichen Treffen: „Walter Hirrlinger zählte zu einer Spezies, die in der Politik viel zu selten geworden ist. Er war ein Mann mit Ecken und Kanten. Auch, weil er viel erlebt hat. Hirrlingers Hartnäckigkeit in VdK-Fragen führt aber auch zu Kontakten in die Landespolitik. Daneben läuft seine Parteikarriere in der SPD weiter. Er steigt die Parteileiter hoch: Vom Gemeinderat über den Fraktionsvorsitz im Landtag wird er Arbeits- und Sozialminister in der großen Koalition unter Hans Filbinger (CDU). Das war 1968-1972.
Erklärung der Übersetzerin: Eine Fraktion ist die Gruppe aller Mitglieder einer Partei im Landtag oder Bundestag. Jede Fraktion hat einen Vorsitzenden.

Autorität mit Humor

von links: Norbert Blüm, Helmut Kohl, Walter Hirrlinger | © Archiv

Carin E. Hinsinger, Landesfrauen-Vertreterin und ehemalige Vize-Präsidentin im VdK-Deutschland sagt von Hirrlinger: „Er war Autorität mit Humor, das habe ich im Präsidium im Landesverband und als guter Freund mit ihm erlebt. Er hat die Freude am Helfen bis zuletzt nie verloren. Die Frauen im VdK waren ihm sehr wichtig.“ Wolfgang Drexler, heute SPD-Landtags-Abgeordneter für Esslingen sagt: „Für mich war er am beginn meiner politischen Laufbahn die große politische Persönlichkeit überhaupt. Besonders auch deshalb, weil er immer viel Energie in die Gespräche mit Menschen jeder Herkunft gesteckt hat.“ Hirrlinger wird mit 42 Jahren jüngster Minister für Arbeit und Soziales in Baden-Württemberg. Er sorgte für Maßnahmen für den Arbeitsschutz. Er sorgte auch für die Erforschung von Arbeitslosigkeit. Daraus entsteht der erste Sozialbericht Baden-Württemberg 1970. Sein Leitbild ist die produktive Sozialpolitik. Das heißt: Staat, Gesellschaft und Wirtschaft will Hirrlinger gemeinsam für die Zukunft gestalten.
Ihm ist die Teilhabe von Menschen mit Behinderung wichtig. Dazu gehören die Arbeitsbedingungen in den beschützten Werkstätten.

Von allen geschätzt

Hirrlinger kennt selbst die Barrieren einer Behinderung. Auch durch seine Tochter Claudia, die 1959 geboren wird und später an Hirnhautentzündung erkrankt. Später wird Hirrlinger der erste Präsident der europäischen Behinderten-Organisation. Sie heißt Action Européenne des Handicapés. Die Abkürzung ist AEH.
VdK-Landesverbandschef Roland Sing betont: „Hirrlinger war über den VdK und alle Parteigrenzen hinweg sehr geschätzt. Und selbst Norbert Blüm, der ehemalige Bundes- und Sozialminister (CDU) sagt von ihm: „Walter Hirrlinger war ein Fels in der neoliberalen Brandung, die versuchte den Sozialstaat zu unterspülen.“ Erklärung der Übersetzerin: Norbert Blüm meinte damit, dass Hirrlinger dafür sorgte, dass der Staat die sozialen Belange für die Menschen im Blick behält.
Hirrlinger verteidigte die gute alte Rentenversicherung. Blüm sagt weiter: „Ich habe ihn sehr geschätzt, weil er verlässlich war – ein Mann ein Wort.“ Blüm erinnert sich auch an diese Geschichte: „Walter Hirrlinger und ich vereinbarten, uns zu duzen, wenn wir es gemeinsam schaffen sollten, die Kindererziehungs-Zeiten in der gesetzlichen Rente zu verankern.“ Dieses Ziel wird in der gesetzlichen Rente 1986 festgeschrieben. Es ist die Zeit, in der die 38,5-Stunden-Woche eingeführt wird (1984). Aber auch die vom VdK kritisierte Gesundheitsreform tritt 1989 in Kraft.
Erklärung der Übersetzerin: Die Gesundheitsreform 1989 hatte zum Ziel Geld einzusparen. Dafür wurden manche Leistungen für Patienten zu deren Nachteil verändert oder ganz abgeschafft.

