26. September 2019
    Presse

    Heimvertrag, Smart Home und Fünf Esslinger – ein vielseitiges Nachmittagsprogramm

    2019 gab es nach Podiumsdiskussion und Vorträgen rund um die brisanten Themen „Armut durch Pflege“ und „Pflegenotstand“ am Vormittag für die rund 1300 Teilnehmer nachmittags wertvolle Tipps rund um den Heimvertrag aber auch in Sachen Smart Home und AAL, den alltagsunterstützenden Assistenzlösungen.

    © natasha-spencer/unsplash.com

    Und zum Abschluss war im Beethovensaal Mitmach-Gymnastik mit Balance- und Lockerungsübungen angesagt. Außerdem kamen, wie schon in 2018, die Lachmuskeln beim VdK-Gesundheitstag 2019 nicht zu kurz. Dafür sorgte einmal mehr der Esslinger Facharzt Dr. Martin Runge. Doch zunächst hieß es nach der Pause „Aufgepasst beim Heimvertrag!". In diese zwar recht trockene aber für Heimbewohner und deren Angehörige immens wichtige Thematik führte Mirko Hohm, von der Leitung des Bereichs Ältere Menschen und Pflege von Der Paritätische Baden-Württemberg, ein.

    Regelungen im Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG)

    Hohm informierte die Anwesenden, dass das Heimgesetz bereits im Jahr 2006 durch das bundesweit geltende Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG) abgelöst wurde. Es erfasst Verträge, in denen die Überlassung von Wohnraum mit der Leistung von Pflege- oder Betreuung verbunden ist. Die Verbraucher sollen durch das WBVG vor einer übergroßen Abhängigkeit von Unternehmen, sprich Heimbetreibern, geschützt werden.

    Daher gibt es für die Unternehmer bereits vorvertragliche Informationspflichten in Textform über das allgemeine und über das speziell in Frage kommende Leistungsangebot. Auch in leicht verständlicher Sprache muss der Heimbetreiber hierüber informieren.

    Aufmerksam lauschen die Zuhörer dem Vortrag von Mirko Hohm; hier die erste Reihe mit Landesfrauenvertreterin Carin E. Hinsinger, Landesvize Werner Raab, Landesvorsitzender Roland Sing und Landesgeschäftsführer Hans-Josef Hotz (von links). | © Klaus Markl

    Experte Hohm wies zugleich darauf hin, dass den Betroffenen ein jederzeitiges Kündigungsrecht zustehe, wenn diesen vorvertraglichen Informationspflichten nicht nachgekommen wurde. Zu den allgemeinen Angaben gehören, so Mirko Hohm, beispielsweise Ausstattung und Lage, aber auch die Ergebnisse von Qualitätsprüfungen, bislang bekannt unter dem Begriff „Pflegenoten“. Ebenso führte Hohm Beispiele für die spezifischen Leistungsangebote an, wie Angaben zum konkret zu mietenden Wohnraum, zu den Pflege- und Betreuungsleistungen, zu den zu zahlenden Entgelten, den Investitionskosten und vielem mehr.

    Auch die vorgeschriebene Schriftform hob Pflegeexperte Hohm ausdrücklich hervor, wobei der im Interesse des Bewohners zunächst unterbliebene schriftliche Vertragsabschluss auch nachgeholt werden könne – und zwar unverzüglich. Der Referent stellte des Weiteren klar, dass Angehörige grundsätzlich kein Recht hätten, ohne Bevollmächtigung einen Heimvertrag zu unterschreiben. Ebenso thematisierte Mikro Hohm die Sicherheitsleitung. Sie könne ähnlich wie die Mietkaution vertraglich vereinbart sein. Allerdings könne keine Sicherheitsleistung verlangt werden, wenn der Betroffene in die Einrichtung einziehe und Leistungen der Pflegeversicherung flössen oder Hilfe zur Pflege vom Sozialamt geleistet werde.

    Sodann kam im Beethovensaal das wichtige Thema Entgelterhöhung zur Sprache. Sie unterliege, so Hohm, der „doppelten Angemessenheitsprüfung“ und sie müsse schriftlich mitgeteilt und begründet werden, wobei hier eine Gegenüberstellung der bisherigen und der zukünftigen Entgeltbestandteile gefordert werde. Mirko Hohm machte auch darauf aufmerksam, dass ein Mangel am Wohnraum dem Unternehmer unverzüglich angezeigt werden muss. Anderenfalls könne man sein Recht auf Minderung nicht geltend machen.

