12. Juni 2018
Einfache Sprache

„Er ist drin, er ist drin – das war Nils Petersen!!!“

VdK-Mitarbeiterin Priya Bathe traf die Freiburger Blindenreporter Niklas Batsch und Stefan Haupt im Schwarzwaldstadion

Niklas Batsch sagt: „Wir können das Spiel nicht laufen lassen, ohne was zu sagen.“ Niklas Batsch ist Blinden-Fußballreporter.
Es ist Samstag, der 28. April 2018. Um 15.30 Uhr ist Anpfiff im Schwarzwaldstadion in Freiburg. Es geht um alles, den Klassenerhalt in der 1. Bundesliga. Der SC steht auf dem drittletzten Tabellenplatz.

© Priya Bathe

Zu Gast ist der 1. FC Köln. Er hat noch mit einem Sieg Chancen auf den Verbleib in der 1. Liga.
Niklas Batsch und Stefan Haupt sitzen im Presseraum des Stadions und besprechen die Aufstellung. Die beiden sind zwei von fünf ehrenamtlichen Blindenreportern des SC Freiburg. Sie sind leicht zu erkennen. Auf ihrem blauen Überwurf steht in weißen Buchstaben „Bühnenreporter“ geschrieben. „Im November haben wir damit angefangen“, erzählt Batsch. Er hat Medienkultur∙wissenschaft studiert. Er hatte damals, als 16- Jähriger, zur Vorbereitung einen Workshop besucht. Vier seiner Kollegen waren dabei. Sie bekamen ihr Handwerk vom Leverkusener Blindenreporter Björn Nass beigebracht.
„Der Unterschied zur normalen Reportage ist das ständige berichten während eines Spiels. Wir sind die ganzen 90 Minuten dabei, das ganze Spiel über“, erklärt Batsch.
Es wird immer in Zweierteams gearbeitet, um regelmäßig abwechseln zu können.
„Die Hauptaufgabe ist die Verortung“, sagt Haupt. Damit ist gemeint, dass der Reporter genau beschreiben muss, wo der Ball ist. Und wie die Spieler agieren. Und natürlich auch die Schiedsrichter.
Die beiden Reporter gehen auch die Vorschaumappe durch. „Diese bekommen alle Blindenreporter vorab von der Deutschen Fußball-Liga (DFL).
Das sind rund 60 Seiten Zusatzinfos. Die brauchen wir auch, denn wir können das Spiel nicht laufen lassen, ohne was zu sagen. Und wenn ein verletzter Spieler gerade auf dem Spielfeld versorgt wird, können wir den Hörern aus der Mappe zusätzliche Infos geben“, sagt Niklas Batsch.
Um 15 Uhr gehen die beiden Reporter auf die Haupttribüne. Im Freiburger Stadion können bis zu 6 blinde oder sehbehinderte Zuschauer den Dienst der Blindenreporter in Anspruch nehmen. So viele Funkstrecken stehen zur Verfügung.
Erklärung der Übersetzerin: Funkstrecken sind die Wege zwischen dem Reporter und dem blinden Hörer. Sie sind durch die Endgeräte miteinander verbunden.
So können die Zuhörer alles verstehen, was die Reporter sagen.