Walter Hirrlinger war von 1972 bis 1986 Geschäftsführer des gewerkschaftlichen Wohnungsunternehmens „Neue Heimat Baden-Württemberg“.
Hirrlinger wird 1982 in das Präsidium des VdK Deutschland gewählt. Davor hatte er den Schatzmeisterposten.
1990 wird er auf dem 11. Bundesverbandstag zum Präsidenten des VdK Deutschland gewählt. In diesem Amt wird er 18 Jahre auf Bundesebene aktiv sein.

Neues Leitbild

Fast zeitgleich ist Hirrlinger von 1992 bis 2004 auch Landesverbands-Vorsitzender in Stuttgart. Er stößt Entscheidungen an auf Landes- und Bundesebene. Er bindet nach der deutschen Wiedervereinigung fünf neue Landesverbände ein. Er benennt den Verband von VdK in Sozialverband VdK um. Und er gibt ihm ein neues Leitbild. Er stellt den Sozialverband VdK nebenbei als Interessens- Vertretung der Rentner in Deutschland auf.
In den Jahren um 2000 läuft Hirrlinger gemeinsam mit Gewerkschaften und anderen verbänden Sturm gegen den Sozialabbau und die Agenda 2010.
Erklärung der Übersetzerin: Sozialabbau bedeutet, dass eine Regierung die Fürsorge für bedürftige Menschen einschränkt. Die Agenda 2010 war das Programm der Regierung, das der damalige Kanzler Schröder mit auf den Weg gebracht hat. Dazu gehörte die Einführung von Hartz IV.

Im Jahr 2004 gibt Hirrlinger seine Ämter auf Landesebene ab. 2008 gibt er sie auf Bundesebene ab, um mehr Zeit für das Privatleben zu haben.
Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau. Diese Weisheit ist im Falle des Ehepaars Hirrlinger sogar wörtlich gemeint.
Der Biograf von Hirrlinger, Johannes Roskothen schrieb dazu: „Lore Hirrlinger trug (!) ihren Walter -mit Körpergröße 1,87 Meter – die Treppe in die mütterliche Wohnung hinauf. Grenzenloses Vertrauen scheint ein Grund für ihre lebenslange Ehe zu sein.“ SPD-Mann Drexler betont dabei aber: „Lore Hirrlinger war nicht nur die Ehefrau an seiner Seite. Das Politikverständnis, das sich am Menschen orientiert, war nur möglich durch die umfassende Unterstützung seiner Frau Lore. Sie war gemeinsam mit ihrem Mann ungeheuer engagiert. Das hat mich sehr beeindruckt und geprägt.

Gemeinsam stark

Lore Hirrlinger war fast 50 Jahre Kassiererin im Ortsverband Esslingen. Sie war Gründungs-Vorsitzende des VdK Seniorenclubs (1984).
Carin E. Hinsinger sagt über sie: „Lore hat uns Frauen im Sozialverband VdK immer unterstützt. Sie wurde von uns Frauen verehrt. Sie ist die Grande Dame des Ehrenamts.“ Lore Hirrlinger war auch Vorstandsmitglied der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Und sie war Gründungsmitglied der Sozialstation Esslingen. Erstmals kam hier in Esslingen das „Essen auf Rädern“ nach Hause.
Lore Hirrlinger war auch parteipolitisch für die Esslinger SPD als Gemeinderätin aktiv.
Hans-Josef Hotz, der amtierende Landesverbands-Geschäftsführer erinnert sich: „Walter und Lore Hirrlinger waren ein echtes Team.“ Bei der Trauerfeier in Esslingen sagte Roland Sing: „Mit dem Tod von Walter Hirrlinger verlässt eine große Persönlichkeit für immer unsere Organisation. Diese Persönlichkeit hat unseren Sozialverband VdK nach dem Krieg mit aufgebaut. Sie hat jahrzehntelang durch mutige, weitblickende Ideen und handelnde Anstöße dazu beigetragen, dass der VdK zu einem unverzichtbaren Sozialverband wurde. Und zwar für die Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.“

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