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"Wir wollen erzählen und nicht bewerten"

Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob haben einen Blog (digitales Tagebuch) mit dem Namen "Zwischen Inklusion und Nixklusion" vor gut einem Jahr gestartet. Hier berichten sie mit kleinen, feinen Geschichten über ihre Erfahrungen mit Inklusion und leider auch mit Exklusion. Der Blog wurde seit dem Start im Herbst 2016 sehr gut angenommen. Mehr als 90.000 Aufrufe konnten die beiden Frauen und Mütter von Söhnen mit Down-Syndrom für ihren Blog https://kirstenmalzwei.blogspot.de/ verzeichnen. Der Name leitet sich aus ihren Vornamen ab. Zwei Kirstens eben - sie nennen sich selbst auch Kirsten1 und Kirsten2.

Die beiden Bloggerinnen Kirsten Ehrhardt (l.) und Kirsten Jakob

Die beiden Bloggerinnen Kirsten Ehrhardt (l.) und Kirsten Jakob© privat

VdK-Zeitung: Wie kam es zu der Blog-Idee?
Kirsten Ehrhardt (Kirsten 1): Mich hat lange die Idee umgetrieben, dass wir viele Dinge mit unseren Kindern und in der Beratung erlebt haben und dass wir damit nichts machen. So ist mir die Idee zu kleinen Geschichten gekommen. Kirsten 2 und ich haben den Blog gemeinsam entwickelt und über die Monate perfektioniert. Wir haben unsere Geschichten in Form einer Glosse, also kurz, einfach und pointiert verfasst. Im Sommer 2016 sind wir dann an den Start gegangen und waren online.
Kirsten Jakob (Kirsten 2): Auf mich musste die Idee erst mal wirken. Ich habe so bei mir gedacht: Wer will das denn lesen. Aber es wollen viele lesen!
Kirsten 1: Ich glaube, wir erreichen Menschen, die müde sind, über große theoretische Erläuterungen zu reden, wie es oft in Talk-Sendungen passiert.

VdK-Zeitung: Um was geht es bei Ihren Geschichten?
Kirsten 2: Wir versuchen Geschichten zu schreiben, die in Wirklichkeit stattgefunden haben bzw. so ähnlich abgelaufen sind. Wir wollen zeigen, was im Alltag von Kindern mit Behinderung und deren Eltern so passiert im Hinblick auf Inklusion und leider auch Nicht-Inklusion. Wir wollen keinesfalls einzelne Menschen, Lehrkräfte oder Schulen in die Pfanne hauen. Es geht uns stark um die Innenansicht von Betroffenen und zwar kurz, knapp und ohne Wertung. Bei uns gibt es keine "Moral von der Geschicht".
Kirsten 1: Genau. Das hat sich aber bei uns auch erst entwickelt. Wir haben am Anfang oft wertende Sätzchen geschrieben, die wir dann schnell wieder rausgestrichen haben. Wir wollen nicht bewerten, wir wollen erzählen und wir wollen vor allem wirken lassen. Jeder Leser macht mit der Geschichte, was er will. Alles andere wäre belehrend.

Es gibt nicht "die Behinderten"

VdK-Zeitung: Ihre Geschichten haben immer eine Hauptcharaktere - entweder DER JUNGE oder DAS MÄDCHEN. Warum so unpersönlich?
Kisten 1:DER JUNGE/DAS MÄDCHEN sind Namen für unterschiedliche Kinder mit Behinderung. Mal geht es um ein blindes Kind, mal um ein Rolli-Kind. Es gibt ja keine Gruppe von "die Behinderten". Und ganz wichtig: DER JUNGE ist vielleicht manchmal, aber keinesfalls immer einer unserer Söhne (lacht)!
Kirsten 2: Eltern reagieren oft sehr interessant: Habt ihr neben unserem Kind gestanden? Woher wisst ihr, wie das war? Daran sehen wir, die Themen unserer Geschichten sind offenbar ganz typisch für Kinder mit Behinderung und deren Eltern. Da zeigen sich kollektive Erfahrungen, zum Beispiel das Ausgegrenzt werden oder die Gedankenlosigkeit der Umwelt.

VdK-Zeitung: Sie wohnen viele Kilometer voneinander entfernt. Kirsten 1 in Walldorf und Kirsten 2 in Ulm. Wie schreiben Sie die Geschichten?
Kirsten 2: Wir schreiben sowohl einzeln, als auch zusammen. Manchmal fängt eine die Geschichte an und kommt nicht weiter, dann schreibt die andere sie zu Ende.
Kirsten 1: Da ich von Haus aus Journalistin bin, redigiere ich meistens die Texte. Ich versuche unseren Stil einzuhalten und Texte anzupassen. Nach über einem Jahr schreiben wir auch noch unveröffentlichte Geschichten um, weil wir unseren Stil immer mehr gefunden haben. Eine gute Geschichte braucht nicht viele Wörter.

