20. Januar 2016
Teilhabe und Behinderung

Urteil: Rollstuhlfahrer muss Aufzug im geplanten Neubau selber bezahlen

Landessozialgericht Darmstadt: Arbeitszimmer im 1. Stock ist freie Entscheidung

Planen Rollstuhlfahrer einen Einfamilienneubau mit Arbeitszimmer im 1. Stock, können sie sich von der Rentenversicherung nicht die Kosten für einen Aufzug erstatten lassen. Zwar gehört für Behinderte auch die Wohnungshilfe zu den Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, aber nur, wenn dies beruflich notwendig ist, entschied das Hessische Landessozialgericht (LSG) in Darmstadt in einem am Dienstag, 19. Januar 2016, veröffentlichten Urteil (Aktenzeichen: L 2 R 262/14). Hier sei es aber die persönliche Entscheidung des Rollstuhlfahrers gewesen, das Arbeitszimmer in den 1. Stock zu verlegen.

© Imago/Westend61

Der 48-jährige, auf den Rollstuhl angewiesene Kläger arbeitet als Konstruktionsleiter und wohnt in der Nähe seines behindertengerecht ausgestatteten Arbeitsplatzes. Als er ein Einfamilienhaus für sich plante, sollte sein Arbeitszimmer im 1. Stock liegen. Ein Aufzug sollte gewährleisten, dass er sein Arbeitszimmer auch ohne fremde Hilfe erreichen kann. Bezahlen sollte allerdings die Rentenversicherung den Aufzug. Diese müsse schließlich Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben gewähren.

Die Rentenversicherung lehnte ab. Die begehrte Wohnungshilfe sei von ihr als Rehabilitationsträger nur zu erbringen, wenn eine berufsbedingte Notwendigkeit vorliege.

Das Landessozialgericht bestätigte in seinem Urteil vom 30. Oktober 2015 diese Entscheidung. Mit der Wohnungshilfe sollten Kosten für die Beschaffung, Ausstattung und Erhaltung einer behindertengerechten Wohnung in angemessenen Umfang übernommen werden. Im Rahmen der Teilhabe am Arbeitsleben seien jedoch Maßnahmen nicht förderungswürdig, die ohne unmittelbaren Bezug zur Berufsausübung zum Bestandteil der persönlichen Lebensführung gehörten, die Lebensqualität verbesserten oder elementare Grundbedürfnisse befriedigten und sich nur mittelbar auf die Berufsausübung auswirkten, heißt es in dem Urteil.

Hier habe der Kläger bereits einen behindertengerechten Arbeitsplatz und arbeite zusätzlich in einem häuslichen Arbeitszimmer. Dieses im geplanten Neubau im 1. Stock vorzusehen, liege im privaten Ermessen des Rollstuhlfahrers, betonten die Darmstädter Richter. Der Aufzug diene auch nicht nur der Berufsausübung. Denn mit ihm könnten auch weitere Privaträume im 1. Stockwerk des Hauses erreicht werden.

Der Rollstuhlfahrer könne sich zudem nicht darauf berufen, dass der Aufzug die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft fördere und dieser daher als Maßnahme der Eingliederungshilfe zu bezahlen sei. Dies sei nur bei Bedürftigkeit möglich, welche bei dem Mann nicht vorliege.

juragentur

Schlagworte Urteil | Behinderung | Aufzug | Rollstuhl | Rollstuhlfahrer | Landessozialgericht | Aktenzeichen | Arbeitszimmer | Teilhabe | Arbeitsleben | behindertengerecht | Arbeitsplatz | Kosten | Rentenversicherung

VdK-Pressemeldung
Symbolfoto: Rad eines Rollators oder Rollstuhls scheitert an einer Bordsteinkante
2.12.2016 - In einer gemeinsamen Erklärung fordert der Sozialverband VdK Deutschland mit anderen Verbraucher-, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden die Bundesregierung auf, umfassende Barrierefreiheit, also die Zugänglichkeit aller Lebensbereiche, für Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigungen herzustellen. | weiter
02.12.2016
Logo Deutscher Behindertenrat

Der VdK führt im Jahr 2016 den Vorsitz im Deutschen Behindertenrat (DBR), dem Aktionsbündnis deutscher Behindertenverbände. Im DBR haben sich alle wichtigen Organisationen behinderter und chronisch kranker Menschen zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen, das mehr als 2,5 Millionen Betroffene in Deutschland repräsentiert. Mehr unter

www.deutscher-behindertenrat.de

Urteile zu Behinderung

Teilhabe und Behinderung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
Haben schwerbehinderte Menschen zumindest noch die Chance auf eine berufliche Tätigkeit, muss die Bundesagentur für Arbeit ihnen auch hierfür eine berufliche Ausbildung bezahlen. Dies gilt selbst dann, wenn der Arbeitsuchende wegen seiner Behinderung nur noch seinen Computer mit den Augen steuern kann und eine Ausbildung zum Webdesigner dann möglich ist. | weiter
28.10.2016 | juragentur
Teilhabe und Behinderung
Symbolfoto: Ein blinder Mann orientiert sich mithilfe seines GPS-fähigen Smartphones
Blinde Menschen können von ihrer Krankenkasse zur besseren Orientierung im Nahbereich ihrer Wohnung ein „Navi“-ähnliches GPS-System beanspruchen. Anders als ein Langstock ermöglicht das Hilfsmittel ein „vorausschauendes Gehen“, entschied das Sozialgericht Berlin in einem am Montag, 2. Mai 2016, veröffentlichten Urteil. | weiter
02.05.2016 | juragentur

VdK-TV: Was ist eigentlich der "Grad der Behinderung" (GdB)?

