29. März 2019
VdK-ZEITUNG

„Ich habe alles auf eine Karte gesetzt“

Als 17-Jähriger muss Lorenz Graus in den Krieg ziehen. Was er 1944 an der Front erlebte und wie er zahlreiche Angriffe überlebte, hat der 93-Jährige in einem Buch aufgeschrieben.

Lorenz Graus hat seine Kriegserlebnisse in einem Buch aufgeschrieben. | © VdK Saarland

Lorenz Graus muss einen Schutzengel gehabt haben. Immer wieder fliegen ihm die Kugeln um die Ohren. Nur zweimal wird er getroffen und hat dabei das Glück, dass er keine inneren Verletzungen erleidet. 16 Tage lang schlägt er sich zusammen mit seinem Kameraden „Edi“ durch den russischen Wald und schafft es, der russischen Gefangenschaft zu entgehen – vorerst.

Die erste Kugel trifft ihn im Juli 1944. Der junge Soldat, der zwei Monate nach seinem 17. Geburtstag eingezogen wird, muss als Nachhut beim Rückzug von der Front südlich von Leningrad zurückbleiben. Die Truppe gerät unter Beschuss und beschließt, sich aufzuteilen. Einige Soldaten wollen sich ergeben – darunter der Unteroffizier, der wegen früherer Verletzungen zu schwach ist. Lorenz Graus aber ist fest entschlossen, sich allein durchzuschlagen. Nur seinen Kameraden Eduard Steidl, einen MG-Schützen, kann er überzeugen, mit ihm zu gehen.

Sie kämpfen sich durch ein urwaldähnliches Gelände, da der Wald mehr Schutz bietet als offene Flächen, begegnen Leichen von deutschen und russischen Soldaten sowie totem Vieh. Verletzt wird Graus, als sie tagsüber an einem Fischer vorbeischleichen, der sie bemerkt und auf die Flüchtenden schießt. Graus wird unter dem Schulterblatt getroffen, verliert zunächst viel Blut, gibt aber nicht auf.

Tagelang ernähren sich die beiden jungen Männer von Beeren und noch nicht ausgereiften Roggen- und Weizenkörnern, kratzen das Fett aus weggeworfenen Dosen an verlassenen Rastplätzen und sammeln Schenkel von Fröschen. Eines Tages, als sie sich in einem Kornfeld verstecken, kommt ihnen eine Idee: die Froschschenkel zu rösten. Doch wie unbemerkt Feuer machen? Sie haben zwar noch eine Kerze aus Talg und ein Streichholz, doch das ist feucht geworden. Schließlich gelingt es ihnen, die Talgkerze mit Hilfe des Streichholzes und einer Brille in der sengenden Julihitze zu entzünden und in einem Becher, aufgespießt auf einer Nagelfeile, zu braten. „Das war ein Leckerbissen, wenn er auch klein war“, erinnert sich Graus.

Graus als junger Soldat. | © Privat

Nach 16 Tagen Flucht und Hunger will Graus versuchen, Süßstoff bei russischen Bauern umzutauschen. „Ich wusste, dass die darauf scharf waren. Mir war auch klar, dass wir verhungern werden, wenn wir nicht bald richtige Nahrung bekommen“, sagt Graus. Er überlässt Steidl seine rostige Pistole und wagt es, ein paar junge, russische Burschen anzusprechen. Es ist das letzte Mal, dass er Steidl sieht.

Die Burschen aber verraten ihn. Graus wird von bewaffneten Zivilisten gefangengenommen, die ihm alles abnehmen, darunter Fotos, die Geldbörse und eine Uhr an einer Kette, die ihm seine Mutter geschenkt hat. Der junge Soldat ist hin- und hergerissen. Er fürchtet, dass die Zivilisten ihn erschießen werden, da er verwundet und nicht von großem Nutzen für sie ist.

Schließlich setzt er alles auf eine Karte: Er wartet den richtigen Augenblick ab, springt über den Graben und flieht in den Wald. „Es pfiff mir um die Ohren, ich spürte einen Schlag und fiel zu Boden“, schreibt Graus. Er blickt zurück und sieht, wie sein Verfolger den Karabiner nachlädt. „Das war mein Glück, dass sie nur Karabiner und keine Maschinengewehre hatten. Während der Schütze noch auf sein Gewehr konzentriert war, habe ich einen Haken geschlagen und bin davon“, erzählt Graus.

Er versteckt sich im Gebüsch und bemerkt erst jetzt, dass er doch getroffen wurde: ein Oberarmdurchschuss. Die zurückweichende Front ist inzwischen ganz nah – Graus hört die Schüsse und sieht herrenlos herumlaufendes Vieh.

Als Frau verkleidet

In der Nacht überquert er das nächste Hindernis: die Rollbahn, auf der ständig Lastwagen und Panzer mit Nachschub verkehren. Später findet er eine Jacke und einen Kartoffelsack, den er sich zum Rock umbindet. Ein Taschentuch wird zum Kopftuch. Unterwegs grüßt er einen Zivilisten auf Russisch, der ihn für eine Frau hält. Und wieder hat Graus Glück: Wegen eines Sees ist die Frontlinie durchbrochen, sodass er es schafft, auf die deutsche Seite zu gelangen, wo er endlich versorgt wird.

