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"Veränderungen finden nicht in Sonderwelten statt"

Stephanie Aeffner, Landesbehindertenbeauftragte in Baden-Württemberg, sieht in der Digitalisierung der Arbeitswelt eine Gefahr für die Entgrenzung selbiger. Im Gespräch mit uns geht sie auch auf die Wichtigkeit von Vielfalt und Inklusion ein.

Stephanie Aeffner ist Landesbehindertenbeauftragte in Baden-Württemberg

Stephanie Aeffner ist Landesbehindertenbeauftragte in Baden-Württemberg© Ministerium für Soziales udn Integration, Ba-Wü

VdK-Zeitung: Frau Aeffner, wie stellen Sie sich die Teilhabe von Menschen mit Behinderung (M m. B.) idealerweise vor?
Stephanie Aeffner: Alle Teilhabebarrieren spielen keine Rolle und alle Nachteile können durch Nachteilsausgleiche kompensiert werden. Aber das ist ja nur eine Idealvorstellung. In der Realität sieht das anders aus. Wir müssen uns fragen, wie kann man sensibilisieren, Toleranz, Gleichheit und Akzeptanz von Vielfalt verankern. Mein Traum ist es, dass jeder Schüler in seinem Schulleben eine Art Anti-Behinderungswoche miterlebt. Hauptakteure so einer Woche sind Menschen mit Behinderungen, die auch fachlich versiert sind und Schüler schulen. Der nahe Austausch verändert die Mehrheitsgesellschaft, sie wird für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sensibilisiert und „denkt deren Bedürfnisse mit“. Das können Sie auch auf die Arbeitswelt herunterbrechen: Nicht nur der Mensch mit Behinderung muss sich anpassen, sondern auch seine Umwelt, die Kollegen und der Arbeitgeber auf ihn oder sie.

VdK-Zeitung:Sie geben das Stichwort für meine nächste Frage. Arbeit 4.0, also die Digitalisierung der Arbeit, durchzieht immer mehr Branchen. Wie schätzen Sie diese Entwicklung für M.m. B. ein?
Aeffner:Techniken können ein paar Dinge ausgleichen, aber für Menschen mit Lernbehinderungen oder psychische Behinderungen ist es eher schwierig, bei Arbeit 4.0 mitzuhalten. Ich möchte das an einem anschaulichen Beispiel erklären:
Früher war eine Reinigungskraft im Unternehmen beschäftigt wie jeder andere Angestellte auch. Heute ist diese niedrigschwellige Tätigkeit ausgelagert und wesentlich anstrengender geworden. Denn Reinigungskräfte müssen Taktzeiten einhalten, von Kunde zu Kunde rotieren, haben also Zeitdruck. Für Menschen mit Behinderung ist dieser eigentlich niedrigschwellige Beruf stressiger geworden. Daher gibt es einen Teil von Menschen mit Behinderung, der sich durch Arbeit 4.0 wahnsinnig bedroht fühlt. Die Digitalisierung verschärft dieses Problem weiter. Natürlich gibt es Bereiche, die von Arbeit 4.0 profitieren, wie die IT-Branche. Hier arbeiten aber schwindend gering Menschen mit Behinderung.

Verständnis für Vielfalt findet nicht im Homeoffice statt

VdK-Zeitung: Wie könnte man hier gegensteuern?
Aeffner:Es geht grundsätzlich um das Thema Entgrenzung von Arbeit und die immerwährende Erreichbarkeit. Durch diese Entwicklung können Behinderungen wie psychische Belastungen zunehmen. Wir müssen also Regeln finden. Eine Idee wäre vielleicht, dass E-Mail-Server ab einer bestimmten Uhrzeit keine beruflichen E-Mails mehr auf das Handy von Mitarbeitern verschicken. Und um noch mal auf die Integration von Menschen mit Behinderung zu kommen: Verständnis für Vielfalt findet eben auch nicht im Homeoffice statt, das in der Arbeit 4.0 stetig zunimmt. Wir brauchen den aktiven Austausch von Angesicht zu Angesicht, um uns gegenseitig zu verstehen.

