26. Januar 2016

Versorgungsstärkungsgesetz und Palliativmedizin – Tübinger Bezirksinfotag behandelt brisante Themen

Zwei interessante Vorträge standen im Mittelpunkt des alljährlichen Bezirksverbandsinfotags im Hotel Stadt Tübingen: „Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung aus Sicht der Patienten“ von Klaus Kirschner, Bundestagsabgeordneter a.D., und „Sterbehilfe und Palliativmedizin – ein Widerspruch?“ von Dr. Eva-Maria Mörike, Ärztin und Vorsitzende des Tübinger Hospizdiensts.

Zunächst erläuterte der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete den zahlreichen Teilnehmern die neuen Regelungen des Versorgungsstärkungsgesetzes. Zugleich wies er auf Missstände im Gesundheitssystem hin. So veranschaulichte Kirschner beispielsweise am Prozess der Einführung eines neuen Hepatitis-C-Medikaments, wie eine Situation wirtschaftlich ausgebeutet werde, private Hersteller profitierten, und der Patient dabei der Leidtragende sei: „Wenn das so weitergeht, wird die gesetzliche Versicherung gegen die Wand fahren“. Medikamente seien wichtig, die Wirkung müsse aber in Relation zum Preis stehen. Weiter ging Kirschner auf die sich aufgrund der demografischen Entwicklung verschärfenden Finanzprobleme in der Pflegekasse ein und forderte eine Enquete-Kommission der Bundesregierung. Den Sozialverband VdK rief Klaus Kirschner dazu auf, Druck auszuüben und positiv auf die Entscheidungen der Bundesregierung einzuwirken. Großen Applaus erntete er für seinen Appell an die öffentliche Hand, die Krankenhausbetriebe weniger nach wirtschaftlichen Kriterien auszurichten. Krankenhausversorgung sei eine öffentliche Aufgabe und dürfe nicht der Gewinnorientierung dienen. Großes Interesse fanden Kirschners Ausführungen zu Versorgungsengpässen im ländlichen Raum. Die Aussage „Wir haben nicht genügend Ärzte“ stimme nicht, man habe lediglich nicht genug Allgemeinmediziner und nicht genügend Studienplätze. Kirschner plädierte weiter für eine Pflegevollversicherung. Außerdem wies er auf das Recht der Patienten auf eine zweite Meinung hin, beispielsweise bei Operationen, und er verwies auf die Einrichtung der neuen Terminservicestellen.

VdK-Bezirkschef und Landesvize Georg Wiest unterstrich anschließend noch einmal die seiner Meinung nach wichtigsten Aussagen des Vortrags: Die Stärkung der Patientenstellung und die Rechte der Patienten im Gesundheitssystem. Kirschner habe zudem auf die Disparität in der Beitragsentwicklung hingewiesen – auch der Sozialverband VdK stelle die Forderung, dass die Beitragsgestaltung wieder paritätisch werden müsse, sagte Wiest mit Blick auf die massive VdK-Kritik an den Zusatzbeiträgen.

Das Thema „Sterbehilfe und Palliativmedizin“ veranschaulichte Dr. Eva-Maria Mörike. Die Hausärztin, zugleich Palliativmedizinerin und Vorsitzende des Tübinger Hospizdiensts erzählte aus ihrer Praxiserfahrung in der Betreuung von schwer kranken und im Sterben liegenden Patienten. Immer wieder mache sie die Erfahrung, dass ein Todeswunsch vor allem ein Hilferuf sei. Bei der Hälfte der Anliegen gehe es um körperliche Beschwerden, bei einem Drittel konkret um Schmerzen. Hier greife die Palliativmedizin sehr gut. Für nichtkörperliche Schmerzen brauche es zusätzlich viele andere Helfende wie Therapeuten und weitere Kräfte. Dagegen würden nur sehr wenige Menschen nach einem assistierten Suizid fragen. An zwei Beispielen, einem Patienten mit Kehlkopfkrebs und einem Patienten, der an Demenz und einer Herzkrankheit litt, brachte Dr. Mörike dem Publikum die in diesen Situationen auftauchenden Fragen und Ängste der Patienten und die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten sehr anschaulich näher. Bei der Begleitung der Patienten sei es sehr wichtig, diesen ihre Würde zu geben – beispielsweise bei der Pflege den Patienten zu vermitteln, nicht eine Nummer, sondern ein Mensch zu sein. Bei vielen Patienten sei die Angst um Autonomieverlust sehr groß. Hier stelle sich auch die generelle Frage, wie die Gesellschaft mit Alter und Krankheit umgehe.

Beim Thema Sterbehilfe wies Dr. Mörike darauf hin, dass es nicht „die eine Sterbehilfe“ gebe, sondern verschiedene Formen. Dies würde oft in öffentlichen Diskussionen und Zeitungsartikeln vermischt. In der aktuellen Diskussion der Parlamentarier gehe es um den „ärztlich assistierten Suizid“. Im Alltag der Hospizarbeit gehe es dagegen vor allem um das „passive Sterbenlassen“. Vorrangig für die Angehörigen sei hier die Frage: „Was will der Kranke“ und nicht „Was will ich?“. Dabei vertrat Dr. Eva-Maria Mörike den Standpunkt, dass nicht alles, was machbar sei, gemacht werden müsse. Es gehe immer um das Wohl des Patienten. Sterben zu lassen werde von Ärzten oft als persönliche Niederlage empfunden und die Medizinindustrie habe zudem ein großes Interesse daran, alles zu machen, was möglich sei. (Anmerkung der Redaktion: Der Bundestag verabschiedete im November 2015 ein Gesetz, das künftig die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung verbietet und Verstöße mit Haftstrafen ahnden kann. Dieses Gesetz passierte zwischenzeitlich auch den Bundesrat.)

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