Ein Gespräch mit VdK-Kreischef Roland Hailer

Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung im März 2009 hat sich auch die Bundesrepublik Deutschland das Ziel gesetzt, dass alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben sollen. Denn dank dieser Konvention der Vereinten Nationen geht es heute nicht mehr um die Integration von behinderten Menschen in die vorhandene Gesellschaft und um deren Anpassung an eine nichtbehinderte Welt. Vielmehr geht es um die Inklusion. Menschen mit Behinderung sollen am gesellschaftlichen Leben mit all seinen Facetten und in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben und teilnehmen können. Der Sozialverband VdK mit seinen rund 214 000 Mitgliedern in Baden-Württemberg und über 1,6 Millionen Mitgliedern bundesweit setzt sich dafür ein, dass die UN-Konvention auch in Deutschland umgesetzt wird. Ein VdKler, der sich ganz konkret in diesem Bereich engagiert, ist Roland Hailer. Der Kreisverbandsvorsitzende von Lahr arbeitet im Rahmen einer Kooperation seines Kreisverbands mit der Lebenshilfe Lahr im Bereich „LEICHTE Sprache“ zusammen. Der 65-Jährige sprach mit der Redaktion der Mitgliederzeitung "VdK-Zeitung" über die große Bedeutung dieser Arbeit.

VdK-Redaktion: „Was bedeutet ‚LEICHTE Sprache’?“
Roland Hailer: „Die Sprache, die im öffentlichen Leben benutzt wird, ist in der Regel sehr komplex, schwierig, umständlich, formalistisch und oft für viele Menschen auch schwer zu verstehen. Diese Sprache – und es muss gar nicht das berühmt-berüchtigte ‚Juristendeutsch’ sein – schafft Barrieren und schließt somit Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus. Deshalb ist die LEICHTE Sprache notwendig, um eine barrierefreie Sprache und Kommunikationsmöglichkeit zu schaffen. Die LEICHTE Sprache ermöglicht allen Menschen, einen besseren Zugang zu gesellschaftlichen Vorgängen und Strukturen. Und die LEICHTE Sprache hilft auch den Menschen mit Lernschwierigkeiten, den Menschen mit Sehschwächen und den Menschen, die nicht gut Deutsch können, sich leichter in der deutschen Sprache zurechtzufinden. Die Menschen können so leichter mit gesprochener und vor allem mit geschriebener Sprache umgehen. Dies nützt auch allen anderen Bevölkerungsgruppen, die sich oftmals ebenfalls schwertun, die Amtssprache zu verstehen oder juristische Texte zu entschlüsseln.“

VdK-Redaktion: „Wieso ist die LEICHTE Sprache ein Muss?“
Roland Hailer: „Die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung aber auch das Landesbehindertengleichstellungsgesetz (L-BGG) sehen die Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen vor. Barrierefreiheit schafft für alle Menschen mehr Lebensqualität. Daher darf diese zentrale Forderung nicht vor der Sprache und vor den Kommunikations- und Informationssystemen haltmachen. Denn anderenfalls kann es keine gleichberechtigte Teilhabe für Menschen mit Behinderung und keinen Zugang zur Gesellschaft und zum öffentlichen Leben mit seinen verschiedenen Bereichen geben. Die Bundesregierung hat darauf im September 2011 mit ihrer Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik (BITV 2.0) reagiert. Medien, Behörden, Wirtschaftsunternehmen, Verbände, Bildungseinrichtungen, Dienstleister und damit verbundene Zielgruppen sollen ihre Informationen so weitergeben, dass alle sie verstehen und nutzen können.“

VdK-Redaktion: „Welche Bedeutung hat für Sie diese Entwicklung?“
Roland Hailer: „Barrierefreie Kommunikation und barrierefreie Sprache werden in Zukunft einen noch größeren Stellenwert bekommen. Denn die Zahl derjenigen, die zukünftig auf Barrierefreiheit angewiesen sind, wird auch infolge der demografischen Entwicklung dramatisch ansteigen. Außerdem müssen wir die Anliegen der sinnesbehinderten Menschen gleichermaßen berücksichtigen. Deshalb müssen Barrierefreiheit und folglich LEICHTE Sprache auch die Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen erfassen. Man kann es nicht oft genug sagen: Teilhabe kann nur verwirklicht werden, wenn Informationen verständlich für alle Menschen weitergegeben werden.“

VdK-Redaktion: „Wie geht es jetzt weiter?“
Roland Hailer: „Eine Antwort auf die Anforderungen, die an unsere Gesellschaft von Seiten der UN-Behindertenrechtskonvention gestellt werden, ist das Büro für LEICHTE Sprache, das von der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch und der Lebenshilfe Lahr eingerichtet wurde. Hierbei geht es in erster Linie um Barrierefreiheit im Bereich der Kommunikation. Damit werden die genannten Vorgaben umgesetzt und es wird den Verantwortlichen Hilfestellung angeboten.“

VdK-Redaktion: „Worum geht es konkret? Wie schätzen Sie die Arbeit des Büros für LEICHTE Sprache ein?“ Roland Hailer: „Wir vom Sozialverband VdK stellen immer wieder fest, dass auch unsere Mitglieder große Schwierigkeiten haben, Gesetzestexte, Bescheide oder Formulare von Behörden zu verstehen. Deshalb begrüßen und unterstützen wir ausdrücklich die Einrichtung des Büros für LEICHTE Sprache der Lebenshilfe. Wir hoffen, dass Behörden und Ämter das Angebot annehmen und Texte von Verordnungen, Bescheide und so weiter vom Büro für LEICHTE Sprache professionell übersetzen lassen. Aber auch unsere Mitglieder können die Hilfe in Anspruch nehmen, indem sie schwere Texte in LEICHTE Sprache übersetzen lassen.“

VdK-Redaktion: „Was kostet die Inanspruchnahme dieses Büros?“
Roland Hailer: „Grundsätzlich wird in jedem Einzelfall eine Kostenregelung vereinbart, wobei der soziale Hintergrund des Hilfesuchenden natürlich eine Rolle spielt. Für eine einstündige Beratung liegt der Preis zwischen 20 und 40 Euro. Eine professionelle Übersetzung kostet bei 1800 Zeichen (zirka zwei DIN A4-Seiten) maximal 75 Euro. Natürlich ist der Schwerpunkt der Arbeit des Büros für LEICHTE Sprache in erster Linie, beispielsweise Behörden dazu zu bringen, von vornherein Bescheide oder Ähnliches so verständlich zu verfassen, dass sie keiner Übersetzung bedürfen. Es werden deshalb Schulungen angeboten, die Behörden und soziale Einrichtungen in die Lage versetzen sollen, das Handwerkszeug für die Anwendung von LEICHTER Sprache zu erlernen.“

VdK-Redaktion: „Vielen Dank für dieses Gespräch und diese interessanten Informationen.“

Kontakt: Büro für LEICHTE Sprache – Klartext, Ansprechpartnerin: Brigitte Seidel, E-Mail brigitte.seidel@lebenshilfe-offenburg.de , Telefon (07 81) 28 94 88 – 35. Informationen auch unter www.klartext-lebenshilfe.de im Internet.

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