Sozialverband VdK Deutschland e.V.
25. Juni 2019
Wohnungspolitik

Kommentar von Verena Bentele: Ein Dach über dem Kopf

von VdK-Präsidentin Verena Bentele

Nach 42 Jahren muss die 83-jährige Rentnerin raus aus ihrer Wohnung. Eigenbedarf. Denn die Wohnung, die einst einer Genossenschaft in einem gar nicht so schicken Münchner Stadtteil gehörte, ist über verschlungene Wege irgendwann zur Eigentumswohnung geworden. Die alte Dame verliert nicht nur ihr Dach über dem Kopf, sie verliert ihre Nachbarn, ihren Bäcker, ihren Arzt und die Bank im Hof, wo sie manchmal saß.

Verena Bentele, VdK-Präsidentin | © Silvia Béres, München

Solche Schicksale lassen sich in nahezu allen deutschen Großstädten finden. Auf dem Wohnungsmarkt werden alle gnadenlos vor die Tür gesetzt, die nicht mithalten können. Zu alt, zu arm, zu viele Kinder, zu viele Behinderungen – Gründe gibt es viele, warum diese Menschen sich auf die endlos langen Wartelisten für den Bezug einer Sozialwohnung setzen lassen.

Das Bundesbauministerium hat mitgeteilt, dass 2018 bundesweit 27 040 geförderte Sozialwohnungen neu gebaut wurden. Das sind nur 809 Wohnungen mehr als 2017. Der Mieterbund hat vorgerechnet, dass es jährlich 80.000 neue Sozialwohnungen geben müsste, um den Bedarf zu decken. Da immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen, ist die Nettoanzahl der Sozialwohnungen trotz Neubauten seit Jahren extrem rückläufig. Doch während sich die Verantwortlichen von Bund, Ländern und Kommunen den Schwarzen Peter dafür gegenseitig zuschieben, wächst die Verzweiflung bei den Betroffenen. Die Wohnung zu verlieren oder gar obdachlos zu werden, bedroht die Existenz und die Menschenwürde.

Wohnungspolitik ist ein Knackpunkt für die Glaubwürdigkeit einer Regierung. Es geht bei der Wohnraumförderung nicht um die Schaffung von Palästen, es geht um die Umsetzung des Rechts auf angemessenen, bezahlbaren Wohnraum. Die Fördermittel des Bundes dürfen also keinesfalls wie geplant von jetzt 1,5 Milliarden Euro auf eine Milliarde Euro jährlich sinken. Das wäre das absolut falsche Signal. Es muss im Gegenteil noch mehr, aber zielgerichteter gefördert werden. Insbesondere in den Erhalt und den Aufbau lebendiger Sozialräume und in genügend barrierefreie Wohnungen.

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