29. November 2013

Gehörlosenverband fordert mehr Gebärdensprachdolmetscher

Landesvize Werner Raab diskutierte auf „Tag der Gebärdensprache“ in Stuttgart

Über zweihundert Besucher kamen im Herbst, am Tag der Gebärdensprache, in das Bürgerhaus Botnang nach Stuttgart. Der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg hatte zur Diskussionsveranstaltung über die dramatische Lage der Arbeitsassistenz eingeladen. Zu den Experten auf dem Podium gehörte auch der stellvertretende VdK-Landesvorsitzende Werner Raab MdL. Er war in seiner Eigenschaft als Behindertenexperte der CDU-Landtagsfraktion gekommen. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Gehörlosen, Wolfgang Reiner, führte der neue Geschäftsführer Daniel Büter ins Thema ein und präsentierte wichtige Eckdaten zur Arbeitsassistenz: In Baden-Württemberg leben circa 37 000 Menschen mit Hörbehinderung, von denen 8000 gehörlos sind. Es gibt nur 60 Gebärdensprachdolmetscher. Das bedeutet, so Büter, der selbst gehörlos ist, dass sich 133 gehörlose Menschen einen Dolmetscher teilen müssen. Es würden aber circa 250 Dolmetscher benötigt, betonte Geschäftsführer Büter. Bei der Schilderung von Bedarf, Antragsverfahren und Finanzierung wurde allen Besuchern schnell klar, dass zum Beispiel das monatliche Leistungsbudget von maximal 1000 Euro nie für die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher, Schriftdolmetscher und Telefonvermittlungsdienste mit Dolmetschern ausreiche. „Arbeitsassistenz ist eine wichtige begleitende Hilfe für Arbeitnehmer. Sie bedeutet Chancengleichheit. Ohne Assistenz haben wir keinen Kontakt zu Hörenden und wir fühlen uns isoliert“, appellierte Daniel Büter an Zuhörer und Verantwortliche.

Zunächst bezogen die Kostenträger auf der Podiumsdiskussion Stellung: Karin Kimmich-Protz sprach für den Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS), Elisabeth Loffl für den Integrationsfachdienst (IFD) und Walter Tattermusch für die Stadt Stuttgart. Kimmich-Protz schilderte den Ablauf des Antragsverfahrens für eine Arbeitsassistenz. Nach Antragseingang beim KVJS prüfe ein Fachberater vom IFD am Arbeitsplatz den Umfang des Bedarfs und erstelle ein Gutachten, das aber der Antragsteller nicht einsehen dürfe. Danach entscheide der KVJS über die Höhe des Arbeitsassistenzbudgets. Oft decke jedoch das genehmigte Budget nicht den Bedarf, sagte Karin Kimmich-Protz und betonte: „Unsere Hände sind gebunden.“ Denn die Kosten für die Arbeitsassistenz dürften 50 Prozent der Bruttoeinnahmen des Antragstellers nicht übersteigen. Die Genehmigung dauere oft mehrere Monate. Um diese zu beschleunigen, wurde eine Antragstellung bereits vor Aufnahme einer Beschäftigung vorgeschlagen. Marcel Karthäuser, Zweiter Vorsitzender des Landesverbands der Schwerhörigen Baden-Württemberg hob hervor, dass eine Arbeitsassistenz das Arbeitsverhältnis stabilisiere. Daher müsse man dieses Instrument weiter ausbauen.

Landtagsabgeordneter Thomas Poreski von den Grünen betonte, dass die Arbeitsassistenz einheitlich und bedarfsgerecht gestaltet werden müsse. Und die notwendigen Finanzmittel seien bereitzustellen. „Wir müssen die Gesetze so anpassen, dass sie zur Demografie passen“, bekräftigte Poreski. Wie die nötige Erhöhung des Arbeitsassistenz-Budgets finanziert werden könne, erläuterten gleich mehrere der anwesenden Politiker. Beispielsweise könne man die Erhöhung der Ausgleichsabgabe vornehmen oder einen Inklusionszuschlag einführen. „Alleine zu sagen, dass wir mehr Geld brauchen, hilft nicht. Wir brauchen genaue Zahlen, dann kann man überlegen, wie man es finanziert“, brachte es VdK-Landesvize Werner Raab MdL auf den Punkt. Die Landtagsabgeordneten, darunter auch die gehörlose Piraten-Politikerin Julia Probst, waren sich denn auch einig, dass bei der Ausbildung von Gebärdensprachdolmetschern etwas passieren müsse. „Wir müssen hier auf die Ebene einer Hochschulausbildung kommen“, strich MdL Florian Wahl von der SPD heraus. Und auch beim Antragsverfahren müsse über eine Verkürzung nachgedacht werden, sagte der Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann von der FDP. Ebenso sprachen sich die anwesenden Politiker dafür aus, mit dem Landesverband der Gehörlosen im ständigen Dialog zu bleiben. Sodann äußerten sich die Vertreter von Dolmetschern und Telefonvermittlungsdiensten zu der Problematik Dolmetschermangel. „Wir brauchen technische Lösungen“, so Michaela Nachtrab von VerbaVoice, „damit ein Dolmetscher nicht für jede Kleinigkeit vor Ort sein muss“. Rita Wangemann von Telesign machte darauf aufmerksam: „Egal welche technische Lösung bevorzugt wird, sie steht oder fällt mit der Qualität der Internetverbindung“. Um Dolmetschereinsätze sinnvoll und finanziell attraktiv zu planen, werde jetzt bei Doppelbesetzungen über technologische Lösungen nachgedacht. So könnte man zum Beispiel einen Co-Dolmetscher über VerbaVoice per Laptop zuschalten.

In ihrem Schlusswort wies Dolmetscherin Rita Wangemann auf die existenzielle Bedeutung des Einsatzes von Gebärdensprachdolmetschern hin. „Gehörlose verlieren Arbeitsplätze auf Grund von Mängeln in der Kommunikation und bekommen keine mehr.“ Die von der gehörlosen Moderatorin Christine Linnartz souverän geführte dreistündige Podiumsdiskussion wurde von vier Gebärdensprachdolmetschern und zwei Schriftdolmetschern gedolmetscht. Zum Schluss sorgte die Aufführung des Theaterstücks „Söhne Hiobs“ von Mathias Schäfer für einen gelungenen Ausklang der gut besuchten Veranstaltung im Botnanger Bürgerhaus.

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