VdK-Zeitung: Welche Maßnahmen braucht es, damit M.m. B im ersten Arbeitsmarkt unterkommen?
Aeffner:Mit Beschäftigungen für Geringqualifizierte kommen Menschen aus den Werkstätten heraus. Hier muss die öffentliche Hand wieder Arbeitgeber sein und wieder soziale Verantwortung übernehmen. Also die bisher ausgelagerten Beschäftigungsverhältnisse wieder zurückholen. Für die Finanzierung dieser Beschäftigungsverhältnisse steht seit Anfang des Jahres das Budget für Arbeit zur Verfügung (Anm. d. Redaktion: Im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes aufgelegtes Programm, um Menschen mit Behinderungen Beschäftigungsalternativen zur Werkstatt zu ermöglichen). Da der vom Bund vorgesehene Lohnkostenzuschuss aber nicht ausreicht, um tarifliche Löhne zu zahlen, hat das Land im Ausführungsgesetz zum BTHG eine Verordnungsermächtigung zur Anhebung dieses Zuschusses beschlossen.

VdK-Zeitung:Der Sozialverband VdK fordert die Einkommens- und Vermögensanrechnung für Menschen mit Behinderung zu streichen. Können Sie die Forderung des VdK stützen?
Aeffner: Das habe ich immer gefordert und das ist auch heute noch meine Forderung. Aber politische Entscheidungen hängen nicht von Einzelforderungen ab, sondern von Mehrheitsverhältnissen und Kompromissen.

Stephanie Aeffnerist seit September 2016 Landesbehindertenbeauftragte. Im März 2018 hat das Kabinett die Umwandlung des Amtes in ein Hauptamtbeschlossen. Sie setzt sich für die Verbesserungen des Alltags von Menschen mit Behinderungen ein und will die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Baden-Württemberg voranbringen. Die studierte Sozialpädagogin (FH) arbeitet zuvor beim Zentrum selbstbestimmt Leben Stuttgart e.V. Dort begleitete sie Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige und war für die Entwicklung und Durchführung von Inklusionsprojekten zuständig. Aeffner wird am 04. Juli 2018 auf der 16. Landesweiten VdK-Schulung für Schwerbehindertenvertreter und Personalräte als Referentin in Heilbronn sprechen.

VdK-Zeitung: Das Land Baden-Württemberg erfüllt die gesetzlich vorgeschriebene Quote für die Einstellung von M. m. B. nicht. Es sind nur 4,86 Prozent der Beschäftigten. Woran liegt das?
Aeffner:Das liegt an der Überalterung der Beschäftigten im Land. Überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderung sind in den vergangenen Jahren aus dem Dienst ausgeschieden. Das konnte mit Neueinstellungen nicht kompensiert werden. Dadurch ist die Quote, die wir uns selbst übrigens auf sechs Prozent freiwillig hochgesetzt haben, nicht erreicht worden.

VdK-Zeitung: Müsste man die Ausgleichsabgabe drastisch erhöhen, damit die Wirtschaft die Quote erfüllt?
Aeffner: Man könnte die Quote erhöhen, zum Beispiel auf die angesprochenen sechs Prozent. Das würde die Industrie nicht umbringen. Und klar könnte man die Ausgleichsabgabe erhöhen. Doch was wir wirklich brauchen, ist ein Zusammenführen von Menschen mit Behinderung und Arbeitgebern. Es geht darum über Unwissenheit aufzuklären und Strukturen aufzubauen, die es beiden Seiten erleichtern, Menschen mit Behinderung einzustellen. Man muss in Unternehmen gehen und beispielsweise über Depressionen aufklären. Hohe Fehlzeiten und geringe Leistungsfähigkeit von M. m. B. als Vorurteile ausräumen. Arbeitsagenturen, Rentenversicherungen oder auch Fachberatungsstellen müssen signalisieren: Ihr Unternehmer könnt auf uns zählen und ihr Menschen mit Behinderung auch. Wir sind eure Mediatoren. Das hat zwei Effekte: Der Betroffene hat kompetente Unterstützung und gleichzeitig wird dem Arbeitgeber die Leistungsbereitschaft von Menschen mit Behinderung vermittelt. Nachhaltige Veränderung kriegen wir hin, wenn wir gemeinsam leben und nicht Menschen in Sonderwelten aussortieren.

VdK-Zeitung: Frau Aeffner, wir danken Ihnen für das Gespräch und freuen uns auf ihr Referat bei der SBV-Schulung am 4. Juli 2018 in Heilbronn.
Aeffner: Vielen Danke, ich freu mich auch.

Das Interview führte Priya Bathe.
(April 2018)

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