Einfache Sprache

Deutschland im Blindenfußball Entwicklungsland

Erklärung vorweg: Dieses Interview haben wir gekürzt. Deshalb stehen an manchen Stellen die Zeichen (….). Es bedeutet, dass an dieser Stelle Teile von Gesprächen geführt wurden, die wir hier nicht abgedruckt haben.
Textstellen, die mit einem Fragezeichen ? angeführt werden, sind Fragen der Interviewerin. Die Antworten von Mulgheta Russom, werden durch ein
! Ausrufezeichen eingeleitet.

VdK sprach mit Nationalspieler und Trainer Mulgheta Russom aus Stuttgart über die EM in Berlin und seine tägliche Arbeit.

Vom 18. Bis 26. August fand die IBSA- Blindenfußball-Europameisterschaft in Berlin statt. Das deutsche Team schaffte es bis ins Viertelfinale.
Den Titel holte Russland. Spanien wurde Vize-Europameister.
VdK-Mitarbeiterin Priya Bathe für Marketing sprach mit dem deutschen Nationalspieler Mulgheta Russom. Er war als Sechsjähriger mit seiner Familie aus Eritrea nach Deutschland gekommen. 1998 wurde er blind, als Folge eines Autounfalls. Bis dahin spielte er bei der TSG Tübingen in der Landesliga.
Heute ist der 39 Jährige Kapitän der Blindenfußballmannschaft des MTV Stuttgart. Der MtV Stuttgart ist fünffacher deutscher Meister. Seit 2007 spielt Russom in der Nationalmannschaft.

Mulgheta Russom im Zweikampf für Deutschland
Mulgheta Russom im Zweikampf für Deutschland

? Wie funktioniert Blindenfußball?
! Wir spielen auf einem Feld in der Größe eines Handballfeldes. Es ist links und rechts von Banden geschützt. Damit kann man sich besser orientieren. Jede Mannschaft steht mit vier blinden Spielern und einem sehenden Torwart auf dem Platz. Der Trainer steht als sehender Guide an der Mittellinie hinter der Bande. Und ein sehender Torguide steht hinter dem gegnerischen Tor.
Erklärung: Guide ist ein englisches Wort und bedeutet Führer.

Die Guides (…) rufen uns zu. Zum Beispiel „links, links, links“ und zeigen damit die Richtung des Balls an. Unser Fußball ist kleiner und härter als der normale Fußball. Zudem ist er innen mit 6 Rasseln ausgestattet, sodass wir ihn hören können. Deshalb muss das Publikum während des Spiels völlig ruhig sein. Wir Spieler müssen einen guten Orientierungssinn haben. Wir müssen uns sehr auf unsere Mitspieler konzentrieren und gut miteinander kommunizieren. Das wichtigste Wort im Blindenfußball ist „voy“. Es bedeutet, „ich komme, ich gehe“.
Jeder Spieler muss spätestens im Drei-Meter-Abstand zum nächsten Spieler „voy“ zurufen. Damit werden schwere Zusammenstöße und Verletzungen verhindert.
Es werden zwei Halbzeiten gespielt von jeweils 20 Minuten.
In die Nationalmannschaft werden nur Spieler berufen, die völlig blind sind.
In der Bundeliga gelten andere Bedingungen. Dort werden auch Spieler zugelassen mit einer kleinen Restsehfähigkeit. Damit aber alle „gleich blind“ sind, werden die Augen mit Eyepads abgeklebt. Darüber kommt dann eine Binde. Dazu kommt noch ein gepolsterter Kopfschutz.
Erklärung: „Eyepads“ ist ein englisches Wort. Damit sind runde Stoffteile oder Watteteile gemeint, mit denen man die Augen abdecken kann.

Mulgheta Russom beim Torschuss für den MTV Stuttgart
Mulgheta Russom beim Torschuss für den MTV Stuttgart

? Sie spielen seit Anbeginn beim MTV Stuttgart. Und Sie sind von Anfang an in der Nationalmannschaft dabei?
! Ja! Wir haben in dieser Saison acht Mannschaften in Deutschland. Ich habe hart trainiert. Und wurde in die Nationalmannschaft berufen. 2007 konnte ich dann schon mit zur EM nach Athen fahren, (…)

? Die EM fand dieses Jahr erstmals in Deutschland statt. Wie waren die Stimmung und das Interesse an Ihrem Sport?
! Die Spiele waren oftmals komplett ausgebucht. Man muss das einfach mal miterleben, vor mehr als 2000 Zuschauern zu spielen. Wir bekamen von den Medien viel Aufmerksamkeit. Dadurch haben wir viele neue Zuschauer angelockt.

