Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz e.V.
12. März 2015

Teurer Strom wird zur Armutsfalle

Steigende Strompreise bringen mehr Rheinland-Pfälzer in Not

Altersarmut und Kinderarmut, das sind Begriffe die jeder kennt. Aber wer hat schon einmal von Energiearmut gehört? Die Strompreise verteuerten sich in den vergangenen zehn Jahren um 65 Prozent. Mit diesem Anstieg konnten weder die Rentenerhöhungen noch die Hartz IV-Regelsätze mithalten. Deshalb werden die hohen Strompreise für immer mehr Menschen zum Armutsrisiko.

Fassungslosigkeit beim Anblick der Stromrechnung! | © Petra Bork/pixelio.de


Acht Prozent und somit 36.800 Haushalte sind in Rheinland-Pfalz von Stromsperren betroffen. Dies hat eine Umfrage der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz bei den Energieversorgern ergeben. Neben Familien mit einem geringen Einkommen leiden insbesondere Leistungsbezieher unter den steigenden Strompreisen. Denn trotz einer Anhebung des Regelbedarfs zum 1. Januar 2015 um acht Euro monatlich auf 399 Euro, müssen Hartz IV-Empfänger in Rheinland-Pfalz Mehrkosten für Strom von etwa 145 im Jahr stemmen. Der Grund: Die Bemessungsgrundlage für Energie im Hartz-IV-Bereich reicht nicht aus, um die Stromkosten komplett zu decken.

Laut einer Analyse des Vergleichsportals „Check24“ müssen rheinland-pfälzische Hartz IV-Empfänger mit zwölf Euro im Monat die größte Differenz zwischen Regelsatz und Stromkosten zahlen. Zum Vergleich: In Bremen betragen die Mehrkosten „nur“ fünf Euro.

Antje Kahlheber kennt als Projektleiterin der Energiekostenberatung der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz die Hauptursachen für hohe Energiekosten: „Häufig steigen die Energiekosten nach einem Umzug, wenn in der neuen Mietwohnung Geräte mit hohem Energieverbrauch installiert sind. Elektrische Warm-Wasser-Bereiter sind zum Beispiel große Stromfresser und somit das Hauptproblem vieler Mieter.“ Das Dilemma: Ausgerechnet diese Stromfresser sind bei Vermietern sehr beliebt, da sie kostengünstig in der Anschaffung sind und der Vermieter bei Stromschulden seines Mieters nicht belangt werden kann.

Zuschuss von zehn Euro


Zeigt der Vermieter keine Bereitschaft zur Anschaffung neuer Geräte, rät Antje Kahlheber zum Umzug. Leistungsbezieher, die auf eine dezentrale Warmwasseraufbereitung angewiesen sind, steht ein Zuschuss von monatlich rund zehn Euro vom Job-Center zu. Allerdings informieren nicht alle Job-Center über diese finanzielle Unterstützung. „Wir haben in den Beratungsgesprächen in Mainz die Erfahrung gemacht, dass rund ein Viertel der Betroffenen den Zuschuss nicht kennt“, sagt Kahlheber. „Wir schließen daraus, dass das Job-Center nicht immer abfragt, wer zusätzliche Kosten durch eine elektrische Warmwasserbereitung stemmen muss.“
Die Energieexpertin der Verbraucherzentrale spricht sich außerdem für einen leichteren Zugang zu Darlehn bei Stromschulden aus. Auch hier halte sich das Job-Center Mainz bei der Darlehnsvergabe im Vergleich zu anderen Städten sehr zurück, so Kahlheber.

Krankheit ist eine Ursache

Die Verbraucherzentrale hat die vergangenen zwei Jahre im Rahmen eines Pilotprojekts rund 350 Betroffene in Mainz zum Thema Energiearmut befragt und beraten. Ein erstes Zwischenergebnis hat gezeigt, dass für ein Drittel der Ratsuchenden psychische und körperliche Krankheiten begünstigende Faktoren bei der Entstehung von Energiearmut sind. Zusätzlich erschweren Krankheiten auch den Weg aus der Energiefalle.

Dass die Lage für die Betroffenen nicht hoffnungslos ist, zeigt ein weiteres Zwischenergebnis des vom Land geförderten Projekts: In 72 Prozent der Fälle konnte dank richtiger Energieberatung eine verhängte Stromsperre aufgrund von Zahlungsrückständen aufgehoben und in 70 Prozent eine angedrohte Stromsperre verhindert werden.

Katie Scholl

Schlagworte Energiearmut | Stromkosten | Hartz-IV

VdK fordert einen Sozialtarif

Armut hat viele Gesichter, das wird mir immer wieder in Gesprächen mit bedürftigen VdK-Mitgliedern deutlich. Was mich als Vorsitzenden aber nicht nur betroffen – sondern auch wütend macht – ist, wenn Menschen in die Armut gedrängt werden. Und genau diese Wut habe ich, wenn es um die so genannte „Energiearmut“ geht. Hier sprechen wir in den meisten Fällen nicht von Menschen, die durch Dauerduschen, Licht-Brennen-Lassen und stundenlangen Fernsehkonsum ihre Energiekosten hoch treiben. Von Energiearmut sind Menschen betroffen, deren Rente oder Hartz IV-Bezüge mit den stark gestiegenen Energiepreisen einfach nicht mehr mithalten konnten. Und diese Menschen werden zurzeit von der Politik noch viel zu oft alleine gelassen.

Deshalb fordern wir als Sozialverband eine Anpassung des Hartz IV-Regelsatzes an die steigenden Energiekosten und somit an die Lebenswirklichkeit. Außerdem ist aus unserer Sicht die Einführung eines Sozialtarifs bei den Strompreisen längst überfällig. Denn wenn der Vermieter Stromfresser wie einen elektrischen Warm-Wasser-Bereiter eingebaut hat, dann reichen auch zehn Euro staatliche Unterstützung zusätzlich im Monat nicht aus, um die hohen Energiekosten zu decken. Außerdem ist es ungerecht, dass der Staat vielen Unternehmen die steigenden Kosten durch die Energiewende erlässt, sozial Schwache hingegen die vollen Mehrkosten mittragen müssen.

Wir begrüßen es, dass das Land in Mainz ein zweijähriges Energiesparprojekt der Verbraucherzentrale gefördert hat und künftig weitere Beratungsangebote schaffen will. Aber derzeit sind 36.800 Haushalte in Rheinland-Pfalz von Energiearmut betroffen. Für Sie muss einfach mehr getan werden.
Willi Jäger,
Landesverbandsvorsitzender

Kostenlose Beratung

Energiekostenberatung bietet die Verbraucherzentrale unter der kostenlosen Rufnummer 08006075600 an.
Wer zu Hause testen will, wo die Energiefresser sitzen, kann für zehn Euro einen Energiecheck von einem Ingenieur durchführen lassen. Für einkommensschwache Haushalte mit entsprechendem Nachweis ist der Check zu Hause kostenlos. Ein Beratungstermin kann per E-Mail unter energie@vz-rlp.de oder postalisch über Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Energiekostenberatung, Postfach 41 07 in 55031 Mainz vereinbart werden.

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