12. Juni 2018
Einfache Sprache

„Der nahe Austausch verändert die Gesellschaft“

Behindertenbeauftragte Stephanie Aeffner möchte schon Schülern Teilhabe nahebringen

Erklärung der Übersetzerin:
Beim Thema „Teilhabe“ geht es grundsätzlich darum, dass Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen der Gesellschaft beteiligt werden.
In diesem Artikel liegt der Schwerpunkt auf der Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Die VdK-Zeitung sprach mit der Landesbehinderten∙beauftragten Stephanie Aeffner über die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt. Frau Aeffner, wie stellen Sie sich die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Idealfall vor?

Behindertenbeauftragte Stephanie Aeffner

Stephanie Aeffner: Wenn alle Barrieren für Teilhabe keine Rolle spielen. Und wenn alle Nachteile ausgeglichen werden. Aber das ist nur eine Idealvorstellung. In der Wirklichkeit sieht es anders aus. Wir müssen uns fragen: wie kann man darauf aufmerksam machen? Wie kann man erreichen, dass Vielfalt selbstverständlich wird und dass Menschen sie akzeptieren. Und dass Gleichheit herrscht?
Mein Traum ist es, dass jeder Schüler in seinem Schulleben eine Art Anti-Behinderungswoche miterlebt. Dabei sollen Schüler von Menschen mit Behinderungen geschult werden, die sich fachlich gut auskennen.
Der nahe Austausch verändert die Mehrheitsgesellschaft. Sie wird für die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen aufmerksamer. Das kann auch für die Arbeitswelt gelten. Nicht nur der Mensch mit Behinderungen muss sich anpassen, sondern auch seine Umwelt auf sie. Seine Kollegen und die Arbeitgeber.

Sie geben das Stichwort für meine nächste Frage. Arbeit 4.0, also die Digitalisierung der Arbeit, durchzieht immer mehr Arbeitsbereiche. Wie schätzen Sie diese Entwicklung für Menschen mit Behinderungen ein? Erklärung der Übersetzerin: Digitalisierung bedeutet: Abläufe und Fakten werden elektronisch verarbeitet und gespeichert. Vieles, was bisher durch Menschen gemacht wurde, wird von Maschinen und elektronischen Geräten übernommen. Dafür steht der Begriff 4.0.
Techniken können ein paar Dinge ausgleichen. Aber für Menschen mit Behinderungen oder seelischen Behinderungen ist es eher schwierig, bei Arbeit 4.0 mitzuhalten. Ich möchte das an einem Beispiel erklären:
Früher war eine Reinigungskraft in einem Unternehmen beschäftigt, wie jeder andere Angestellte auch. Heute ist diese Arbeit bei speziellen Unternehmen ausgelagert und wesentlich anstrengender geworden. Denn Reinigungskräfte müssen genaue Zeiten einhalten und von einem Kunden zum anderen wechseln. Sie haben also viel Zeitdruck. Für Menschen mit Behinderung ist dieser eigentlich einfache Beruf stressiger geworden. Daher gibt es einen Teil von Menschen mit Behinderung, der sich durch Arbeit 4.0 wahnsinnig bedroht fühlt. Die Digitalisierung verschärft dieses Problem zusätzlich. Natürlich gibt es Bereiche, die von Arbeit 4.0 Vorteile haben.
Zum Beispiel der IT-Bereich. Hier arbeiten aber verschwindend gering Menschen mit Behinderung.
Erklärung der Übersetzerin: IT-Bereich ist die Internet-Technik.

Wie könnte man hier gegensteuern?
Es geht grundsätzlich um das Thema Entgrenzung von Arbeit. Und darum, dass man immer erreichbar sein muss. Durch diese Entwicklung können Behinderungen wie seelische Belastungen zunehmen. Wir müssen also Regeln finden.
Eine Idee wäre, dass E-Mail-Server ab einer bestimmten Uhrzeit keine beruflichen E-Mails mehr auf das Handy von Mitarbeitern schicken.
Jetzt komme ich nochmal auf das Thema Integration von Menschen mit Behinderungen: Verständnis für Vielfalt findet eben auch nicht im Homeoffice statt, das in der Arbeit 4.0 stetig zunimmt. Wir brauchen den aktiven Austausch von Angesicht zu Angesicht, um uns gegenseitig zu verstehen.
Erklärung zu Homeoffice: Hier arbeiten Menschen am PC von zuhause aus.