Was bedeutet eigentlich "Grad der Behinderung" - kurz GdB - und wie wird er errechnet?

"Weg mit den Barrieren!" - Spot zur VdK-Kampagne (UT)

Der Spot zur Kampagne "Weg mit den Barrieren", mit der sich der Sozialverband VdK für ein barrierefreies Deutschland stark macht.

So hilft der VdK

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Jemand hält ein Hörgerät in der Hand.
Drei lange Jahre kämpfte VdK-Mitglied Marion L. (38, Name von der Redaktion geändert) für eine Versorgung mit digitalen Hörgeräten. Vor Kurzem gewann sie endlich den Prozess gegen ihre Krankenkasse. Ein langer Weg, der mithilfe des Sozialverbands VdK Nordrhein-Westfalen zu einem guten Ende führte. | weiter
31.10.2016 | sko
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Kind spielt Fußball
Wer Sport treibt, benötigt geeignete Kleidung und Schuhe. So ging es auch dem mobilitätseingeschränkten VdK-Mitglied Karsten T. (Name von der Redaktion geändert) aus Berlin. Mit Hilfe des Sozialverbands VdK Berlin-Brandenburg gelang es ihm, seinen Anspruch auf orthopädische Sportschuhe durchzusetzen. | weiter
27.09.2016 | Sabine Kohls
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
VdK-Mitglied Gerald Berger aus Röllbach im unterfränkischen Landkreis Miltenberg ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt. Um arbeiten zu können, braucht er ein Anti-Dekubitus-Sitzkissen für den Rollstuhl. Doch sowohl die Deutsche Rentenversicherung (DRV) als auch die Krankenkasse lehnten eine Kostenübernahme ab. Erst eine Klage des VdK vor dem Sozialgericht brachte Erfolg. | weiter
30.08.2016 | Annette Liebmann
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Zwei Passanten sind mit einem Blindlangstock in der Stadt unterwegs.
Doris Bieber aus Bad Homburg in Hessen lebt mit einer seltenen Erkrankung. Wegen einer Lähmung der Augenlidmuskulatur (Blepharospasmus) ist sie funktionell blind, das heißt, sie kann zeitweise nicht sehen. Dies wollte ihre Krankenkasse jedoch nicht anerkennen und verweigerte der 73-Jährigen einen Blindenlangstock und die entsprechende Schulung für den Umgang mit dem Hilfsmittel. Erst als sie den VdK Hessen-Thüringen einschaltete und die Klage am Sozialgericht eröffnet wurde, lenkte die Krankenkasse ein. | weiter
24.02.2016 | ikl
Teilhabe und Behinderung
Symbolfoto: Ein Stapel Aktenordner
Der Sozialverband VdK Deutschland hat eine Stellungnahme zum Referentenentwurf für das Bundesteilhabegesetz abgegeben. Die Stellungnahme kann hier als PDF-Dokument heruntergeladen werden. | weiter
19.05.2016
Rente
Symbolfoto: Buchstabenwürfel bilden das Wort "Rente", darauf sitzen kleine Figürchen von Senioren
Lesen Sie hier aktuelle Informationen rund um das Thema Rente und Alterssicherung. Informieren Sie sich über die aktuelle Rentenpolitik, über die Themen Rentenanpassung und Rentengarantie, Betriebsrente und vieles mehr.
Gesundheit
Symbolfoto: Ein Stethoskop
Wissenswertes in Form von aktuellen Informationen aus dem Bereich Gesundheit, etwa zu Arzneimitteln, Patientenrechten, zu den Themen Prävention, medizinische Rehabilitation, Kur und vieles mehr.
Pflege
Symbolfoto: Angehörige oder Pflegekraft beugt sich über einen Senior im Rollstuhl
Informieren Sie sich über aktuelle Meldungen aus dem Bereich Pflege, zum Beispiel zu Neuerungen in der Pflegepolitik, zur Reform der Pflegeversicherung oder Informationen für pflegende Angehörige.
Teilhabe und Behinderung
Symbolfoto: Eine Frau im Rollstuhl an ihrem Schreibtisch im Büro
Aktuelle Informationen rund um das Thema Behinderung, zum Beispiel zu den Bereichen Barrierefreiheit, Behindertenpolitik, Nachteilsausgleiche, Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsleben und vieles mehr.
Armut
Plakatmotiv der VdK-Aktion gegen Armut
Armut ist ein wachsendes Problem in Deutschland. Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose. Der VdK setzt sich gegen Armut ein und für Maßnahmen, die Armut verhindern.