Vom Hauptfeldwebel, der ihm zu seinem Schneid bei der Flucht gratuliert, erfährt er später, dass die meisten seiner Kameraden, darunter auch Steidl, seit Juli vermisst sind. Nach dem Krieg versucht Graus alles, um herauszufinden, was mit „Edi“ passiert ist. Das Deutsche Rote Kreuz urteilt in einem Gutachten von 1970, dass davon auszugehen sei, dass Steidl gefallen ist. „Er wollte nie in russische Gefangenschaft. Es ist gut möglich, dass er sich das Leben genommen hat“, mutmaßt Graus.

Graus selbst, der auf fast 40 Kilogramm abgemagert ist, kann sich im Lazarett erholen. Da er beinahe in russische Gefangenschaft geraten ist, soll er nicht mehr in Russland eingesetzt werden. Doch das Schicksal meint es anders. Es ist der 15. September 1944. In Finnland soll seine Truppe eine Insel besetzen, doch der Angriff misslingt. Graus flieht vom Boot ans Ufer, neben ihm fällt ein Soldat – aus seinem Bauch klafft das blutige Loch einer Schusswunde. „Der war erledigt. Und wieder hatte ich solches Glück, es hätte auch mich treffen können“, sagt Graus. Er gerät in finnische Gefangenschaft, wo es ihm gut ergeht.

Doch dann werden die finnischen Gefangenen an Russland übergeben. „Als wir das Lager betraten und die ersten Insassen zu Gesicht bekamen, überfiel uns das kalte Grausen. Verdreckt, total unterernährt und wackelig auf den Beinen und mit glasigen Augen, das waren unsere Kameraden“, schreibt Graus in seinem Buch. Der junge Saarländer überlebt zwei verschiedene Lager, erlebt täglich das Sterben von rund 30 Gefangenen durch Kälte, Hunger und Krankheit. Die Leichen werden ohne Registrierung verscharrt, verschwinden für immer, gelten bis heute als vermisst.

Auf die Frage, wie die russische Gefangenschaft war, zeigt Graus auf eine Zeichnung in seinem Buch: vorne steht ein Soldat, im Hintergrund sieht man Männer anstelle von Ochsen vor einen Karren gespannt. Er schreibt dazu: „Wir waren natürlich froh, dass der kalte Winter vorbei war. Doch unsere Freude wurde bald getrübt, denn ein neues schweres Kommando wartete auf uns. Es war eine Arbeit, die man bei uns für unmöglich gehalten hätte“. Doch da Pferde und Ochsen fehlen und es genug Kriegsgefangene gibt, müssen diese herhalten.

Doch für Graus kommt es noch schlimmer: Bei der Arbeit an den Holzflößen muss er im kalten Wasser stehen und bekommt Fieber und eine Rippenfellentzündung. Als das Fieber nach wenigen Tagen vorbei ist, wird er wieder ins Wasser geschickt. „Das hat mir den Rest gegeben, da war es vorbei, es hat mich kaputt gemacht“, erinnert sich Graus.

Als Deutschland wenige Wochen später kapituliert, kann er endlich mit seiner Entlassung rechnen. Graus ist einer der ersten Russland­rückkehrer, als er in seiner Heimat Wiesbach ankommt. Seine Mutter, die zwei Jahre nichts von ihm gehört hat, erkennt ihren Sohn, der nur noch 40 Kilogramm wiegt, kaum wieder. Da schaut er zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder in einen Spiegel, kann endlich wieder ein Bad nehmen.

Albträume bis heute

Nicht alle Heimkehrer haben die Rückkehr überlebt, und auch Graus’ Leben steht auf der Kippe, als er an einer Lungenentzündung erkrankt. Medikamente gibt es keine. Und als er diese überstanden hat, erleidet der inzwischen 20-Jährige eine Hirnembolie mit rechtsseitiger Lähmung. Doch er hat „wieder Glück“, das Gerinnsel löst sich von selbst auf.

Noch heute schreckt Lorenz Graus manchmal völlig verschwitzt aus dem Schlaf hoch. „Ich sage dann zu meiner Frau: Die Russen waren wieder hinter mir her.“ Selbst im Alter von 93 Jahren erinnert er sich an den Krieg, als ob es gestern gewesen wäre. „Ich muss über mich selbst staunen, dass ich das überstanden habe.“

Kriegserlebnisse eines 17-Jährigen

Nach dem Krieg ist Lorenz Graus aufgrund zahlreicher Kriegsverletzungen zunächst arbeitsunfähig und erhält Kriegsrente, bis er eine Stelle bei der Verwaltung als Aushilfe in Eppelborn bekommt. Als er und andere Kriegsbeschädigte entlassen werden sollen, wendet er sich an den damaligen Landesvorsitzenden des VdK, Karl Hoppe, der damals noch Sekretär beim Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann ist. Hoppe teilt ihm mit, dass eine Entlassung nicht zulässig sei. Graus wird weiterbeschäftigt, besucht die Verwaltungsschule und wird später ­Standesbeamter. Seine Töchter drängen ihn dazu, seine Kriegserinnerungen aufzuschreiben. Sein Buch „Kriegserlebnisse eines 17-Jährigen“ ist im Eigenverlag erschienen und kann für 12 Euro per E-Mail bestellt werden: info@itenga.de . Der Erlös geht an ­„Kroki“, einem Förderverein für chronisch kranke Kinder in Gießen.

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