Stefan Haupt und Niklas Batsch wissen nicht, ob heute alle 6 Plätze über den Ticketshop verkauft wurden. Nur eins ist sicher, 3 Plätze gehören Besitzern von Dauerkarten des SC Freiburg.
Wer die anderen 3 Plätze über den Ticketshop bucht, muss nachweisen, dass er blind oder sehbehindert ist. Mit einem Schwerbehinderten∙ausweis zum Beispiel.
Batsch und Haupt machen einen Gerätecheck. Alles ist in Ordnung.
Zwei Frauen mit Blindenstock und Begleitern kommen die Tribüne hoch. Stefan und Niklas begrüßen die beiden. Sie übergeben ihnen die Kopfhörer und Funkstrecken.
„Wir kennen die Fans sehr gut. Das sind Nina Schweppe und Regina Hillmann, Köln-Fans aus Hamburg“, sagt Stefan Haupt. Er hat vor 4 Jahren ein sinnvolles Ehrenamt übernehmen wollen. Er ist gelernter Bankkaufmann. Seitdem arbeitet der leidenschaftliche SC-Fan im Schwarzwaldstadion als Blindenreporter.
„Wir begrüßen die Fans aus der Dom-Stadt, dröhnt es kurz vor Spielbeginn aus den Lautsprechern.“ Dann ertönt das Badener- Lied, die SC-Hymne. Danach die Aufstellung beider Mannschaften. Anpfiff ist dann auch für Stefan Haupt und Niklas Batsch: „Ja, herzlich willkommen bei schönstem Wetter an der Schwarzwaldstraße“, begrüßt Haupt die beiden sehbehinderten Zuhörer.
Die beiden Reporter wechseln sich im 10-Minuten-Takt ab. Dabei schauen sie nicht genau auf die Uhr. „Das hängt vom Spielverlauf ab. Natürlich übergebe ich nicht an Stefan, wenn gerade eine rasante Szene in Gang ist. Das ist klar“, sagt Batsch.
„Bei Anstoß ist Sonnenschein“ (…) „13 Meter vor dem eigenen Tor“ (…) „das Spiel wird gerade entschleunigt“ (…) „20 Meter vor dem Tor, halblinke Position, zieht rechts am Tor vorbei, aber keine Chance“. „Der Schiedsrichter ahndet bisschen Bein und ruppigen Körpereinsatz mit einer gelben Karte“. „Die Haupttribüne springt auf! Er ist drin, er ist drin, das war Nils Petersen!!!“ (vom SC Freiburg).
Die beiden Reporter sind exakt am Spiel, verorten und sind natürlich mit dem Herz bei ihrer Heimmannschaft. Das stört die beiden blinden Köln-Fans Regina Hillmann und Nina Schweppe nicht. „Bei Auswärtsspielen hören wir natürlich die Sympathie zum Heimatverein bei den Reportern heraus“, sagt Schweppe. „Das ist auch total okay. Entscheidend für uns ist, dass genau berichtet wird.“
Die Reporter müssen am Spiel bleiben. Die Verortung ist das A und O.
„Die Reporter sind quasi die Dolmetscher, die 90 Minuten für uns übersetzen“, ergänzt Schweppe. Die beiden Frauen sind eingefleischte Köln-Fans. Sie kommen aus Hamburg und fahren zu allen Heimspielen nach Köln und mit dem Fan-Bus des 1. FC Kölns auch zu allen Auswärtsspielen. Heute Morgen sind sie bereits am Vortag angereist. „Wir mieten dauerhaft eine Ferienwohnung in der Nähe von Köln. Die direkte Anreise über Hamburg wäre zwar einfacher, aber es geht auch um das Gemeinschaftsgefühl mit den anderen Fans im Bus“, sagt Hillmann.
Die beiden Frauen sind auch Vorsitzende des Fanklubs Sehhunde e.V., ein Fußball-Fanklub für Blinde.

In die zweite Halbzeit geht es mit 1:0 für die Heimmannschaft.
Während Haupt berichtet, gibt ihm Batsch mit Handzeichen Hinweise, dass sich ein Kölner Spieler für den Wechsel bereit macht.
Aber nicht immer läuft es so reibungslos ab, wie heute: „Im Spiel gegen Hoffenheim hatten wir nach fast 30 Minuten Stromausfall im Stadion. Alle 6 Blindenplätze waren an dem Tag gebucht. Wir drei haben uns dann spontan zwischen die blinden Fans gesetzt. Wir haben ohne Kopfhörer alle drei gleichzeitig und ohne Pause 60 Minuten am Stück berichtet. Danach war meine Stimme fast weg“, lacht Batsch.
Nach 60 Minuten spürt man die Anstrengung, auch, wenn man sich abwechselt“, sagt Batsch.
Davon ist heute allerdings nichts zu merken. Kein Wunder, denn die zweite Halbzeit hat es in sich: Köln gleicht das zwischenzeitliche 2:0 der Freiburger zum 2:2 aus.
Und in der 93. letzten Spielminute schießt Freiburg dann doch den Siegtreffer. „Freistoß in der 93. Minute!!!!! Höler, Lucas macht das 3:2 und das ist der Sieg für den SC Freiburg. Abpfiff, liebe Zuhörer! Was für ein Fußball-Krimi!!!“

Zum Schluss:
Nach Saisonende konnte der SC Freiburg in der 1. Bundesliga verbleiben.
Der 1. FC Köln ist dagegen abgestiegen.
In Baden-Württemberg können sehbehinderte Menschen Erstligaspiele bisher beim 1899 Hoffenheim, SC Freiburg und dem VfB Stuttgart hören.

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