Geschichten zum Weinen UND Lachen

VdK-Zeitung: Obwohl es oft um fehlende Teilhabe oder Ausgrenzung geht, sind ihre Geschichten doch sehr humorvoll.
Kirsten 1:Es sind Geschichten zum Weinen UND zum Lachen und auch mit einem Augenzwinkern. Es ist für Eltern mit allen Kindern wichtig, dass man das kann, lachen! Es ist für Lehrer auch wichtig, dass sie mit Humor an die Dinge gehen. Wenn sie humorlos sind, ist es ganz schrecklich für jedes Kind und für die Eltern auch.

VdK-Zeitung: Wie waren die Reaktionen in ihrem direkten Umfeld, z.B. von Lehrkräften?
Kirsten 1: Wir haben viele positive Reaktionen bekommen. Die, die sich ertappt fühlen, die werden nichts sagen. Manchmal ist es interessant, dass sich Lehrkräfte angesprochen fühlen, obwohl wir sie gar nicht gemeint haben (lacht). Das zeigt einfach nur, dass es Verhaltensweisen gibt, die sehr verbreitet sind.
Kirsten 2:Von vielen Eltern haben wir die Reaktionen bekommen, dass wir genau den Alltag abbilden.

VdK-Zeitung: Ihre Geschichte wird immer von einer Illustration begleitet. Diese wird von dem "unbekannten Künstler" gestaltet. Erzählen Sie uns von der Idee.

Der "unbekannte Künstler" hat unser Logo in eine Illustration eingebaut - wir sind begeistert!

Der "unbekannte Künstler" hat unser Logo in eine Illustration eingebaut - wir sind begeistert!© Unbekannter Künstler

Kirsten1: Die Idee war aus der Not geboren. Wie könnte die Illustration aussehen, haben wir uns gefragt. Auf die Schnelle konnten wir keine weitere "Kirsten" finden. Da hat ein unbekannter Künstler, den wir familienbedingt kennen (lacht), die erste Illustration gemacht. Sie ist so gut geworden, dass seine Zeichnungen seither unser Markenzeichen sind.
Kirsten2: Absolut. Sowas kann man sich als Bloggerin nur wünschen. Einen Wiedererkennungswert.

Eine Illustration des "unbekannten Künstler" zum Thema Barrieren

Eine Illustration des "unbekannten Künstler" zum Thema Barrieren© Unbekannter Künstler

VdK-Zeitung:Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Hinblick auf Inklusion?
Kirsten 2: Dass es künftig ganz normal ist, dass ein Kind mit Behinderung in der Schule seines Stadtteils eingeschult wird, dass Heranwachsende nach der Schule genauso selbstverständlich am allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten können. Auch beim Wohnen muss es genauso problemlos die notwendige Unterstützung für selbstbestimmtes Leben geben, egal ob jemand z.B. in einer inklusiven Wohngemeinschaft oder in der eigenen Wohnung leben möchte.
Kirsten 1: Ich wünsche mir, dass Menschen die Energie, die sie einsetzen, um gegen Inklusion zu sein, genau diese Energie verwenden, um Inklusion gut umzusetzen. Es geht doch um Ideen und das Machen. Dass wir die noch getrennten Welten von Menschen mit Behinderung und der "Normalos" aufbrechen. Dafür braucht es nicht immer nur das liebe Geld. Wir brauchen zum Beispiel für unseren Blog nur Ideen, den Willen, es zu machen, Energie und einfach Zeit.
VdK-Zeitung: Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Priya Bathe, Mitarbeiterin der Abteilung Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, im VdK Landesverband Stuttgart.

Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob sind Mütter von Jungs mit Down-Syndrom. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen über die Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg - Gemeinsam leben und gemeinsam lernen e.V.. Beide Kirstens sind ehrenamtlich in der Inklusionsarbeit engagiert. Kirsten Ehrhardt ist zudem auch hauptberuflich für die Landesarbeitsgemeinschaft tätig. Jeden Montagmorgen um 6 Uhr erschein eine neue Geschichte rund um das Thema Inklusion von Kindern mit Behinderung auf ihrem Blog: https://kirstenmalzwei.blogspot.de/. Der Blog ist barrierefrei, d.h. die Geschichten sind als Audio abrufbar und die Geschichten sind in einfacher Sprache geschrieben. Wenn Sie eine E-Mail-Erinnerung über eine neue Geschichte auf dem Blog haben wollen, tragen Sie sich auf der Startseite des Blogs für ein Abonnement kostenfrei ein.

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  1. Die beiden Bloggerinnen Kirsten Ehrhardt (l.) und Kirsten Jakob | © privat
  2. Der "unbekannte Künstler" hat unser Logo in eine Illustration eingebaut - wir sind begeistert! | © Unbekannter Künstler
  3. Eine Illustration des "unbekannten Künstler" zum Thema Barrieren | © Unbekannter Künstler

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