12. Februar 2013

Sozialforscher Butterwegge informierte in Ludwigsburg

Armut in einem reichen Land wie Deutschland – darum ging es auf einer interessanten Vortragsveranstaltung des Ludwigsburger Arbeitskreises Armut. Das Gremium, dem auch der VdK-Kreisverband Ludwigsburg angehört, konnte hierzu den renommierten Sozialwissenschaftler Professor Dr. Christoph Butterwegge verpflichten. Auf der gerade auch von VdKlern sehr gut besuchten Veranstaltung betonte der Experte: „Armut versteckt sich gern.“ Armut sei überall, auch wenn sie sich nicht offen zeige. Denn Armut grenze aus und isoliere die betroffenen Menschen. Und Armut fange dort an, wo man nicht mehr den Lebensstandard erreicht, der als Mindestniveau in der eigenen Gesellschaft gilt. Dazu gehöre einerseits die Sicherung des Grundbedarfs, andererseits – in einem reichen Land wie Deutschland – gehöre aber auch die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe dazu.

Für Professor Butterwegge ist Armut untrennbar mit Reichtum verbunden: „Dort, wo Reiche immer reicher werden, werden Arme immer immer ärmer.“ Der Sozialwissenschaftler erläuterte die zwei Arten von Armut: Die absolute oder existenzielle und manchmal lebensbedrohliche Armut, wie man sie aus der sogenannten Dritten Welt kenne und die relative Armut, wie sie beispielsweise in Deutschland vorherrsche. Hierzu meinte der Armutsforscher: „Ich möchte nichts beschönigen, aber auch die zweite, scheinbar harmlosere Variante ist bedrohlich.“ Für Butterwegge ist klar, auch die relative Armut ist für die Menschen sehr gefährlich, wenn sie demütige, diskriminiere und demotiviere. Und sie greife auf diese Weise die Psyche der Betroffenen an. So litten arme Menschen in einem reichen Land besonders darunter, sich in einer Konsumgesellschaft wie in Deutschland vieles von dem nicht leisten zu können, was für andere normal sei. In diesem Zusammenhang nannte Christoph Butterwegge als Beispiel, wie es Kindern aus armen Familien ergehen könne, wenn sie im Winter aus Geldmangel in Sommerkleidung und Sandalen zur Schule kämen. Da werde schnell strukturelle Gewalt ausgeübt. Der Experte schätzt, dass in Deutschland rund 2,5 Millionen Kinder an und unterhalb der Sozialhilfeschwelle leben. Oft seien deren Eltern mit dem „Alltagskampf“ so beschäftigt, dass sie sich gar nicht politisch betätigen und gegen ihre Armut wehren könnten.
Der Armutsforscher sieht in der extrem ungleichen Verteilung materieller Ressourcen ein Zeichen der Entsolidarisierung der Gesellschaft. Er verwies in diesem Zusammenhang auf das Privatvermögen der Familien Albrecht (ALDI). Es sei 100-Millionen mal so hoch wie der Betrag, der Hartz-IV-Empfängern zur Verfügung stehe.

Hart ins Gericht ging Professor Butterwegge mit der Regierungspolitik, die der Ungleichverteilung von Reichtum und materiellen Ressourcen Vorschub leiste. Durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Abschaffung der Erbschaftssteuer für Firmenerben oder den Wegfall der Börsenumsatzsteuer würden die bereits Besitzenden bevorzugt. Umgekehrt werde denen, die nichts hätten, auch noch weggenommen, betonte der Sozialwissenschaftler und bezeichnete Hartz IV aber auch die Riesterreform als Schritte zur „US-Amerikanisierung des Sozialstaats“. Als Problemlösungsmöglichkeiten kämen viele Maßnahmen in diversen Bereichen wie zum Beispiel Arbeitsmarkt-, Sozial- oder auch Familienpolitik in Frage. Der Experte führte in Ludwigsburg den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn an, um den wachsenden Niedriglohnsektor einzudämmen. Und er sprach sich für die Wiedererhebung der Vermögenssteuer aus. Mit der Vermögenssteuer könnten Maßnahmen des sozialen Ausgleichs finanziert werden. Eine Absage erteilte der Referent aber dem sogenannten bedingungslosen Grundeinkommen. Dies sei kein Allheilmittel und könne das Prinzip der Niedriglöhne sogar noch befördern. Außerdem sei das Grundeinkommen mit geschätzter einer Billion Euro Kosten pro Jahr nicht finanzierbar. Denn dies sei höher als das Dreifache des Bundeshaushalts.

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