Welche Maßnahmen braucht es, damit Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt unterkommen?
Mit Beschäftigungen für einfachere Arbeiten kommen Menschen aus den Werkstätten heraus. Hier muss die öffentliche Hand, also Städte und Gemeinden, wieder Arbeitgeber sein. Und wieder soziale Verantwortung übernehmen. Das heißt, die ausgelagerten Beschäftigungs∙verhältnisse müssen wieder zurückgeholt werden. Für die Bezahlung dieser Beschäftigungs∙verhältnisse steht seit Anfang des Jahres ein Betrag für Arbeit zur Verfügung.
(Anmerkung der Redaktion: Ein Programm, das im Rahmen des Bundesteilhabe∙gesetzes (BTHG) aufgelegt wurde, soll Menschen mit Behinderungen
einen anderen Arbeitsplatz außerhalb der Werkstatt ermöglichen.)

Der Lohnzuschuss vom Bund reicht aber nicht aus, um tarifliche Löhne zu zahlen. Deshalb hat das Land eine Verordnung zur Anhebung dieses Zuschusses beschlossen.

Der Sozialverband VdK fordert, dass die Einkommens∙anrechnung und die Vermögens∙anrechnung für Menschen mit Behinderung gestrichen wird. Können Sie die Forderung des VdK stützen?
Das habe ich immer gefordert und das ist auch heute noch meine Forderung.
Aber politische Entscheidungen hängen nicht von Forderungen Einzelner ab.
Dabei geht es immer um Mehrheits∙verhältnisse. Und darum, dass ein gemeinsamer Weg gefunden wird.

Das Land Baden-Württemberg erfüllt die gesetzlich vorgeschriebene Zahl für die Einstellung von Menschen mit Behinderung nicht. Es sind nur 4,86 Prozent der Beschäftigten. Woran liegt das?
Das liegt an der Überalterung der Beschäftigten im Land. Sehr viele Menschen mit Behinderung sind in den vergangenen Jahren aus dem Dienst ausgeschieden.
Das konnte nicht mit Neueinstellungen ausgeglichen werden. Dadurch ist die Zahl von 6 Prozent nicht erreicht worden. Diese Zahl haben wir uns übrigens selbst auferlegt.

Müsste man die Ausgleichsabgaben stark erhöhen, damit die Wirtschaft diese Zahl erfüllt?
Man könnte die Zahl erhöhen. Zum Beispiel auf die angesprochenen 6 Prozent. Das würde die Industrie nicht umbringen. Und man könnte die Ausgleichsabgaben erhöhen. Aber was wir wirklich brauchen, ist ein Zusammenführen von Menschen mit Behinderung und Arbeitgebern. Es geht darum über Unwissenheit aufzuklären. Und es müssen Wege gefunden werden, die es beiden Seiten erleichtern, Menschen mit Behinderung einzustellen.
Man muss in Unternehmen gehen und sie aufklären. Zum Beispiel über Vorurteile von Depressionen und hohen Fehlzeiten. Und über geringe Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderung.
Arbeitsagenturen, Rentenversicherungen oder auch Fachberatungsstellen müssen signalisieren: ‚Ihr Unternehmer könnt auf uns zählen und ihr Menschen mit Behinderung auch. Wir sind eure Begleiter. Das hat zwei Effekte: der Betroffene hat fachliche Unterstützung und gleichzeitig erfährt der Unternehmer die Leistungsbereitschaft von Menschen mit Behinderung. Nachhaltige Veränderung kriegen wir hin, wenn wir gemeinsam leben und nicht Menschen aussortieren in Sonderwelten.
Frau Aeffner, wir danken Ihnen für das Gespräch und freuen uns auf ihr Referat bei der SBV-Schulung am 4. Juli 2018 in Heilbronn.
Vielen Dank, ich freue mich auch.

Anmerkung der Übersetzerin: die SBV-Schulung ist eine Schulung für Schwerbehindertenvertreter.
Zur Person von Stephanie Aeffner
Sie ist seit September 2016 Landesbehinderten∙beauftragte. Im März 2018 wurde die Umwandlung des Amtes in ein Hauptamt beschlossen. Aeffner setzt sich für die Verbesserungen des Alltags von Menschen mit Behinderungen ein. Sie will die Umsetzung der UN-Behindertenrechts∙konvention in Baden-Württemberg voranbringen.
Erklärung der Übersetzerin: Die UN-Behindertenrechts∙konvention ist eine gemeinsame Übereinkunft verschiedener Länder, die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzen und dazu bestimmte Gesetze erlassen haben.

Frau Aeffner studierte Sozialpädagogik an einer Fachhochschule. Sie arbeitete beim Zentrum selbstbestimmtes Leben Stuttgart e.V. Dort begleitete sie Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige. Und sie war für die Entwicklung und Durchführung von Inklusionsprojekten zuständig. Aeffner wird am 4. Juli 2018 auf der 16. Landesweiten VdK-Schulung für Schwerbehinderten∙vertreter, Betriebsräte und Personalräte als Referentin in der Heilbronner Harmonie sprechen.

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