? Wie kommen Sie zu Ihren Nachwuchs?
! Grundsätzlich können Jung und Alt bei uns spielen. Um Leute zu gewinnen, muss man sie aktiv ansprechen. Zum Beispiel in Blindenschulen. (…) Wir machen das alles übrigens nebenher, ehrenamtlich. Deutschland ist beim Blindenfußball leider noch Entwicklungsland.

? Werden Sie denn nicht gefördert?
! Die acht Bundesligateams bekommen von der Sepp-Herberger-Stiftung eine Förderung. Das reicht aber nicht für alles. In Stuttgart erhalten wir Spieler, zum Glück, die Unterstützung des MTVs. Er stellt den Trainer und sorgt für den reibungslosen Ablauf der Spiele, mit allen Vorbereitungen und Fahrten zu den Spielen.
Für die Nationalmannschaft haben wir uns einen eigenen Freundes- und Förderkreis aufgebaut. Er unterstützt uns nach Kräften. Aber er kann natürlich nicht alles abdecken. Ich wünsche mir eine größere Wertschätzung für den Blindensport.

? Was ist mit dem Deutschen Fußballbund (DFB)?
! Für die Nationalmannschaft wäre es natürlich besser, wenn wir beim DFB angesiedelt wären. Dann hätten wir eine bessere Unterstützung. Blindenfußball ist aber dem Deutschen Blindensportverband angegliedert.

Erster Blinder Fitnesstrainer Deutschlands
Erster Blinder Fitnesstrainer Deutschlands

? Was empfehlen Sie Menschen, die viel später nach ihrer Geburt erblinden?
! (….) Nach meinem Unfall lag ich sehr lange im Krankenhaus. Das wichtigste nach so einem Schicksalsschlag ist: „Lerne, dich selbst mit deiner Blindheit zu akzeptieren!“ Das geht leider nur sehr langsam, aber es kommt. Dann muss man sich fit machen fürs neue Leben nachher. Ich bin in die Blindenschule gegangen. Da habe ich die Blindenschrift –Braille- lesen gelernt. Aber auch blind zu schreiben, am Computer zu arbeiten und den Blindenstock zu nutzen.
Wenn ein Sinn ausfällt, dann schärfen sich deine anderen Sinne, „nutze diese!“

? Sie sind der erste blinde Fitness-Trainer Deutschlands. Sie sind auch Personaltrainer. Wie „sehen“ Sie, ob Ihr Klient einen Fehler bei der Bewegung macht?
! Ich sehe mit den Händen. „Stehen Sie auf und machen Sie eine Kniebeuge“.
Russom tastet den Rücken und die Kniegelenke der Interviewerin ab, während sie eine Kniebeuge macht.
„Stopp! Falsch- die Knie dürfen nicht so weit ausscheren, der Rücken muss gerade sein – stehen Sie gerade!“ Sehen Sie, das meine ich, wenn ich mit meinen Händen „sehe“. Ich kontrolliere mit meinen Händen. Das Training ist für den Klienten dadurch auch intensiver, weil ich die Kleinigkeiten spüre. Als Blinder fühlst Du intensiver (…).

? Wie sieht es in Ihrem Alltag für Sie aus?
! In meiner Nachbarschaft kenne ich mich natürlich aus: Blindenstock auf und los.
In fremder Umgebung habe ich mehr Sicherheit, wenn meine Begleitung mich führt.
Ich lege meine Hand auf die Schulter meiner Begleitung. Ich kann mich dann der Bewegungsrichtung meiner Begleitung anpassen. (….)

? Wie sollen Sehende Sie behandeln?
! Ich sage immer. Lieber fragen, als dumm anstarren. Wenn jemand erst eingreift, wenn es zu spät ist, dann ist keinem geholfen. Ich kann ja „Nein“ sagen, wenn ich etwas nicht möchte.
Bei Kindern mache ich eine Ausnahme. Ich lasse sie helfen, auch wenn ich ihre Hilfe gar nicht brauche. Es geht darum, dass sie ein Erfolgserlebnis haben. Sie sollen auch verstehen, dass wir Menschen mit Behinderung nicht unnahbar sind. Dass wir ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind.

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