    Abschließend sprach der Experte des Paritätischen noch die Thematik Kündigung an. So gebe es unter anderem bei Preiserhöhungen ein Sonderkündigungsrecht. Und wenngleich der Tod das Vertragsverhältnis beende, so könne doch der Wohnraum noch zwei Wochen lang kostenpflichtig weitergenutzt werden, was mit Blick auf die dort befindlichen persönlichen Gegenstände des Verstorbenen von Bedeutung sein kann. Ebenso denkbar sei eine Kündigung durch das Heim. Der hier geforderte wichtige Grund könne beispielsweise ein geänderter Pflegebedarf wie die medizinisch notwendig gewordene Beatmung des Bewohners sein, wenn das Pflegeheim dem nicht nachkommen kann. Als weiteres Beispiel nannte Mirko Hohm hier die zwischenzeitlich aufgetretene starke Mobilitätsbehinderung eines Bewohners in einem Heim, das primär für Menschen mit demenziellen Erkrankungen konzipiert ist.

    Schöne neue Wohnwelt

    Wer den Umzug ins Heim verhindern oder zumindest möglichst lange aufschieben will, der bekam sodann von Birgid Eberhardt einen interessanten und auch vielversprechenden Einblick in die Welt des Smart Home mit ihren technischen Lösungen. Sie sollen ein selbstbestimmtes Leben zuhause, auch im hohen Alter oder bei erheblicher Pflegebedürftigkeit, ermöglichen.

    Dabei informierte die Bereichsleiterin Smart Home/AAL der Gesellschaft für Siedlungs- und Wohnungsbau Baden-Württemberg mbH (GSW) zunächst über Smart Home in einem Gebäudekomplex der (nahen) Zukunft in Berlin und danach in einem Altbau in der Region Stuttgart. Doch zunächst erinnerte die Expertin der VdK-eigenen Baugesellschaft in Sigmaringen an die GSW-Gründung vor 70 Jahren am 25. Juni 1949. Die hundertprozentige VdK-Tochter hatte bereits fünf Jahre später schon 2000 Wohnungen gebaut, um dem Wohnungsmangel der Nachkriegszeit zu begegnen.

    Dann ließ die Referentin die Zuhörer an der Realisierung von "Future Living Berlin“, einem Beispiel für neues Wohnen der Zukunft, in Berlin Adlershof teilhaben. Die 70 Wohneinheiten und 20 „Boarding House-Appartements“ in mehreren Wohntürmen samt Gewerbeeinheiten in den Erdgeschossen, und samt Ausstellungsbereich und Café sollen bereits zum Januar 2020 bezugsfertig sein. Dann werden sich die neuen Bewohner über „Design für alle“ und Barrierefreiheit, über eine aufgelockerte Architektur für soziales Miteinander, über teilweise begrünte Dächer und Regenwasser-Management freuen können.

    Frau auf Bühne vor Publikum
    Birgid Eberhardt spricht in der Liederhalle über Smart Home. | © Klaus Markl

    Und sie werden eine Menge Smart Home-Ausstattung benutzen können. Eberhardt zählte hier „smarte Schalter“ ebenso auf, wie Automatisierungen, Sprachsteuerung und Interaktionsmöglichkeiten. So soll es beispielsweise bei Rauchmelderalarm automatisch blinkendes Licht geben und bei einem Klingeln an der Haustür werde das TV-Gerät sogleich leiser gestellt.

    Keine Überraschung waren für die 1300 Zuhörer höhenverstellbare Küchenteile und vernetzte Haushaltsgeräte. Futuristischer wurde es im Beethovensaal als Birgid Eberhardt die Möglichkeiten eines digitalen Schlüssels per Chipkarte, vorgesehen ab 2021, erläuterte. Auch ein Aufzug, der automatisch zur Etage mit der Wohnung des Liftnutzers fahre, und der wisse, dass der Betreffende zum Beispiel gehbehindert ist und deswegen eine längere Türöffnungszeit benötigt, sei bei Future Living Berlin bald Realität.

    Smart Home auch im Altbau

    Dass man auch mit einer Wohnung im Schwäbischen in Sachen Smart Home nicht alt aussehen muss, beschrieb die GSW-Mitarbeiterin ebenfalls eindrucksvoll. Sie verwies hier beispielsweise auf „R 10“, rutschfesten Lack für Treppenstufen, auf den „berühmten“ doppelten Handlauf oder auch auf Fenster und Terrassentür mit „schlauem Griff“. Der sorge für das Zurückdrehen der Heizung, sobald das Fenster geöffnet wird. Und die Terrassentür werde abends, nach dem Löschen des Lichts, automatisch geprüft. Schließlich hat schon so manche offenstehende Terrassentür Eindringlingen den Wohnungszugang erleichtert.

