12. September 2016
Armut

Kinderarmut steigt: Mehr Familien leben von Hartz IV

VdK: Aufgabe der Bundesregierung, das Ruder herumzureißen und Kinderarmut effektiv zu bekämpfen

Auch im prosperierenden Deutschland bleibt Kinderarmut ein Problem: Fast zwei Millionen Kinder sind auf Hartz IV angewiesen. Sozialleistungen zu bekommen, ist für die meisten inzwischen ein Dauerzustand, wie aktuelle Berechnungen zeigen.

© Imago/JOKER

Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs leben in Deutschland mehr Kinder in Armut. Der Anteil der jungen Menschen, deren Familie von Sozialleistungen lebt, sei jedoch regional sehr unterschiedlich, teilte die Bertelsmann-Stiftung am Montag mit. Den Berechnungen zufolge kletterte die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten in den westlichen Ländern von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015. Im Osten sank der Anteil armer Kinder im selben Zeitraum zwar um 2,4 Prozentpunkte, blieb aber mit 21,6 Prozent vergleichsweise hoch. Damit wuchsen vergangenes Jahr in Deutschland insgesamt mehr als 1,9 Millionen Kinder in Armut auf (14,7 Prozent) - 52.000 mehr als noch 2011.

Sorgen bereitet den Forschern, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in der Armut feststeckt: Im Schnitt sind 57,2 Prozent der betroffenen Kinder zwischen 7 und 15 Jahren mehr als drei Jahre auf Grundsicherungsleistungen angewiesen.

"Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen", sagte Anette Stein, Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann-Stiftung. So zeige die Auswertung einer Vielzahl von Studien der vergangenen Jahrzehnte zum Thema, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile haben und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern keine finanziellen Sorgen haben.

Das höchste Armutsrisiko hat den Daten zufolge der Nachwuchs von Alleinerziehenden oder aus kinderreichen Familien. Mit fast einer Million wächst mehr als die Hälfte aller Kinder im Hartz-IV-Bezug bei nur einem Elternteil auf, meist der Mutter. 36 Prozent leben mit zwei oder mehr Geschwistern. Kinderarmut ist dabei ein Problem, das in Städten erheblich stärker ausgeprägt ist als in ländlicheren Regionen, wie die Experten hervorheben. Darin spiegelten sich auch die wirtschaftliche Lage, etwa ein generelles Nord-Süd-Gefälle, sowie strukturelle Probleme innerhalb der Länder. So gibt es Städte, in denen mehr als jedes dritte Kind in einer Familie aufwächst, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen ist.

Beim Negativspitzenreiter Bremerhaven liegt die Quote den Berechnungen zufolge bei 40,5 Prozent. Es folgen Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) und Berlin (32,2 Prozent). Bayern und Baden-Württemberg haben mit 6,8 Prozent bzw. 8,0 Prozent die niedrigsten Anteile in ganz Deutschland. Zum Vergleich: In Berlin ist fast jedes dritte Kind von Sozialleistungen abhängig.

VdK: Wirksames Konzept der Regierung ist überfällig

Der Sozialverband VdK äußerte sich wie folgt zu den Ergebnissen der Studie: "Die aktuelle Studie belegt erneut, dass ein wirksames Konzept der Regierung gegen Kinderarmut überfällig ist. Dem hohen Armutsrisiko von Kindern Alleinerziehender muss Rechnung getragen werden, indem Leistungen wie Kinderzuschlag und Unterhaltsvorschuss so reformiert werden, dass sie den Betroffenen wirklich zu Gute kommen. Damit Kinder nicht von ALG II leben müssen, bedarf es eines Ausbaus der familienpolitischen Leistungen, insbesondere für die unteren Einkommensbezieher", so VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

"Bei der aktuell anstehenden Neuberechnung der Regelsätze für die Grundsicherung zeigt sich erneut, dass diese nur die Kinderarmut festschreibt. Denn sie orientiert sich nicht daran, was ein Kind tatsächlich braucht, um unter guten Bildungs- und Entwicklungschancen ins Leben zu starten. Es ist die Aufgabe der Bundesregierung, hier noch das Ruder rumzureißen und Kinderarmut effektiv zu bekämpfen. Dazu gehört, dass sie die tatsächlichen Bedarfe der Kinder und Jugendlichen für Bildung, soziale Teilhabe und gesunder Ernährung für die Berechnung zu Grunde legt."

"... und raus bist du." - Plakatmotiv der VdK-Kampagne "Aktion gegen Armut" aus dem Jahr 2008. | © VdK

dpa/cl

Schlagworte Armut | Kinderarmut | Hartz IV | ALG 2 | Kinder | Familie | Alleinerziehende | soziale Spaltung

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