    Im Altbau praktizierbar seien, so Eberhardt, auch zeitgesteuerte Geräte und vernetzte Raumwarnmelder, die bei Alarm eine Meldung aufs Handy übertragen. Ebenso lasse sich in einer Altbauwohnung ein „Herdwächter“ realisieren durch die Nachrüstung seitens eines Elektrikers. So kann man von vornherein der Gefahr eines Brandes durch vergessenes Essen auf dem Herd und Ähnlichem begegnen. Unterstützung in Garten und Haus könnten auch Rasenmäh- beziehungsweise Saugroboter leisten.

    Zum Abschluss dieser reich bebilderten Präsentation stellte die Expertin noch „Famanice“ – die App für die ganze Familie vor. Dort könne man dann nicht nur seinen Familienkalender und To-Do-Listen verwalten, sondern auch einen sicheren Familien-Chat praktizieren.

    Fünf Esslinger

    Dann war die Bühne frei für Dr. Martin Runge und seine „Fünf Esslinger“. Der Esslinger Facharzt und Geriater stellte das von ihm vor rund 15 Jahren entwickelte Bewegungs- und Gymnastikprogramm vor und ließ die Besucher im Saal sogleich einige Balance- und Kräftigungsübungen im Stehen durchführen. Da gehört der Seitstand ebenso dazu, wie Hüpfen und Wippen oder auch das schnelle und vielfache Aufstehen von einem Stuhl innerhalb weniger Sekunden und ohne Zuhilfenahme der Hände und Arme. Außerdem gab Dr. Runge den Tipp, beim Zeitunglesen die linke Hand zu bewegen oder auch mit der linken Hand zu schreiben.

    Die Fünf Esslinger, die zwischenzeitlich wissenschaftlich begleitet wurden, werden mittlerweile von rund 70 Sport- und Turnvereinen in Baden-Württemberg durchgeführt. Und es gibt auch sogenannte „Fünf Esslinger-Stationen“ mit Übungsparcours und -anleitung, beispielsweise in Esslingen, in Bad Wörishofen und in weiteren Orten.

    Dank einer Kooperation des VdK Baden-Württemberg mit dem Schwäbischen Turnerbund (STB) und dem Badischen Turnerbund (BTB) können auch VdK-Mitglieder im Lande schon seit 2011 an vielen dieser Fünf-Esslinger-Kurse teilnehmen, ohne in diesen Vereinen noch zusätzlich Mitglied zu werden.

    Einmal mehr bekräftigte Dr. Runge in der Liederhalle, wie wichtig die Bewegung für die Gesunderhaltung des Körpers ist: „Ein Fingerhut voll Vorbeugung ist besser, als ein Eimer Therapie“ rief er den Zuhörern zu, die trotz der vielen – teils auch thematisch schwierigen Vorträge – mit Begeisterung bei der Sache waren und die Übungen im Beethovensaal ausprobierten.

    Denn „Sitting kills!“, betonte Martin Runge ebenfalls und empfahl den Anwesenden, nach Möglichkeit nie länger als eine halbe Stunde zu sitzen. Denn zu langes Sitzen könne eine Vielzahl schwerer Erkrankungen begünstigen. Der Mediziner verwies hier insbesondere auf diese sechs Krankheitsgruppen: Diabetes (Zucker), Herzinfarkt/Schlaganfall, Depression, Demenz, Darmkrebs sowie Brustkrebs. Bewegungsmangel und zu langes Sitzen führten oft auch zum „schlechten“ Bauchfett, welches zudem das Alter beschleunige. In diesem Zusammenhang lenkte Dr. Runge den Blick auf die bekannte britische Busfahrer-Studie. Danach hatten die sitzenden Busfahrer eine signifikant schlechtere Gesundheit als die Schaffner, die sich in den englischen Doppeldeckerbussen zu den Passagieren auf und ab bewegen mussten.

    Sodann verwies der Internist, Allgemein- und Altersmediziner auf die Faktoren „Volition“ und „Adhärenz“, also auf Willenskraft und Umsetzungsfähigkeit einerseits und auch auf das „Dabeibleiben“ andererseits. Denn nur vier Wochen Bewegung und sportliche Aktivität genügten nicht. „Ein Leben lang dabeibleiben ist die Devise!“, sagte Dr. Runge, der einst die Aerpahklinik in Esslingen-Kennenburg geleitet hatte.

    Er empfahl den Zuhörern täglich mindestens 7000 Schritte zu machen und sich fünf Mal pro Woche für 30 Minuten körperlich ein wenig anzustrengen. Schließlich gelte es, schneller zu sein, als die „Geschwindigkeit des Todes“. Die bezifferte der 70-Jährige mit einer Gehgeschwindigkeit von 0,8 Metern pro Sekunde.

    Lesen Sie auch den Artikel zum Vormittag des VdK-Gesundheitstages in Stuttgart:

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    16.09.2019 |

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